Kommentar zum Heft 18/2017



Dem Weltmarkt vor Ort ein Schnippchen schlagen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

in der derzeitigen Debatte über die Landwirtschaft wird häufig zugespitzt und polarisiert. Manchmal ist auch Trotz im Spiel, wenn man den Argumenten der anderen Seite das genaue Gegenteil entgegnet. Indem man zum Beispiel behauptet: „Regional wird uns nicht retten“, weil doch die anderen  sagen, dass die Orientierung auf den Weltmarkt in den Ruin führe.  Zwar hat erst jüngst die Milchkrise gezeigt, dass die in Vorträgen oft gehörten Schlagworte „Weltmarktbedingungen“ und „volatile Märkte“ sich mit einem Milchpreis nahe 20 ct/kg auch Eintritt in die Realität verschaffen und Betriebe ruinieren können. Doch angesichts der quantitativen Verhältnisse, um die es hier geht, wäre der geschlossene Rückzug auf den Markt vor der Haustür in der Tat wohl kaum eine Lösung.

Trotzdem: Einen Beitrag zur Stabilisierung der Landwirtschaft leistet die Direktvermarktung dennoch. Und dies bereits in beachtlicher Größenordnung. Das zeigt etwa ein Blick in die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die gerade in Leipzig mit der agra 2017 ihre Landwirtschaftsausstellung ausrichten. In Sachsen zählt man rund 550 Landwirtschaftsbetriebe, die Direktvermarktung betreiben. Das sind 7 % aller Betriebe. Ähnlich hoch ist der Anteil in Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo es jeweils ca. 300 Direktvermarkter gibt. Der Anteil der Direktvermarktung am Betriebseinkommen ist teilweise beträchtlich. So schöpft ein Drittel der damit befassten sachsen-anhaltischen Betriebe über 90 % des Einkommens aus dem direkten Verkauf ihrer Produkte; fast drei Fünftel der Betriebe erzielen auf diese Weise immerhin mehr als die Hälfte des Einkommens. Kaum hoch genug zu schätzen ist der Beitrag, der durch den direkten Kontakt zum Kunden für das Image der Landwirtschaft und für den Aufbau von Verbrauchervertrauen geleistet wird. Der ländliche Raum gewinnt ohnehin: durch regionale  Wertschöpfung, aber auch weil mancherorts nur die Verkaufsstellen von Agrarbetrieben die Nahversorgung sichern.

Vor diesem Hintergrund ist die Politik gut beraten, Unterstützung zu bieten. Für Regionallebensmittel wird bereits einiges getan. Wirksamer jedoch wären auch bürokratische Erleichterungen. So erfolgreich beispielsweise Milchzapfstellen sind – in Sachsen gibt es hiervon mindestens 34, in allen drei mitteldeutschen Ländern zusammen über 60 –, so leiden sie doch an der Beschränkung, nur direkt am Stall aufgebaut werden zu dürfen, jedoch nicht im nächsten Ort, wo weitaus mehr Kundschaft vorbeikäme.

Man darf nicht vergessen: Auf eine Goldader sind auch die Direktvermarkter nicht gestoßen, die erfolgreich ihre Produkte an die Kunden bringen. Es ist viel harte Arbeit, manchmal Ärger und mitunter auch Frustration im Spiel, bevor die Kasse mehr als eine schwarze Null ausweist. Der viel beschworene Regionaltrend ist eine Chance, die aber hart erarbeitet werden muss.

Doch angesichts der allgemeinen Umstände kann man nur froh sein, dass es diese Chance gibt. Die Konzentrationsprozesse in der Verarbeitungsindustrie, vor allem aber im Handel lassen die Landwirtschaft als immer schwächer werdendes Glied am Ende der Wertschöpfungskette zurück. Für den Weltmarkt ist der einzelne Landwirt weniger als unbedeutend. Doch der stärker werdende Wunsch von Verbrauchern, statt auf austauschbare Massenprodukte auf regional Erzeugtes zurückzugreifen, gibt dem einzelnen Betrieb Stellenwert und wirtschaftlichen Spielraum zurück. Was das bedeutet, hat ein Landwirt aus dem Erzgebirge unlängst auf einer Tagung zum Thema Regionalvermarktung auf den Punkt gebracht: Als durch die Milchkrise fast die Hälfte der Einkünfte wegfiel, habe die Direktvermarktung dem Familienbetrieb die Existenz gerettet.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr