Kommentar zum Heft 20/2016

19.05.2016

Christoph Feyer, Chef vom Dienst

© Sabine Rübensaat

Sauber bleiben im Kampf gegen weiße Flecken!

Liebe Leserinnen und Leser,

als einer, der als Kind noch im Freien gespielt hat, konnte ich unlängst den Freunden meines Sohnes ganz und gar Erstaunliches berichten: Als ich in eurem Alter war, hatten wir – wie fast alle unsere Nachbarn – kein Telefon! Und als wir später eines bekamen (mein Vater war zum Leiter der Betriebsfeuerwehr aufgestiegen), hatte der Apparat eine Wählscheibe, und unsere Rufnummer bestand aus drei Ziffern. „Echt krass“, zeigten sich die Heranwachsenden beeindruckt: „Ist ja so, als wenn man immer kein Netz hat.“ Stimmt, nicht stets und ständig online sein zu können, ist für Einwohner von Ballungszentren fast unvorstellbar – leider nicht für die, die auf dem Land leben. Dort sind Megabits bekanntlich eine äußerst seltene Spezies. Aber das soll sich ja nun endlich ändern, wenn man Bundesminister Alexander Dobrindt glauben darf. Schon im Oktober des letzten Jahres hatte die Regierung ihr Bundesförderprogramm für den Breitbandausbau beschlossen, um, wie der Minister es formulierte, „die weißen Flecken auf der Landkarte zu schließen“. 2,7 Milliarden Euro an Fördermitteln stellte Dobrindt dafür in Aussicht und versicherte: „Bis 2018 gibt es schnelles Internet in ganz Deutschland.“

Nun haben Politikerversprechen für gewöhnlich keine langen Halbwertzeiten, aber mit nur sechs Monaten war dieses doch ausnehmend kurzlebig. Wie jetzt bekannt wurde, hat die EU-Kommission den Berliner Breitbandzielen erst einmal einen mittelstarken Strich durch die Rechnung gemacht. Hintergrund ist das Entgegenkommen der Bundesnetzagentur gegenüber der Deutschen Telekom in Form der sogenannten Vectoring-II-Entscheidung. Die stieß in Brüssel auf Widerstand, weil die Kommission ernsthaft negative Auswirkungen auf den Wettbewerb und auf den nachhaltigen Ausbau von zukunftsfesten Glasfasernetzen befürchtet. Sie will das Ganze die nächsten drei Monate erst einmal einer sorgfältigen Prüfung unterziehen.

Was ist nun dran an den Brüsseler Bedenken? Einiges, wie es scheint: Wenn es um die Zukunft der schnellen Datenübertragung geht, da sind sich die Experten einig, führt kein Weg am Glasfaserausbau vorbei. Das Vectoring aber würde sich als klarer Bremsklotz dessen erweisen, da es die Deutsche Telekom nutzen will, um die bestehende Infrastruktur aus Kupferleitungen aufzuwerten. Mit seiner Hilfe könne sie Störsignale in den betroffenen Hauptkabeln
herausfiltern und so deutlich höhere Durchsatzraten erzielen. Bis 100 Mbit/s im Download und 40 Mbit/s im Upload wären dann möglich. Was erst einmal hervorragend klingt, hat aber einen Pferdefuß: Vectoring lohnt sich wohl nur, wenn es flächendeckend erfolgen kann. Finden sich mehrere Technologien verschiedener Anbieter in einer Hauptleitung, sinken die Optimierungseffekte, und die Durchsatzraten bleiben ungewiss. Der Branchenprimus bräuchte daher schon mal den alleinigen Zugang zu den etwa 8 000 Hauptverteilern des deutschen Telekommunikationsnetzwerks. Diese „Kleinigkeit“ würde allerdings einer Remonopolisierung des Netzes gleichkommen, was nicht nur den Mitbewerbern ziemlich sauer aufstößt, sondern vor allem für die Verbraucher auf dem Lande mit Sicherheit sehr teuer werden würde.

Das Ganze ist auch deshalb so ärgerlich, weil die Bundesregierung auf der einen Seite die Landwirte ohne jeden Skrupel den gnadenlosen Kräften des freien Marktes ausliefert und auf der anderen Seite die Landbevölkerung datentechnisch mal eben an einen Monopolisten verschachern will. „Echt krass“, möchte man da wiederholen ...

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