Kommentar zum Heft 25/2018



Das leidige Problem fehlender Saisonkräfte

Liebe Leserinnen und Leser,

Kirsche rot, Spargel tot – dieser uralte Spruch hat sich mir fest eingeprägt. Es könnte Ende der 90er-Jahre gewesen sein, als ich ihn das erste Mal hörte. Seitdem weiß ich, dass die Ernte des königlichen Gemüses offiziell zum Johannistag am 24. Juni beendet wird und danach die knackigen roten Früchte an der Reihe sind. Ich gebe zu, dass mir die saisonalen Daten anderer Kulturen nicht so geläufig sind. Mich hatte damals der Werdegang der weißen Stangen schwer beeindruckt. Wie sie auf den kargen Sandböden zu solch schmackhafter Hochform auflaufen, grenzt schon an ein Wunder. Noch dazu leisten sie dank ihrer Inhaltsstoffe einen wertvollen Beitrag zu einer gesunden Ernährung. Dass nach der Wende die Anbauflächen permanent gewachsen sind und der Spargel aus Beelitz, aber auch aus anderen Regionen eine feste Größe auf dem Markt geworden ist, war freilich kein Selbstläufer. Dazu brauchte es pfiffige Marketing-ideen und engagierte Mitstreiter, auch und vor allem aber fachliches Können beim Anbau.

Die Erfolgsgeschichte bekommt nun allerdings einen kräftigen Dämpfer. Denn die für die Ernte des edlen Gemüses unverzichtbaren Saisonkräfte machen sich immer rarer. Obwohl sich der Generalsekretär des Zentralverbandes Gartenbau vor wenigen Wochen in einem Interview noch zuversichtlich zeigte und die (zweck-)optimistische Prognose abgab, dass der Bedarf an Helfern abgedeckt werden könne, kommen von den Betrieben ganz andere Signale. So beklagte der Geschäftsführer eines Spargelhofes im Brandenburgischen, dass von 350 angemeldeten Saisonkräften aus Polen und Rumänien rund ein Viertel zum Erntestart gar nicht erschienen war. Ein anderer Anbauer aus dem Spree-Neiße-Kreis musste mangels Helfern gar auf einen Teil der Ernte verzichten. Viele Osteuropäer, die jahrelang zuverlässig die saisonalen Spitzen auf deutschen Feldern abpufferten, bleiben mittlerweile zu Hause, weil sich dort die wirtschaftliche Lage verbessert hat. Selbst wenn die Bezahlung noch unter dem hiesigen Mindestlohn liegen sollte, stellt das für viele Frauen und Männer wohl keinen Anreiz mehr dar, wochenlang fern von der Familie zu sein. Zumal das Spargelstechen und andere Erntearbeiten schweren körperlichen Einsatz fordern. Denkbar, dass da nur noch die besser bezahlten Jobs als Vorarbeiter infrage kommen. Insofern stößt auch das hartnäckigste Werben hiesiger Anbauer, die dazu regelmäßig in die Nachbarländer reisen, ganz schnell an Grenzen.

Eine Lösung des immer akuter werdenden Problems könnte aus Sicht der Branchenverbände die weitere Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osten sein. Eine Sonderregelung sieht vor, bis zum Jahre 2020 Erntehelfer aus dem Westbalkan, hauptsächlich Kroatien, zu beschäftigen. Ob weitere Länder hinzukommen können, wird nach einer Information des Bundesagrarministeriums gegenwärtig geprüft. Ein möglicher Partner könnte die Ukraine sein. Denn dort soll der Mindestlohn bei umgerechnet 1,50 Euro pro Stunde liegen. Da das Land aber nicht Mitglied der EU ist, müsste es ein Abkommen zwischen Berlin und Kiew geben. Fraglich ist ohnehin, ob das Wohlstandsgefälle ein Garant sein kann, das leidige Problem Saisonarbeitskräfte auf Dauer zu lösen. Eine Alternative wäre zweifellos, weniger Flächen mit Spargel und Sonderkulturen zu bestellen. Das würde den Erntedruck, aber auch die Überangebote reduzieren und den Preis für Erzeuger stabilisieren. Allerdings hieße das dann für den Verbraucher, mehr Geld hinzublättern. Als bekennender Spargelgenießer müsste ich mir dann wie viele andere auch ehrlich die Frage stellen: Will ich das wirklich?

Herzlichst Ihr
Wolfgang Herklotz

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