Kommentar zum Heft 26/2015

25.06.2015

© Sabine Rübensaat

Christoph Feyer, Chef vom Dienst

Liebe Leserinnen und Leser,

die Bundesregierung betrügt die Bürgerinnen und Bürger, die Gentechnik im Essen und auf den Äckern mehrheitlich ablehnen, ein weiteres Mal“, polterte unlängst Harald Ebner, „Gentechnikexperte“ der Grünen-Fraktion. Anlass zur Empörung gab ihm Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der im Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung bekannt gab, dass auch künftig Milch- und Fleischprodukte von Tieren, die mit genverändertem Futtermittel gefüttert wurden, nicht gekennzeichnet werden müssen. Ebners Reaktion scheint verständlich, da sich der Minister ohne viel Aufhebens mal eben von einem Ziel des Koalitionsvertrags verabschiedete. Darin hieß es, man trete „für eine EU-Kennzeichnungspflicht“ für genveränderte tierische Lebensmittel ein.

Wer daraus nun schlussfolgert, dass Gentechnikgegner für Transparenz und lückenlose Kennzeichnung seien, wird sich jedoch getäuscht sehen, denn kaum wollen die Befürworter alle Waren kennzeichnen, die irgendwie mit Gentechnik hergestellt wurden, warnen Greenpeace & Co. vor „Verbraucherverdummung“. So geschehen Mitte Mai, als das Forum Grüne Vernunft (FGV) eine Petition beim Bundestag einreichte und forderte, „dass alle Lebens-, Arznei-, Futter-, Reinigungs- und Waschmittel, Textilien und anderen Produkte, bei deren Herstellung und Weiterverarbeitung gentechnologische Verfahren eingesetzt wurden, auf der Verpackung zu kennzeichnen sind“. Nach Auffassung des FGV müssten dann 60 bis 70 Prozent aller Lebensmittel markiert werden und Verbraucher ihre Angst vor Gentechnik verlieren. Nebeneffekt wäre, dass all den „ohne Gentechnik“-Produkten die Geschäftsgrundlage entzogen würde, bei deren Herstellung Anwendungen der Gentechnik erlaubt sind. Ein Beispiel dafür wäre Käse, der fast nur noch mit gentechnisch hergestelltem Chymosin und nicht mehr mit Lab aus Kälbermägen produziert wird. Erfolg war der Petition indes nicht beschieden – nur 2 200 unterschrieben sie.

Noch unübersichtlicher wird es, wenn man sich mit den Entwicklungen der Pflanzenzucht beschäftigt. Da gibt es zum Beispiel molekularbiologische Methoden, die unter den Begriffen „Genome editing“ oder  „Präzisionszüchtung“ zusammengefasst werden und bei denen gezielte Mutationen in ganz bestimmten Abschnitten des Erbgutes herbeigeführt werden. Im Ergebnis werden damit einzelne Gene an- oder ausgeschaltet, eingefügt oder entfernt. Sorten, die so entstehen, können nicht von herkömmlich gezüchteten unterschieden werden und sind laut gesetzlicher Definition auch keine gentechnisch veränderten Organismen (GVO). Dafür hätte ihr genetisches Material so verändert werden müssen, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich wäre. Das ist bei dieser Technologie aber wohl nicht der Fall, wie jetzt erneut das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bestätigte. Eine etwas sperrige Erklärung können Sie im Interview auf Seite 21 nachlesen. Anlass dafür gab die kalifornische Firma Cibus, die mit „Genome editing“ einen herbizidresistenten Raps gezüchtet hat, der wohl künftig ohne Zulassung und Auflagen angebaut werden kann.

Apropos Kreuzen und/oder Rekombination auf natürliche Weise: Ein belgisch-peruanisches Forscherteam fand nun heraus, dass die Kulturform der Süßkartoffel Bakteriengene von mindestens drei Spezies im Erbgut trägt und damit die Voraussetzungen der GVO-Definition erfüllt. Da der gemeine Steinzeit-Südamerikaner vermutlich eher selten Gentechnik nutzte, glauben die Forscher, dass das prähistorische GVO-Gemüse vor ca. 8 000 Jahren durch horizontalen Gentransfer und auf natürlichem Weg entstanden sein muss. Wie bitte, auf natürlichem Weg? Sind transgene Pflanzen also gar nicht unnatürlich? Wirklich sehr verwirrend das Ganze.

Herzlichst Ihr
Christoph Feyer

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