Kommentar zum Heft 13/2017



Die Bäume werden nicht in den Himmel wachsen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

die Milchpreise sind nach einem langen Tief endlich wieder angestiegen. Im März bewegten sie sich zwischen 30 und 35 ct/kg. Das ist jedoch für die meisten Milchbauern kein Grund zum Aufatmen: Im letzten Jahr konnten bei einem mittleren Auszahlungspreis von 27 ct/kg die Kosten bei Weitem nicht gedeckt werden. Manche Kühe brachten einen Verlust von über 1.000 €.

Seit dem Quotenende, das von vielen in der Branche so heiß ersehnt wurde, schlossen über 8 000 Milchviehbetriebe die Hoftore. Derzeit gibt es nur noch 69 000 Milcherzeuger in Deutschland. Und bei den Verbliebenen, die in den letzten Jahren in neue Ställe und Technik investiert haben, häufen sich die Schulden. Die gesamte Milchbranche steht unter Druck und ist im Wandel begriffen. Darüber wurde auf dem 8. Berliner Milchforum, woran über 500 Landwirte, Molkereivertreter, Wissenschaftler und Politiker teilnahmen, heftig diskutiert (Seiten 34 und 35).

Wenn das massive Aufgeben der Milchviehhaltung nicht so weitergehen soll wie bisher, bedarf es vor allem eines starken Wandels in den Lieferverträgen und der Preisgestaltung zwischen Landwirten, Molkereien und Handel. Es kann nicht angehen, dass Landwirte erst nach über einem Monat erfahren, wie viel Geld sie für die abgelieferte Milch erhalten. Auch die Vertragsbindungszeiten und Lieferkonditionen sind zu überdenken und zu gestalten. Dabei sind vor allem die Geschäftsführungen und ehrenamtlichen Aufsichtsräte der genossenschaftlichen Molkereien gefordert. Die Milchlieferanten brauchen marktkonforme Lieferbeziehungen und krisenrobuste Preisabsicherungen. Auch Absicherungen an der Börse können da hilfreich sein. Letztlich sollte der Handel, der immer wieder mit Billigangeboten die Preise drückt, mehr als bisher in die Pflicht genommen werden. Dazu bräuchten die Landwirte Unterstützung. Wer aber gewährt diese? Eine Branchenorganisation gibt es leider immer noch nicht.

Den Wandel selbst zu gestalten ist eine schwierige Aufgabe, denn an den Stellschrauben der Kosten ist bei den meisten Milchviehhaltern kaum noch zu drehen. Also hilft nur, beim Milchverkauf mehr Geld herauszuhandeln. Und wenn die Genossenschaftsmolkereien auch noch so oft beteuern, man könne nur das auszahlen, was die Verwertung hergibt, so ist die Verwertung eben doch mithilfe einer innovativen Produktpalette steigerbar. Deutsche Milchprodukte sind nämlich auf dem Weltmarkt durchaus gefragt. Und da geben nicht Neuseeland oder die USA den Ton an, denn die beiden größten Milchexporteure liefern vor allem wenig veredelte Produkte wie Butter, Milch- und Molkepulver. Länder wie Österreich hingegen kommen mit ihren Qualitätsprodukten daher, und verdienen ein gutes Geld, wenn auch dort die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Stärker auf die Binnennachfrage zu setzen, ist hingegen allenfalls gute Absicht. Solange der mächtige Einzelhandel immer wieder mit Sonderangeboten lockt, drückt das besonders stark auf die Erzeugerpreise. Jegliche Billigstrategien stehen dabei im eklatanten Widerspruch zu Nachhaltigkeit und Regionalität, vor allem aber den Wünschen der Gesellschaft nach mehr Tierwohl und Umweltschutz. Diese können durchaus berechtigt sein, doch wird ihre Befriedigung die Haltungskosten weiter ansteigen lassen. Wer soll das bezahlen oder gar in diesen Bereich noch investieren? 

In dieser schwierigen Zeit ist die gesamte Milchbranche gefordert, nicht nur die Erzeuger allein. Die Molkereien sind aufgefordert, die Wertschöpfung zu verbessern, und der Einzelhandel muss endlich auf Dumpingpreise verzichten. Ach ja, und die Politik ... wozu brauchten wir die gleich noch?

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