Kommentar zum Heft 19/2015

08.05.2015

© Sabine Rübensaat

Wolfgang Herklotz, stelvertretender Chefreadakteur

Muss denn Meister Bockert auch noch mitmischen?

Liebe Leserinnen und Leser,

vor wenigen Wochen waren kilometerlange Schlepperkonvois im Osten Brandenburgs unterwegs. Die Fahrer rollten mit ihren zumeist PS-starken Traktoren vom oberen und unteren Oderbruch Richtung Letschin, um sich dort mit weiteren Landwirten und Betroffenen zu einer Protestdemonstration zu versammeln. Die Aktion mit rund 1 000 Teilnehmern verlief friedlich,  obwohl sich in dem Landstrich ein immenses Konfliktpotenzial angehäuft hat. Deutlich machten das die drastischen Losungen auf den mitgeführten Transparenten. „Rettet das Oderbruch!“ war zu lesen und: „Wir sind nicht die Spielwiese von Öko-Pegida!“ 

Der Zorn kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren gärt es schon in der Region, die Ende der 90er Jahre vom Jahrhundert-Hochwasser heimgesucht wurde. Seitdem sind zwar viele Gelder in die Deichsanierung geflossen. Dafür wurden stetig aber die Mittel für die Pflege der gut 160 Kilometer Landesgewässer gekürzt. So kam, was kommen musste: Das Binnenhochwasser vor fünf Jahren setzte Keller und Felder unter Wasser, ließ Getreide und  Gemüse verfaulen, beschädigte Gebäude und Wege. Das Land startete daraufhin ein millionenschweres Sofortprogramm zur Gewässersanierung. Jenes wäre in dem Umfang nicht erforderlich gewesen, hätte Potsdam auf die reichlich warnenden Stimmen rechtzeitig gehört, die beizeiten auf ein weiteres Problem aufmerksam machten: die ungehinderte Ausbreitung des Bibers.

Das possierliche Tier galt in der Region als ausgestorben, wurde dann neu angesiedelt und unter Schutz gestellt. Inzwischen hat Meister Bockert, wie der Biber in alten Märchen und Fabeln genannt wurde, landesweit rund 3 000 Artgenossen, davon 1 000 allein im Oderbruch. Die Tiere untergraben nicht nur Wege und Felder, sondern stauen auch Entwässerungsgräben an und unterhöhlen gar Deiche. Wer das Bangen um deren Haltbarkeit beim Oderhochwasser miterlebt hat,  weiß, dass es hier um einen überaus sensiblen Bereich geht.  Das Wort von der nassen Enteignung, das immer wieder die Runde macht, erscheint da noch als eher verharmlosend.  Bei allem Verständnis für Naturschutz geht im Oderbruch – und nicht nur dort – die Sorge um, dass das Wohl der pelzigen Tiere mehr zählt als das Leben der Menschen, die hier wohnen und arbeiten.

Zwar setzte  Brandenburgs Agrar- und Umweltminister vor wenigen Tagen erst eine sogenannte Biberverordnung in Kraft, um die Situation zu entschärfen. So können, wenn  Gefahr für Leib und Leben besteht sowie schwere wirtschaftliche Schäden entstehen, Biber gefangen und getötet werden. Zudem stellt Potsdam den Gewässerunterhaltungsverbänden Mittel für Maßnahmen in Aussicht, die der Schadens-prävention dienen. Nicht zuletzt sollen zwei Bibermanager für kompetente Beratung und Betreuung sorgen.

Natürlich weiss man im Berufsstand sehr wohl zu schätzen, dass hier nach jahrelanger Diskussion endlich etwas in Bewegung geraten ist. Doch Handlungsbedarf besteht weiterhin. Der Landesbauernverband fordert, den Schutzstatus der positiven Bestandsentwicklung anzupassen und das Problem pragmatisch, ohne parteitaktisches Agieren zu lösen. Denn bislang handelt es sich um Ausnahmegenehmigungen, die zu beantragen sind. Als eine Zumutung wertet der Bauernbund Brandenburg die Tatsache, dass geschädigte Landwirte erst in einem mühsamen Verfahren nachweisen müssen, wie notwendig die Bekämpfung des Bibers ist.

Es wäre fatal, wenn so der Landwirt ein weiteres Mal in die Mühlen der Bürokratie gerät, die schon für genug Verdruss sorgt. Ein Meister Bockert muss da nicht auch noch mitmischen! Oder war die Botschaft der Oderbruchdemo noch nicht deutlich genug?

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