Kommentar zum Heft 08/2017



Mutation ist Mutation – oder doch nicht?

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

jeder kennt die Momente, in denen man nicht glauben will, wie schnell die Zeit vergeht. Mir ist das eben passiert, als ich las, dass das deutsche Gesetz zur Regelung der Gentechnik aus dem Jahre 1990 stammt. Dass sich seitdem die molekularbiologischen Verfahren enorm weiterentwickelt haben, zeigen auch die Beiträge im Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe. In ihnen geht es unter anderem um genomische Selektion und um Genome Editing, sogenannte Genomchirurgie. Eng verbunden damit ist CRISPR/Cas. Dieses merkwürdige Kürzel steht für ein neues Verfahren, bei dem DNA-Bausteine im Erbgut so präzise verändert werden, wie es bislang unvorstellbar war. Das Resultat sind Punktmutationen, die von zufälligen, auch in der Natur möglichen Genveränderungen nicht zu unterscheiden sind. Und das lässt den Gesetzgeber jetzt ziemlich alt aussehen.

Das meinten offensichtlich auch die Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutsche Ethikrat, die am 14. Februar in Berlin zu einer hochkarätigen Diskussionsveranstaltung über dieses Thema eingeladen hatten. Deren Teilnehmer waren sich auch einig darin, dass sich mit einer Gentechnikdefinition, die den Wissensstand von 1990 darstellt, CRISPR/Cas & Co. nicht fassen lassen und das Gentechnikgesetz überdacht und überarbeitet werden muss. Gentechnikkritische Experten forderten dazu, nicht das Produkt – wie die editierte, von natürlichen nicht unterscheidbare Pflanze – dürfe maßgebend sein, sondern der Prozess, der zu ihr führt. Veränderungen am Erbgut, die mithilfe von CRISPR/Cas erzeugt werden, seien klar als Gentechnik einzuordnen. Auch kleine Eingriffe könnten zu weitreichenden Veränderungen eines Organismus führen und relevante Auswirkungen haben. Nebenwirkungen wie die sogenannten Off-Target-Effects (Nicht-Ziel-Effekte) würden auch bei den neuen Techniken auftreten, und sie ließen sich weder vorhersagen noch abschätzen. Die meisten anwesenden Wissenschaftler sahen das jedoch anders. Sie waren der Meinung, dass das von einer neuartigen Pflanze ausgehende mögliche Risiko im Vordergrund stehen sollte – unabhängig von der Technologie, mit der sie hergestellt wurde. Genomeditierte Pflanzen, die keine DNA von unverwandten Organismen enthalten, dürften deshalb nicht unter das Gentechnikgesetz fallen. Denn aus biologischer Sicht gäbe es keinen Anlass, sie anders zu regulieren als die durch Kreuzung oder natürliche Rekombination entstandenen Pflanzen. Sollte dennoch Regulierungsbedarf für Organismen bestehen, die vom Menschen naturidentisch modifiziert wurden, so könnte eine produkt-basierte Prüfung der Folgen von natürlichen Erbgutveränderungen angewandt werden.

Den Streit – ob die verfahrensbezogenen Teile des Gentechnikgesetzes nun maßgebend sind oder das entstandene Produkt – konnte die Veranstaltung schlussendlich nicht schlichten. Zudem werden die verantwortlichen Politiker erst das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) abwarten, der, angestoßen von einer Klage in Frankreich, Anfang 2018 ein Urteil darüber fällen wird, wie Genome-Editing-Verfahren rechtlich einzustufen sind – und ob sie in Europa von Züchtern angewendet werden können. Bis dahin lähmt die Rechtsunsicherheit weiterhin Forschung und Züchtungsunternehmen. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass das höchstrichterliche Urteil von Sachverstand und wissenschaftlicher Erkenntnis und nicht von Ängsten und Populismus getragen sein wird. Oder wie Prof. Peter Dabrock, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, resümierte: „Man trägt Verantwortung für das, was man tut, aber auch für das, was man wider besseres Wissen verhindert.“

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