Kommentar zum Heft 21/2017



Die Verlängerung als Neubeginn

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

Vytenis Andriukaitis hat letzte Woche vielen Landwirten eine freudige Überraschung bereitet und noch mehr Menschen bitter enttäuscht. Der EU-Kommissar für Gesundheit, Lebensmittelsicherheit und Energie erklärte: „Die Kommission hat sich geeinigt, die Diskussion über eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung mit den Mitgliedstaaten wieder aufzunehmen.“ Ziel der Gespräche sei eine mögliche Neuzulassung von Glyphosat für die Dauer von zehn Jahren. Dem Beschluss vorausgegangen war die Einschätzung der Europäischen Chemikalienagentur ECHA in Helsinki, das Herbizid als „nicht krebserregend“ einzustufen. Die Unbedenklichkeit von Glyphosat für die menschliche Gesundheit ergebe sich aus den human- und tiermedizinischen Studien, so Tim Bowmer, der Vorsitzende der Abteilung für Risikobewertung der ECHA. Unstrittig seien hingegen massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt.

Die Reaktion der Glyphosat-Gegner war zu erwarten: Voller Zorn gingen sie erneut auf die Barrikade und wedeln von dort nun mit einer riesigen Unterschriftenliste. In nur wenigen Wochen konnte der als EU-weite Bürgerbewegung organisierte Protest 750 000 Signaturen gegen den Wirkstoff einsammeln. Ein wenig berauscht von ihrem Erfolg spielt die Opposition – wie schon gegen die Gentechnik – jetzt ihre letzte und vermeintlich höchste Trumpfkarte aus: „Die Menschen wollen das nicht!“ Nüchtern betrachtet scheint mir das allerdings ein Totschlagargument, denn beim Thema Glyphosat wurde bereits zu viel Propaganda betrieben, als dass die Verbraucher die Sache noch durchschauen könnten. Politiker, diverse Interessengruppen und die meisten Medien haben es schlicht versäumt (oder wahlweise auch bewusst unterlassen), die Bevölkerung wirklich seriös aufzuklären. Stattdessen wurden Alarmmeldungen wie „Glyphosat in der Muttermilch“, „Glyphosat im Urin“ oder „Glyphosat im Bier“ verbreitet, die sich aus zweifelhaften Quellen speisen und nur die Angst vor der Chemikalie schüren sollten. Mögliche Risiken präsentierte man erfolgreich als vermeintliche Tatsachen, und mittlerweile lässt sich die Öffentlichkeit lieber von diffusen Ängsten leiten als nüchtern abzuwägen. Aber auch die Wirtschaft hat fleißig zur Verunsicherung beigetragen. Immer wieder gab es Berichte, dass Glyphosat-Erfinder Monsanto versucht habe, Studien zu beeinflussen. Hinzu kommt, dass die einzelnen Forschergruppen jeweils ihre eigenen Bewertungskriterien anlegten: Krebsforscher suchten nach Anhaltspunkten, ob Glyphosat krebserregend ist, Risikoforscher danach, ab welcher Menge. Entsprechend fielen die Gutachten aus – von „wahrscheinlich krebserregend“ durch die Krebsforschungsagentur IARC bis „kein Risiko für den Menschen zu erwarten“ vom Bundesamt für Risikobewertung. Und auch die Frage, ob das Totalherbizid in diversen Mischungen gefährlich wird, blieb bislang unbeantwortet.

Wie sollen die EU-Staaten nun entscheiden? Klar wie Spritzbrühe ist, dass eine weitere kurzfristige Verlängerung der Zulassung und der nächste Untersuchungsausschuss zwecklos sind. Ein Verbot lässt sich nach dem erneuten Freispruch bei der Risikobewertung nicht begründen. Bleibt Glyphosat aber weitere zehn Jahre erlaubt, wird sich nichts ändern. Doch ändern muss sich etwas, schon aus Artenschutz- und Resistenzgründen. Zudem braucht Europa endlich sinnvolle Regelungen für die Prüfung und Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Nicht „Ja“ oder „Nein“ ist daher die Frage, sondern „unter welchen Bedingungen“. Die Mitgliedstaaten dürfen sich nicht wieder vor einer Entscheidung drücken. Sie müssen die Debatte über die Zulassung endlich zum Beginn für wirksame Veränderungen machen.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr