Kommentar zum Heft 22/2018



Berlin entdeckt den ländlichen Raum

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn der Berliner Tagesspiegel zum Diskutieren über Probleme des ländlichen Raums einlädt – muss man sich dann ernsthaft Sorgen machen? Ist es möglicherweise so weit, dass beispielsweise Brandenburg bald nicht mehr seine metropolengestressten Brüder und Schwestern am Samstagvormittag aufzunehmen und geerdet und fit für die nächste rasante Großstadtwoche am Sonntagabend wieder abzusetzen in der Lage ist? Dass es seiner Erholungsfunktion nicht mehr nachkommen kann? Oder interessieren sich Berliner, die nicht mal Geld dafür bekommen, auf einmal ernsthaft dafür, wie das Leben auf dem Land funktioniert? Jedenfalls organisierte eine Hauptstadtzeitung ein Fachforum zu diesem Thema (Seite 56).

Heimat hat Konjunktur und seit knapp drei Monaten gar ein eigenes Ministerium, das sich insbesondere der grundgesetzlich verankerten „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ explizit annehmen will. Denn der ländliche Raum ist gar nicht leer (jedenfalls noch nicht), dort leben Menschen (und Wähler)! Der Umstand, dass mehr als die Hälfte der Deutschen auf dem Lande lebt und arbeitet, scheint manchem gerade erst aufgefallen zu sein, halten ihn doch gleich drei Redner der Berliner Runde für mitteilenswert. Unter ihnen Marco Wanderwitz aus Hohenstein-Ernstthal, der seit 2002 im Bundestag sitzt und nun als Parlamentarischer Staatssekretär im Heimatministerium tätig ist. „Die Menschen sind unzufrieden, fühlen sich nicht ganz zu Unrecht ein Stück weit abgehängt. Und das ist natürlich sozialer und kultureller Sprengstoff für die Gesellschaft, und ich persönlich erkläre mir damit auch so manches Wahlergebnis. Und da wollen wir stärker ran“, sagt Wanderwitz. Allerdings zieht der studierte Jurist, der seinerzeit vorschlug, Griechenland könne seine Verbindlichkeiten über den Verkauf einiger Inseln begleichen und bei anderer Gelegenheit höhere Sozialabgaben für Kinderlose ins Spiel brachte, diesmal keine zündende Idee aus der Tasche, sondern kündigt eine Kommission an, die Vorschläge zusammentragen wird. Nicht viel nach drei Monaten, anders gesagt, so wenig, dass die Presseagentur Agra- Europe (AgE) in ihrer Berichterstattung über das Fachforum dessen Hauptredner nicht einmal erwähnte. Möglicherweise ist Wanderwitz zu vertraut mit der Materie Landleben, als dass er sich diesmal aufs Glatteis spontaner Schnapsideen begibt, vielleicht ist er auch einfach nur ruhiger geworen. Und er muss auch gleich wieder weg nach seiner Rede. Im Bundestag wird über den Haushalt diskutiert ...

Verfassungswidrig zugrunde gerichtet seien einige Landstriche mittlerweile, beklagt indes Dr. Andreas Siegert von der Uni Halle-Wittenberg. Der Sozialforscher schlägt Alarm, stellt bisherige Förderstrukturen infrage – und wird postwendend von einem Niedersachsen verbal abgewatscht. Das Wort Jammer-Ossi fällt nicht, steht aber wieder einmal unerträglich im Raum.

Dabei wissen wir doch, dass es den ländlichen Raum noch niemals gegeben hat. Es gibt Speckgürtel und mehr oder weniger dünn besiedelte Regionen mit strukturellen Herausforderungen verschiedenster Ausprägung. Es gibt Menschen, die auf dem Land leben, weil sie sich ein Stadtleben nicht zutrauen und solche, die das Land als Lebensort bewusst wählen. Ersteren ist Mobilität vielleicht wichtiger als Letzteren eine funktionierende Breitbandversorgung. Einen Arzt brauchen sie beide – und alle anderen auch. Und sie brauchen Strukturen, die es ihnen ermöglichen, ihr Lebensumfeld selbst bewusst zu gestalten. Auf Rettung vom Bund sollte man in Klein Kummerow und Groß Sorge besser nicht warten. Dem Heimatministerium und seinen Mitarbeitern auf die Finger schauen sollte man allerdings unbedingt.

Herzlichst Ihre
Heike Mildner

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