Kommentar zum Heft 15/2016

14.04.2016

Dr. Thomas Tanneberger, Chefredakteur

© Sabine Rübensaat

Russland: Ende der Eiszeit in Sicht?

Liebe Leserinnen und Leser,

so schnell bringt einen kummergewohnten Agrarredakteur ja nichts aus der Ruhe, aber eine Nachricht der letzten Tage hat mich dann doch sehr  nachdenklich gemacht. Die Agenturen meldeten, die russische Regierung habe Bilanz zu ihrem Nahrungsgüter-Importstopp gezogen. Ergebnis: Seit der Mitte 2015 in Kraft getretenen Anordnung zur Vernichtung illegal eingeführter Lebensmittel haben die russischen Behörden bis Mitte März dieses Jahres 2 587 t Nahrungsgüter entsorgt. So heißt das also: „Entsorgt“! Wer hat sich denn welcher Sorgen entledigt? Vielmehr schütteten die russischen Behörden tonnenweise sauer produzierte Landwirtsarbeit in den Ofen, um einen politischen Racheakt durchzusetzen! Was soll man da noch sagen?

Nun, Gebrüll ist meine Sache nicht, auch weil man ja in diesen Tagen vorsichtig sein muss mit Äußerungen, die als Beleidigung eines fremdländischen Staats-lenkers ausgelegt werden könnten. Aber eines erlaube ich mir doch zu sagen: Die Praxis der russischen Behörden geht mir gegen den Strich. Denn ganz objektiv läuft hier eine gigantische Lebensmittelverschwendung. Nach Berechnungen des Moskauer Instituts für strategische Analysen (FBK) hätte allein aus 750 t der vernichteten Nahrungsmittel rund eine halbe Million Menschen zeitnah versorgt werden können. Zum Hintergrund: Im vergangenen Jahr lebten nach Angaben des zentralen russischen Statistikamtes fast 20 Millionen Bürger Russlands unter der Armutsgrenze.

Andererseits ist die Nahrungsmittelvergeudung an Russlands Grenzen ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass auch aus Sicht Osteuropas dringend eine Einigung im Streit um die Ukraine-Politik und eine Korrektur der Positionen beider Länder erreicht werden muss. Damit sind wir in den westeuropäischen Ländern nicht mehr allein mit unseren Klagen über miserable Produktpreise infolge der politischen Querelen. Eine zwischenstaatliche Einigung  würde damit nicht nur eine der größen Diplomatiepleiten der jüngeren Vergangenheit beenden, sondern auch für die Volkswirtschaften beider Seiten nützlich sein. Einigung mit Russland braucht Europa aber noch aus einem anderen Grund: Russland gehört zu Europa, Russland ist Europa! Auch wenn manche Politiker immer noch die Grenze des Kontinents an der Oder verorten – die Realitäten sind doch andere. Die Achse Paris-Berlin-Moskau muss stehen! Das hat die Stabilität der letzten 25 Jahre klar bewiesen, und davon sollte niemand abrücken. Auch nicht bei Meinungsverschiedenheiten. Wie anders will man sonst neuen Herausforderungen begegnen? Längst drängen China, Korea, die südamerikanischen Staaten nach vorn in Handel und Weltpolitik, längst ist Weltfrieden kein Ding mehr, das Warschau und Brüssel allein ausfechten. Längst bedrohen Klimawandel und soziale Ungleichgewichte das gesamte Europa, und längst sind die USA als alleiniger „Bestimmer“ im Buddelkasten der Weltgeschichte abgesetzt. Umso mehr wird ein wenigstens in Grundfragen einiges Europa gebraucht.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen bin ich optimistisch, dass Einigung möglich ist. Die NATO und Russland verkündeten zu Beginn dieser Woche, dass sie nach zwei Jahren Eiszeit wieder miteinander reden wollen, und der jüngste EU-Agrarrat hat sich für einen gesamteuropäischen politischen und ökonomischen Neuanfang mit Russland ausgesprochen. Auch in die deutsch-russischen Agrarbeziehungen scheint neuer Wind zu kommen, wenn ich die Aktivitäten des traditionsreichen Agrardialogs  oder die Russland-Reisepläne von Minister Schmidt richtig deute. Dieser Wind kann uns nur nützen – als Bürger wie als Bauern.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr