Kommentar zum Heft 13/2018



Ein Geschäftsmodell, das scheitern musste?

Liebe Leserinnen und Leser,

das kann doch nicht wahr sein, dürfte so mancher Milcherzeuger angesichts der Hiobsbotschaft gedacht haben. Die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft B.M.G. meldete am 9. März Insolvenz an. Dass der bedeutende Großhändler in schweres Fahrwasser geraten war, hatte sich zwar schon vor Wochen abgezeichnet. Es gab nur Abschlagszahlungen für die Milch, der Preis lag um etwa ein Drittel unter dem Üblichen. Eine vor­übergehend schwierige Situation, die sich rasch wieder ändert, hofften die Betroffenen. Immerhin hatte das traditionsreiche Unternehmen selbst in Zeiten tiefster Milchpreise den Erzeugern noch relativ günstige Angebote machen können. Was diese ermunterte, zum in Berlin ansässigen Kontor zu wechseln. Dies galt sogar als eine Art Geheimtipp, obwohl das Unternehmen so gar nicht als Zwerg in der Branche daherkam. Jährlich wurden rund 900.000 Tonnen Milch deutschland- und gar europaweit gehandelt. Dies sprach für wirtschaftliche Potenz, an die die Milcherzeuger wohl bis zuletzt geglaubt haben!

Schätzungen zufolge belaufen sich die Einnahmeverluste der B.M.G.-Lieferanten auf rund 60 Millionen Euro. Haben sie noch eine Chance, wenigstens einen Teil der offenen Zahlungen zu bekommen? Die Aussichten stehen schlecht. Die neue Bundes­agrarministerin signalisierte zwar Betroffenheit und Solidarität mit den Erzeugern, wies jedoch die Forderung nach staatlicher Hilfe zurück. Am drängendsten war ohnehin zunächst die Frage, wohin die täglich zu melkende Milch nun geliefert werden sollte. Glücklicherweise erwies sich die Befürchtung als unbegründet, dass das hochwertige Lebensmittel mangels Absatz weggegossen werden müsse. Es fanden sich vorübergehend Molkereien als Abnehmer, was aber an der Tatsache nichts änderte, dass die Milcherzeuger eiskalt vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren. Ein fairer Umgang mit Geschäftspartnern sieht anders aus!

War das Fiasko unvermeidlich? Offensichtlich gab es betriebswirtschaftliche Fehler in der Unternehmensführung, die zwangsläufig zur Insolvenz führten. Der Deutsche Bauernverband spricht von einem „gewagten Geschäftsmodell, gepaart mit unternehmerischen Fehlentscheidungen“. Für Brandenburgs Bauernbund steht fest, dass die B.M.G. letztendlich am unseligen Zusammenwirken von staatlicher Marktintervention und monopolartigen Strukturen scheiterte. Immerhin habe der Staat Magermilchpulver für zwei Drittel des Aufkaufpreises auf den Markt geworfen und Preisdumping betrieben. Andere halten dagegen, dass die B.M.G. sehr flexibel und offen war für jene Milcherzeuger, die neue Wege in der Vermarktung gehen wollen. Insofern sollte noch genau analysiert werden, woran das Geschäftsmodell scheiterte. 

Die Situation bleibt ernst – nicht nur für die von der Pleite des Großhändlers betroffenen Lieferanten. Diese können nun zwar Darlehen über ihre Hausbank beantragen, um kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Zudem steht eine Bürgschaft aus dem Bundesprogramm in Aussicht. Doch für Betriebe, die bereits Kapitaldienst leisten, dürfte ein neuerlicher Kredit ausscheiden. Für viele Erzeuger stellt sich vielmehr die Frage, ob sie weiterhin unter den riskanten Bedingungen der volatilen Märkte noch Milch produzieren können. Zweifellos ist zuviel davon im Umlauf, was die Preise unter Druck setzt. Der Markt muss entlastet werden, aber inwieweit sollte der Staat eingreifen? Bei der Diskussion darüber scheiden sich weiterhin die Geister, ebenso in der Frage der Liefervereinbarungen zwischen Molkereien und Erzeugern. Solange es nur Vorstellungen, aber keine praktikablen Lösungen gibt, werden weitere Betriebe aus der Milchproduktion aussteigen.

Herzlichst Ihr
Wolfgang Herklotz

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