Kommentar zum Heft 24/2015

11.06.2015

© Sabine Rübensaat

Detlef Finger, Landesredakteur

„Flächenfraß“ geht auch im Jahr des Bodens weiter

Liebe Leserinnen und Leser,

Woche für Woche verschwinden in Deutschland zehn durchschnittlich große Bauernhöfe von der Landkarte; auf die ostdeutsche Agrarstruktur bezogen sind es zwei mittlere Haupterwerbsbetriebe. Noch immer gehen der Landwirtschaft bundesweit pro Tag 73 Hektar Fläche verloren, vor allem durch Verkehrsprojekte, Siedlungsbau und Gewerbegebiete. Obendrein kommen täglich sieben Hektar für den Abbau von Rohstoffen „unter den Bagger“. Der Verlust summiert sich in 20 Jahren auf 900 000 Hektar Nutzfläche.

Zwar konnte dieser „Landfraß“, gegen den der Bauernverband seit Jahren aufbegehrt, seit der Jahrtausendwende nahezu halbiert werden. Das Ziel der Bundesregierung im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, den Flächenverlust auf 30 Hektar pro Tag im Jahr 2020 zu begrenzen, scheint indes illusorisch. Um dieses ehrgeizige Anliegen zu erreichen, hätte auf politischer Ebene längst viel stärker gegengesteuert werden müssen.

Zu müßig scheint es aber den Verantwortlichen, das Problem, das zu einem wesentlichen Teil bürokratische Wurzeln hat, anzugehen. Denn es ist ein übergreifendes Thema, das beispielsweise Agrar- und Naturschutzrecht, Bau- und Planungsrecht, Bundes- und Landesgesetzgebung berührt. Und nicht zuletzt diverse Interessengruppen spaltet. Statt im Wohnungsbau innerörtliche Lücken zu schließen oder eben Industriebrachen zu neuem Leben zu erwecken, werden noch immer Projekte vornehmlich auf der grünen Wiese verwirklicht.

Auch wenn der Versiegelungsanteil nur bei etwa 50 Prozent liegt – für die Landwirtschaft sind diese Areale verloren. Obendrein müssen die Bauern mit ansehen, wie für gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zusätzliche Flächen – nicht selten bestes Ackerland – aus der Nutzung genommen werden. Hier gilt es, der produktionsintegrierten Kompensation (Stichwort: Ökopunkte) gesetzlichen Vorrang vor dem Aufforsten 100er Böden einzuräumen.

Der Flächenverlust ist indes kein nationales Problem, er hat eine globale Dimension: Weltweit fallen jährlich zehn Millionen Hektar (!) landwirtschaftlich nutzbare Böden vor allem durch Erosion aus der Bewirtschaftung; das entspricht fast zwei Dritteln der gesamtdeutschen Landwirtschaftsfläche. Daneben beginnen „Tigerstaaten“, eine funktionierende Infrastruktur zu errichten. In China beispielsweise ist die Bauindustrie der treibende Konjunkturmotor. Andererseits hungern 800 Millionen Menschen, etwa 80 Prozent davon sind Kleinbauern und Landlose in ländlichen Regionen der Dritten Welt. Und die Bevölkerung wächst. Prognosen zufolge wird jedem Menschen bis 2050 nur noch halb so viel Ackerland zur Verfügung stehen wie heute. Angesichts solcher Dimensionen fällt mit Blick auf die Sicherstellung der Welternährung der Landwirtschaft auf Gunststandorten, wie wir sie in Europa, Deutschland und weiten Teilen der östlichen Bundesländer finden, besondere Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang muss auch geklärt werden, ob die von Umweltverbänden geforderte zunehmende Extensivierung der Agrarproduktion in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren vertretbar ist.

Das Jahr 2015, von der UNO zum „Internationalen Jahr des Bodens“ proklamiert, sollte zwingender Anlass sein, sich intensiv mit dem Bodenschutz und einer nachhaltigen Landnutzung auseinanderzusetzen und endlich konkret zu werden. Jeder einzelne Landwirt, jedes Agrarunternehmen ist gehalten, seine Flächen, egal ob im Eigentum stehend oder gepachtet, nachhaltig zu bewirtschaften (siehe unsere Titelreportage auf den Seiten 10 und 11). Gute fachliche Praxis ist es u. a., auf Humusgehalt, pH-Wert und Grundnährstoffversorgung des Bodens zu achten und ihn vor Erosion zu bewahren. Nur so zeigen Landwirte, dass sie es sind, die die Kompetenz in Sachen Bodenschutz besitzen.

Herzlichst Ihr

Detlef Finger,
Landesredakteur

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