Kommentar zum Heft 22/2017



Der Wahlkampf wird eine Tortur

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

noch gut 100 Tage, dann wird ein neuer Bundestag gewählt. Für Landwirte erweisen sich Wahlkämpfe mittlerweile als Tortur. Und das nicht, weil so viele von ihnen kandidieren. Nein: Die Landwirtschaft ist in den Parteikampagnen mal mehr und mal weniger Thema. Wo sie ein großes Thema ist, müssen Landwirte meist einiges ertragen.

Mit Getöse stimmten Umwelt-, Naturschutz- und Tierrechtsgruppen in den letzten Wochen bereits darauf ein. Wieder mal sind Aktivisten, diesmal die veganen Propagandisten von Peta, in Ställe eingedrungen, um die „Initiative Tierwohl“ als Lug und Trug zu überführen. Wenige Tage später stellte Greenpeace ein Papier vor, das die Regeln für die Schweinehaltung in Deutschland als verfassungswidrig brandmarkte. Kurz darauf, ebenso von Greenpeace initiiert, sollten Antibiotikarückstände in geklauten Gülleproben belegen, wie gefährlich das Halten von Nutztieren für die Gesellschaft ist.

Der Tag der Biodiversität bot sich Anfang voriger Woche an, die Verantwortung für den Artenrückgang im Großen und Ganzen auf das Konto der Landwirtschaft zu schieben. Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund warnte etwa vor „tiefgreifenden Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft auf die Biodiversität“. Die Grünen-Politikerin führte großflächige und „monotone Fruchtschläge“, mit Dünger oder Pflanzenschutzmitteln „überfrachtete Böden“ sowie fehlende Strukturelemente als Belege auf. Glyphosat sei ein Baustein dafür, dass über die Hälfte der Amphibien und Fischarten in Thüringen bedroht sind. Ähnlich äußerten sich Siegesmunds abgewählter Parteikollege in Nordrhein-Westfalen oder die agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion in Bayern, die den „übermäßigen Einsatz neuartiger Agrargifte“ ausgemacht haben will.

Gift für einen erfolgreichen Wahlkampf scheint die Sachargumentation zu ein. Zuspitzung und Polemik gelten dagegen als Rezept. In zwei Wochen wollen die Grünen ihr Programm für die Bundestagswahlen verabschieden. Der Entwurf des Parteivorstandes strotzt nur so von Kampfansagen gegen die Landwirtschaft. Hier einige Kostproben: „Um unser Grundwasser, unsere Flüsse und Seen vor giftigem Nitrat zu schützen, werden wir die Güllefluten aus der industriellen Landwirtschaft eindämmen.“ Man wolle das Wasser wirksamer vor gefährlichen Schadstoffen schützen, „die auch Menschen unfruchtbar machen können oder krebserregend sind“. Am schlimmsten sei die „Entwicklung bei der industriellen Massentierhaltung aus dem Ruder gelaufen“, heißt es. Es sei nicht zu akzeptieren, „dass gequälte Geschöpfe zusammengepfercht vor sich hin vegetieren und Schmerzen leiden müssen, ohne je die Sonne zu sehen“.

Mit Robert Habeck und Friedrich Ostendorff suchten kürzlich zwei prominente Agrarpolitiker der Grünen den Weg in die landwirtschaftliche Fachöffentlichkeit. Sie warben vor dem aufziehenden Bundestagswahlkampf für eine neue Debattenkultur zwischen Grünen und Landwirten. Die beiden stellten fest, dass sich die Kinder der Landwirte andere Jobs suchten, eben auch, weil sie es satt hätten, „ständig mit den Vorwürfen konfrontiert zu sein, die Umweltfrevler der Nation zu sein, das Tierwohl zu missachten und womöglich auch noch an Armut und Flucht in Ländern Afrikas mitverantwortlich sind“. Und völlig richtig fragten die beiden, wie „angesichts solcher gesellschaftlicher Gemütslage jemand mit fröhlicher Zuversicht arbeiten“ könnte. Das fragen sich Landwirte längst schon. Und nicht nur in der Zeit des Bundestagswahlkampfes leider viel zu oft.

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