Kommentar zum Heft 25/2016



Diesmal geht’s um unsere Wurst 

Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschland ist eine Wurst- und Fleischnation – trotz der viel propagierten Anzahl an Vegetariern und Veganern. Und das ist bewiesen: Laut dem Statistischen Bundesamt entfällt der größte Anteil der Nahrungsmittelausgaben mit durchschnittlich 22 % (50 Euro im Monat) auf Fleisch und Fleischwaren. Ob auf dem Rummel, in der Kantine oder einfach mit den Nachbarn am Grill: Die Bratwurst ist beliebt. Auch herkömmliche Schnitzel fehlen kaum auf deutschen Speiseplänen. Die Angebote der Discounter machen‘s möglich: Jede Woche ein Stückchen billiger. Doch wer bezahlt diesen übermäßigen Fleischgenuss wirklich?

Natürlich die Schweine, würden sofort alle Tierschützer und -liebhaber im Chor rufen. Immerhin werden die Tiere „in Massen“ und unter „unwürdigen“ Bedingungen gehalten – so die Sicht der teils politischen Tierrechtsbewegung. Dass dies aber nicht der Fall ist, belegen die rege Teilnahme der Landwirtschaftsbetriebe an der Initiative Tierwohl, die sehr guten tierischen Leistungen und auch die strengeren gesetzlichen Vorgaben in Deutschland. Kaum ein anderer Staat in der europäischen Wirtschaftsunion führt im Alleingang Tierschutzgesetze wie beispielsweise den Verzicht der betäubungslosen Kastration bei Ferkeln ein.

Was aber hat das alles mit der Grillwurst zu tun, werden sich jetzt einige Leserinnen und Leser fragen? Ganz viel, denn diese Gesetze haben direkte Auswirkungen auf die heimische Schweinefleischproduktion und die Erzeugerstruktur im ländlichen Raum. Nur kann heute noch keiner genau sagen, welche. Der Verzicht auf die betäubungslose Kastration von männlichen Ferkeln ab Januar 2019 ist hierfür ein Paradebeispiel. Die Politik hat 2013 diktiert, wie demnächst Schweine produziert werden sollen. Klar war zu diesem Zeitpunkt auch, dass es kaum praxistaugliche Alternativen zur betäubungslosen Kastration gab. Also nahm die Bundesregierung Geld in die Hand und steckte es in die Forschung. So weit, so gut. Drei mögliche Alternativverfahren haben sich bisher herauskristallisiert und werden stark diskutiert (S. 38–39). Doch sie scheinen nicht für alle Betriebe gleichermaßen anwendbar. Die Inhalationsnarkose ist nur mit Tierarzt durchführbar, der Improvacimpfung wird ihre „Verbrauchertauglichkeit“ abgesprochen, und die Ebermast muss künftig mit Abschlägen rechnen, weil sie Tiere erzeugt, die nicht die gleiche Qualität wie Sauen oder Kastrate aufweisen. Und was ist allen neuen Verfahren gemein? Sie sind am Ende teurer als der bisherige Standard. Eine wirtschaftliche Folgenabschätzung für die Branche fehlt ebenfalls. Diese hat die Politik bei ihrem Enthusiasmus für das Schweinewohl vergessen.

Nur einer gewinnt und hat gut lachen: der Lebensmitteleinzelhandel. So versuchen Aldi und Rewe mit der vorzeitigen Einführung (2017) von Schweinefleisch, bei dem auf die betäubungslose Kastration verzichtet wurde, frühzeitig Rohstoffe und Preise zu sichern. Das wird den Ferkelhandel nicht unberührt lassen, hier werden womöglich weibliche Tiere besser zu verkaufen sein. Wahrscheinlich wird es auch den Import aus Dänemark beflügeln. Die Marktspaltung mit der geringeren Bezahlung für Eberfleisch wird ebenfalls deutlich sichtbar werden. Die Konzentration und Integration auf der Schlacht-, Verarbeitungs- und Handelsstufe werden zunehmen, und Schweine haltende Betriebe werden sich Gedanken machen müssen, mit wem sie langfristig Verträge eingehen möchten. Für die heimischen Betriebe gilt es, trotz aller schwierigen ökonomischen Voraussetzungen den geeigneten Weg möglichst bald zu finden. Einfach nur abzuwarten wird nicht funktionieren, sonst hat die „Wurst von hier“ ein Ende.

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