Kommentar zum Heft 10/2015

06.03.2015

© Sabine Rübensaat

Karsten Bär

Was läuft da bloß in Sachsen schief?

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

laut einer Studie des Greifswalder Geografieprofessors Helmut Klüter, die er im Auftrag der Grünen-Fraktion im Dresdner Landtag erstellte, weist die Landwirtschaft im Freistaat im Vergleich zu anderen Bundesländern enorme Defizite auf. Sie sei eine „Wachstumsbremse“, denn die Bruttowertschöpfung der Branche stagniere seit Jahren bei einer knappen Milliarde Euro. Die Flächenproduktivität je Hektar liege mit 960 Euro trotz guter naturräumlicher Ausstattung des Landes 17 Prozent unter dem deutschen Durchschnitt. Besonders der Vergleich mit Rheinland-Pfalz, wo eine Bruttowertschöpfung von 1 880 Euro pro Hektar erreicht werde, zeige auf, dass die sächsische Landwirtschaft weit hinter ihren Möglichkeiten agiere.

 

Man ahnt es schon: Die Großbetriebe vermasseln aus Prof. Klüters Sicht den sonst so erfolgreichen Sachsen in der Land- und Forstwirtschaft die Statistik. Hinter hohen Agrarsubventionen verschanzt, würden sich die LPG-Nachfolger mit minimalem Personalaufwand der Produktion von billiger Massenware widmen, statt in familiärer Handarbeit Qualitätsprodukte zu erzeugen, die auf dem Wochenmarkt im Ballungsraum zu hohen Preisen direkt an den Verbraucher verkauft werden könnten. Knapp gefasst ist das die These, die Klüter mit seiner Vergleichsstudie vertritt und mit einer langen Reihe statistischer Daten zu belegen versucht. Mehr kleine Betriebe = mehr Wertschöpfung, meint er. Gute 1 400 Euro pro Hektar – so hoch ist nach seinen Berechnungen die Flächenproduktivität in Rheinland-Pfalz ohne Berücksichtigung des starken Weinbaus – seien auch in Sachsen drin.

 

Doch so einfach ist’s mitnichten. Allein der Vergleich der Landwirtschaft in Sachsen und Rheinland-Pfalz kommt auf wackligen Beinen dahergehinkt. Mögen beide Länder hinsichtlich ihrer Größe und Bevölkerungszahl vergleichbar sein, bei den Standortbedingungen sind sie es nicht, was sich etwa in unterschiedlichen durchschnittlichen Getreideerträgen widerspiegelt. Mit ungünstigerem Klima muss beispielsweise der Gartenbau in Sachsen zurechtkommen, was unter anderem höhere Energiekosten nach sich zieht. Unberücksichtigt bleiben auch Unterschiede in der Kaufkraft der Bevölkerung: Sind Direktvermarkter in Sachsen in der Lage, ähnlich hohe Erlöse für ihre Produkte zu erzielen, wie es im Westen Deutschlands möglich ist? Viele, die dieses Feld beackern, wissen: nein. Besonders in Ostsachsen klagen viele selbst vermarktende Erzeuger zunehmend über extremen Konkurrenzdruck durch polnische Anbieter, die mit deutlich niedrigeren Preisen auf die Wochenmärkte drängen.

 

Davon einmal abgesehen: Auch in anderen Punkten ist die Argumentation nicht überzeugend. Ist ein hoher Anteil an Familienarbeitskräften, wie ihn die rheinland-pfälzische Landwirtschaft aufweist, gesellschaftlich tatsächlich so erstrebenswert, wenn Familienmitglieder zwar besonders flexibel einsetzbar sind, aber kein Gehalt beziehen und kaum Sozialabgaben leisten? Glaubt Prof. Klüter ernsthaft, der große Zuspruch für Zeitschriftentitel der Kategorie „Landlust“ entspringe dem dringenden Bedürfnis der Menschen, fortan selbst kleinbäuerliche Landwirtschaft zu betreiben? Was bringt ihn dazu zu behaupten, große Agrarbetriebe haben nicht mal Effekte auf die regionale Wirtschaft, weil sie statt beim örtlichen Landtechnikhandel lieber direkt beim Hersteller kaufen? Und warum vergleicht er das Bundesland Sachsen nicht ebenso intensiv mit Hessen, dessen Flächenproduktivität nur unwesentlich höher als die sächsische ist?

 

Was also läuft in Sachsen schief? Gar nichts, denn es läuft hier in der Landwirtschaft lediglich manches anders als in Rheinland-Pfalz. Schief ist nur das Bild, das der Vergleich beider Länder und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen zeichnen.

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