Kommentar zum Heft 08/2018



Intelligente Lösungen sind gefragt

Liebe Leserinnen und Leser,

Tierwohllabels schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Anfang Januar präsentiert Aldi sein Produktlabel „Fair und Gut“. Ab April will Lidl seinen „Haltungskompass“ einführen. Und die Initiative Tierwohl, die der Lebensmitteleinzelhandel bereits seit 2015 finanziert, bringt ebenfalls ab April ihr erstes Produktlabel auf den Markt, mit dem Geflügelfrischfleisch gekennzeichnet werden soll. Aber wer sieht in diesem Wirrwarr noch durch? Verbraucher? Landwirte? Wohin geht die Reise? Das zuständige Bundesministerium schläft hingegen. Ein einheitliches, staatliches Tierwohllabel einzuführen, versprach Agrarminister Christian Schmidt schon auf der Internationalen Grünen Woche des vorigen Jahres. Seitdem ist nichts Messbares passiert. Deshalb bläst der Lebensmitteleinzelhandel nun zum Gegenangriff.

So, wie es derzeit läuft, kann es aber nicht funktionieren. Denn am Ende geht es um viel mehr als um bunte Aufkleber auf Lebensmittelverpackungen: Es geht um die Frage nach den Haltungssystemen der Zukunft! Sie sollen tiergerecht, umweltfreundlich, klimaschonend, aber auch von Bestand und für die Landwirte wirtschaftlich sein. Ganz zu schweigen von den Investitionskosten, die auf die Agrarbetriebe zukommen. Und es geht darum, ob die Verbraucher tatsächlich mehr Geld für gekennzeichnete Tierwohlprodukte ausgeben oder ob sie es weiterhin nur in Umfragen behaupten.

Was jetzt gebraucht wird, ist ein einziges einheitliches Tierwohllabel und nicht viele. Ganz entscheidend sind dabei die Kriterien, die das Label vertritt. So bleiben beispielsweise beim „Haltungskompass“ noch etliche Fragen offen: Was ist mit der Regionalität und damit mit dem kurzen Weg zum Schlachthof? Wo kommt zum Ausdruck, dass die Tiere in Deutschland geboren und aufgezogen worden sind? Wie wurde das Tier im Schlachthof behandelt? Da stellt sich schon die Frage, ob es dem Discounter wirklich darum geht, die Haltungsbedingungen zu verbessern oder soll das Ganze doch nur dem Marketing dienen? Lidl beschränkt sich in seinem Vier-Stufen-Modell nur auf tierwohlgerechte Haltungsbedingungen, wie eine größeres Platzangebot, Auslauf ins Freie oder Beschäftigungsmaterial. Für Stufe 4 gelten die gesetzlichen Bestimmungen für Biobetriebe.

Natürlich darf bei der ganzen Diskussion nicht außer Acht gelassen werden, wie schwierig es ist, ein sicheres Kontroll- und Prüfsystem zu entwickeln. Ein Verfahren, das auch den letzten Verbraucheransprüchen gerecht wird. Es gilt, den Lebensweg jeden einzelnen Schlachttieres von seiner Geburt, über seine Aufzucht, die Haltung wie Fütterung und den Transport bis in den Schlachthof hinein transparent zu machen. Lückenlos und jederzeit nachvollziehbar. Wie kann der Verbraucher mit dem ersten Blick auf die Fleischverpackung erkennen, wo die Weide liegt, auf der das Rind graste, von dem sein Steak stammt? In Mecklenburg-Vorpommern oder in Uruguay? Ganz zu schweigen von dem Aufwand, mit dem zum Beispiel jedes verwertbare Teil eines Schweins gelabelt werden muss – bei einem Schweinefleischverzehr von knapp drei Millionen Tonnen pro Jahr in Deutschland! Dafür bedarf es intelligenter Lösungen und keiner Discounter-Promotion. Und wer stellt eigentlich sicher, dass die Tierhalter nicht in der zusätzlichen Bürokratie versinken?

Gelingen kann das nur, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: die Politik, der Lebensmitteleinzelhandel, die Landwirte und alle anderen Akteure der Branche. Und das muss jetzt schnell gehen, denn sonst ist das Vertrauen in das Label dahin, bevor es entstanden ist.

Herzlichst Ihre
Bettina Karl

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