Kommentar zum Heft 24/2016



Grünes Unternehmertum und belastbare Daten

Liebe Leserinnen und Leser,

die Artenvielfalt in Deutschland ist rückläufig. Das belegt der Artenschutz-Report 2015 des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Allerdings gilt dies mitnichten nur für landwirtschaftliche Flächen. Es betrifft ebenso forstwirtschaftliche Flächen, Moore, Fließgewässer und maritime Lebensräume. Bei einem Flächennutzungsanteil von über fünfzig Prozent entsteht leicht der Eindruck, dass der Artenrückgang allein auf das Konto der modernen Landwirtschaft geht. Absichtsvoll behaupten das manche sogar.

Nahrungsmittel müssen produziert werden. Deshalb sollte die Frage lauten: Wie kann moderne und intensive Landwirtschaft mit dem Schutz der Biodiversität verbunden werden? In der Landwirtschaft gibt es, wie in jeder anderen Branche, stets Verbesserungsmöglichkeiten. Dass diese bestmöglich zum Wohle aller genutzt werden, setzt allerdings voraus, dass alle Interessengruppen an einem Strang ziehen, und zwar in dieselbe Richtung.

Klar muss sein, was mit Artenvielfalt überhaupt gemeint ist. Das Norddeutsche Tiefland beispielsweise ist, was die Pflanzenvielfalt betrifft, in großen Teilen natürlicherweise artenärmer als die Mittelgebirgs-, Voralpen- und Alpenregionen (Artenschutz-Report 2015, BfN). Für die Brutvögel hingegen sind das Nordostdeutsche und das Nordwestdeutsche Tiefland die artenreichsten Großlandschaften. Hier kommen 232 beziehungsweise 223 der in Deutschland vertretenen 280 Brutvogelarten vor. Relativ gesehen ist der Alpenraum am artenärmsten, also die Region, die von vielen Menschen als Landschaftsideal wahrgenommen wird.

Das zeigt, dass absolute Artenzahlen kein Wert an sich und fachlich fragwürdig sind. Für den Naturschutz ist nicht eine möglichst hohe Artenzahl, sondern der Erhalt der standortspezifischen und natürlichen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten das Ziel. Doch nur was ich kenne, kann ich auch schützen.

Die wissenschaftlich abgesicherte Datenbasis im Hinblick auf Ist-Zustände in den Agrarlandschaften ist äußerst dürftig. Noch gibt es zu wenig Spezialisten. Und zu wenig vernetzt wurden Daten zum Artenbestand bisher erhoben. Da es immer um komplexe Gesellschaften aus Tier- und Pflanzenarten geht, erscheint es als sehr gewagt, die Qualität einer Landschaft etwa nur anhand von Vögeln zu bewerten. Viel sinnvoller erscheint der Ansatz, den Landwirte, Wissenschaftler und Pflanzenschutzunternehmen in einem gemeinsamen Projekt zur Biodiversität verfolgen (ab S. 22). Seit 2012 werden an verschiedenen Standorten umfassende Daten zu den Arten in der Agrarlandwirtschaft erhoben. Wissenschaftler stellten dabei fest, dass in der großräumigen, intensiv genutzten Landschaft wie der Börde oder dem Thüringer Becken ein nicht unbeträchtlicher Artenbestand existiert.

Ziel ist es, belastbare Daten vorzulegen, um Antworten auf die eingangs gestellte Frage zu finden. Biodiversitätsfördernde Maßnahmen müssen mess- und vergleichbar werden. Deren Bewertung kann nur gemeinsam mit einem Expertengremium u. a. aus Biologie und Naturschutz sowie im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Flächennutzern erfolgen. Gleichzeitig dürfen Maßnahmen nicht zu einem Korsett erstarren, die, wie beim Greening, allein gut für die Verwaltung erscheinen. So individuell wie die Anforderungen sind, so individuell müssen die Instrumente sein, die auch Versuche gestatten, deren Scheitern nicht sofort eine Maßregelung des Landwirts zur Folge hat. Grünes Unternehmertum muss wieder an Stellenwert gewinnen.

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