Kommentar zum Heft 16/2017



Wackersteine helfen nur im Märchen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

in der Stadt kann ich nicht einmal mit einem Hund die Straße queren, ohne dass entgegenkommende Passanten hektisch reagieren. Nicht, dass der wohlerzogene Vierbeiner beißen würde, doch selbst der Umgang mit dem ehemals treuesten Gefährten ist heutzutage den meisten Menschen völlig fremd. Das Fehlen von Fakten und Wissen über Haus-, Nutz- und Wildtiere verursacht mittlerweile ein geistiges Vakuum in der Bevölkerung, das sich nur allzu schnell mit Gerüchten, Sehnsüchten und Märchen füllt. Ein Grund, warum der Naturschutzbund Deutschland auf seinen Internetseiten ganz naiv propagieren kann: Der Wolf kommt „nach Hause“. Doch ehrlich, dass eines der größten Raubtiere Europas zu meiner Familie gehört, das wüsste ich aber!

Die Verherrlichung des durchaus stattlichen Beutegreifers findet seit vielen Jahren statt. Behauptungen, wie die ursprünglich positive gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch oder Wölfe bräuchten keine Wildnis (müssten aber jagen), spiegeln die scheinbar hohe Kompetenz der selbsternannten Fachleute und Wolfspaten wider. Auf der internationalen Roten Liste (www.iucnredlist.org) ist Canis lupus nicht als eine vom Aussterben bedrohte Art aufgeführt. Vielleicht schleicht er nicht in jedem Landstrich umher, aber muss er das? Diversität darf auch hier gelten. Der europäische Kontinent zählte bereits 2007 über 10 000 Wölfe. Seine zunehmende Vermehrung ist dabei ein biologischer Vorgang, der sich ohne natürliche Feinde weiter potenziert. Seit seiner Wiederkehr nach Deutschland wuchs laut dem Bundesamt für Naturschutz die allumfassend geschützte Raubtierart 2016 auf über 400 Wölfe an: 46 Rudel, 15 Paare und vier sesshafte Einzeltiere.

Doch wer hilft uns? Das ist die existenzielle Frage von Schäfern und Rinderhaltern, die Tag für Tag um ihre Weidetiere bangen. Der sogenannte edle Wilde kennt weder Ländergrenzen noch Zäune. Sollte sich ein gut gedeckter Tisch mit Lämmern oder Kälbern vor ihm auftun, wird er über kurz oder lang zugreifen. Das beweisen die parallel mit dem Wolfsbestand steigenden Risszahlen (S. 42–43). Seit Jahren setzt sich die Bundespolitik für den Schutz des Wolfes ein, doch dem Schutz der kleinen und großen Wiederkäuer werden weder viel Aufmerksamkeit noch finanzielle Unterstützung gewährt.

Insbesondere Weidetierhalter tragen aber zum Erhalt von vielfältigen Kulturlandschaften bei. Sie sind es, die der Bevölkerung das offene Grün vor der Haustür und in ihren geliebten Tourismusgebieten schaffen. Sie sind es aber auch, die für ihren Job innerhalb der Agrarbranche den geringsten Lohn erhalten. Der Landeskontrollverband Sachsen-Anhalt konnte nur noch einen absoluten Gewinn von etwa fünf Euro je Mastschaf in Brandenburg errechnen. Das lässt wenig Raum für dringende, meist seit vielen Jahren aufgeschobene Investitionen in den Betrieben. Der Wolf schmälert nun außerplanmäßig den marginalen Erlös (S. 36–37). Die bisher geforderten und teilweise geförderten Maßnahmen zur Prävention lösen das Problem auch nicht. Weder sind genügend ausgebildete Herdenschutzhunde noch die Gelder für deren Unterhalt oder die unzähligen zusätzlichen Arbeitsstunden der Tierhalter vorhanden (S. 38–39).

Den Befürwortern sollte bekannt sein, dass jeder weitere Wolf auch satt werden will. Jedoch sind sie bisher nicht bereit, rechtzeitig die Gesetzesgrundlage dafür anzupassen. Keiner weiß, wer wirklich haftet, wenn größere Schäden durch ausgebrochene Herden über Wolfsangriffe entstehen. Keiner kann abschätzen, wie weit der Beutegreifer gegenüber dem Menschen geht, wenn er nicht vergrämt oder bejagt werden darf. Klar ist nur: Sollen Schafe und Rinder bleiben, müssen auch sie geschützt werden.

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