Kommentar zum Heft 09/2017



Statt Abwehrarbeit Selbstkritik?

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

mehr Selbstkritik forderte der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, Carl-Albrecht Bartmer, auf der jüngsten Wintertagung seiner Organisation (S. 18­–19) von den Berufskollegen. Und noch mehr: Selbstkorrektur! „Wie das denn bitte?“, mag sich da mancher gefragt haben. Da werden Landwirte seit Monaten grundlos beschimpft, und da kommt der daher und redet von Selbstkritik?

Zugegeben, so richtig passt das momentan nicht ins Bild. Bislang herrscht in der Branche verbändeübergreifend das Selbstverständnis, dass solides Fachwissen und bäuerliche Tradition die besten Ratgeber in Sachen Agrarpolitik seien (S. 18, 20, 23). Dementsprechend sind die praktischen Aktivitäten ausgerichtet: Wir kämpfen um eine bessere Außendarstellung, schalten teure Radiowerbung, bauen Erlebnisbauernhöfe, drucken Plakate, halten Hoftage ab und erklären der Gesellschaft geduldig, wie wir arbeiten und warum die Welt so ist, wie sie ist. Viele Berufskollegen bringt das schon jetzt an den Rand ihrer Möglichkeiten. Und doch ist das nicht genug. Die Nerven werden weiter schwinden, und das sauer verdiente Bauerngeld wird verdampfen wie ein Schluck Wasser auf dem heißen Herd.

Dieses Dilemma hat die DLG sachlich analysiert, und es zeigte sich: Allein mit der Muskelkraft der bäuerlichen Medienarbeit wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Es braucht mehr Kopfarbeit und, ja, auch mehr Verbündete. Das ist angesichts der realen Zahlen- und Machtverhältnisse objektiv nachzuvollziehen und ganz nebenbei Wasser auf unsere Mühle: Wir schrieben in der BauernZeitung bereits mehrfach davon – zuletzt in Ausgabe 4 an dieser Stelle. Doch was bedeutet das nun konkret?

Es geht zum Ersten, so verstehe ich den DLG-Präsidenten, um ein „klares ethisches Bekenntnis zum ehrbaren Unternehmer“. Das bedeutet, den eigenen Betrieb auf den Prüfstand zu stellen und alles, aber auch alles abzustellen, was der derzeit gültigen Rechtslage, der guten fachlichen Praxis und dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Das ist nicht viel, ganz sicher, aber es lohnt sich. Weil der eigene Blick davon gerader wird in der Diskussion.

Zweitens betonte Bartmer wohl nicht umsonst die „zweifelsfreie Abgrenzung von schwarzen Schafen“. Allzu oft wurde dies bisher abgetan, weil man ja geschlossen auftreten müsse und auf die Beiträge aller Mitglieder angewiesen sei. Das ist sicher nicht falsch, hat uns aber in die Glaubwürdigkeitskrise geführt, in der wir stecken. Demnach wird künftig nur eine fair, aber offensiv geführte Auseinandersetzung weiterhelfen. Ein schwieriges Thema, wie ich ahne …  

Noch schwieriger wird die dritte Stufe: Es gehe um konkrete Schritte zum Tier- und Umweltschutz, die über das momentan ordnungsrechtlich gebotene Niveau hinaus gehen, höre ich in der DLG. Nun, das können sich nur ein paar reiche Bauern leisten, dürfte die Antwort der Masse sein. Und tatsächlich. Hier ist der Schwachpunkt des Frankfurter Thesenwerks. Aus dem „Laufenden“ kann wohl keiner eine Technologierevolution bezahlen, und größere Umschichtungen aus der Direktzahlungskasse muten unfair an. Fazit: Ganz fertig sind wir mit der Diskussion noch nicht. Aber Thesen sind ja auch noch kein Konzept.

Und was winkt an Lohn? Eine neue Diskussionskultur! Statt platter Losungen kamen in Hannover beide Seiten (und Bioland sogar ein bisschen mehr) mit Fakten, Logik und ordentlich gemachten Studien ins Forum. Am Ende standen sogar Ideen für kooperative Projekte: Wo, wenn nicht bei gemeinsamer Arbeit, wächst gegenseitiges Verständnis?

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