Kommentar zum Heft 23/2017



Mit etwas Mut zu neuen Lösungen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

„Na bitte – es geht doch, wenn man will!“ Das hätte ich vergangene Woche am liebsten dem Deutschen Milchkontor (DMK) zugerufen. Entgegen den Ankündigungen aus den Vorwochen hob der größte deutsche Milchverarbeiter den Aufkaufpreis für den Monat Mai auf 33 ct/kg und kündigte für Juni sogar 34 ct/kg an. Schön, nicht? Und nun ist alles gut? Nein, ganz und gar nicht. Denn die preisrettende Senkung der EU-Milchmenge ist schon wieder verflogen, siehe nebenstehende Meldung. Damit scheint es eine Frage der Zeit, bis das nächste Preistal kommt. Doch statt nun endlich die Pro-bleme nachhaltig anzugehen, wie das der Milchbericht der Bundesregierung (S. 20) zu Recht fordert, lassen sich nicht wenige Milchbauern von der Freude über die langersehnte ökonomische Entlastung blenden. Nein, Leute, kämpfen – und jetzt erst recht! Zwingt Eure Molkereien dazu, klare Aufkauf- (und nicht Abliefer-)Vereinbarungen mit Euch zu schließen, klärt die Machtverhältnisse in Euren Genossenschaften (sie gehören eben nicht den Geschäftsführungen, sondern den Bauern!) und analysiert nüchtern, ob die Milchproduktion in Eurem Betrieb in den nächsten Jahren eine Zukunft hat und haben kann. Studiert die Erfahrungen der Molkereien, die selbst in der Milchkrise 35 oder 40 ct/kg gezahlt haben! Und, bitte, gebt mal der Thüringer Agrarministerin Birgit Keller Bescheid, dass wir seit über 25 Jahren Marktwirtschaft im Land haben. Sie warb am Mittwoch vergangener Woche beim „politischen Milchfrühstück“ des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) im Erfurter Landtag allen Ernstes für eine „effektive Mengensteuerung“ durch Land, Bund und die Europäische Union. Im Notfall müsse europaweit eine zeitlich befristete, entschädigungslose Mengenreduzierung möglich sein. Ja, wie jetzt? Mengenreduzierung – entschädigungslos? Der Kommissar befiehlt mal eben minus zehn Prozent, und Europas Bauern knallen die Hacken zusammen? In welchem Ismus ist denn diese Frau steckengeblieben?

Ebenso unverständlich erschien mir vergangene Woche das Votum der EU-Parlamentarier zur Gestattung von Pflanzenschutz auf ökologischen Vorrangflächen (S. 19). Klar, es könnte sein, man produziert auf diesen Arealen die eine oder andere Tonne gentechnikfreien Futters. Aber nimmt man den Begriff der ökologischen Vorrangfläche ernst, dann hat halt dort die Ökologie Vorrang und nicht die Agrarchemie. Zugegeben, bei uns in der brandenburgischen Sandbüchse ist das ja auch kein Problem. Bei 22,2 Bodenpunkten und notorischer Vorsommertrockenheit finden sich genug Ecken, die schadlos der Biotopvernetzung und Biodiversität dienen können. Aber wenn ich an die Berufskollegen in der Börde denke ... da verstehe ich schon, warum man Leguminosen anbauen möchte. Doch warum denken wir da nicht ein bisschen weiter? In einem Land, in dem selbst die eigentlich naturgemäß an den Hektar gebundenen Zahlungsansprüche gehandelt werden, könnte man doch auch eine Börse für ökologische Vorrangflächen erfinden! Soll doch derjenige Betrieb Ecken aus der Nutzung nehmen und der Ökologie widmen, der genug davon hat! Und ein Betrieb, der nur aus großen Schlägen mit 80er Boden besteht, könnte dann Stillegungsquoten bei einem Nachbarn „kaufen“ und bräuchte nicht selbst ertragreichen Boden aus der Nutzung zu nehmen. In den Betrieben mit erhöhtem Anteil ökologischer Vorrangflächen wiederum würde eine fachliche Beratung seitens des Naturschutzes Sinn machen – gerade im Hinblick auf die Aspekte der Biotopvernetzung wäre dies wohl oft wünschenswert. Also, Agrarpolitiker, macht Euch doch mal schlau, was da an Gesetzen und Verordnungen notwendig wäre, um eine sinnvolle Regelung zu erreichen. Es wäre zu unser aller Nutzen.

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