Kommentar zum Heft 06/2018



Ein Tiefschlag für die Öffentlichkeitsarbeit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Grüne Woche ist vorbei. Was für ein Glück! Der viele Unsinn über Landwirtschaft, der dort geredet worden ist, war schwer erträglich. Zu der sonderbaren Demo im Berliner Zentrum haben sich meine Kollegen an dieser Stelle ja schon geäußert. Leider gab es noch mehr Fragwürdigkeiten. Platz 1 belegte eine Pressemeldung des Bayerischen Bauernverbands, des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands, des Landesbauernverbands in Baden-Württemberg sowie der Landwirtschaftsministerien Bayerns und Baden-Württembergs, in der die „gesellschaftliche Bedeutung der kleinen Milchviehbetriebe mit Anbindehaltung sowohl für die Landschaftspflege als auch für die Bewirtschaftung von Grünland“ gepriesen wird. Gerade diese Betriebe pflegten kleinteilige Grünlandflächen, Hänge und andere „ökologisch wertvolle Grenzstandorte“ und erfüllten somit „unverzichtbare Aufgaben“ für den Klima-, Arten- und Bodenschutz. Zugleich prägten sie die Landwirtschaft, heißt es in der Erklärung, die auch betont, dass die Anbindehaltung rechtskonform sei. In Bayern sei diese Haltung bei der Hälfte der Milchbetriebe üblich, in Baden-Württemberg bei 35 %. Die Anbindebetriebe seien aufgeschlossen für Neues, oft stünden jedoch Dorfenge, Geldmangel und Genehmigungsprobleme Modernisierungen entgegen. Vor diesem Hintergrund lehnen die Verfasser der Erklärung ein Verbot der Anbindehaltung sowie eine einseitige Befristung durch Marktpartner ab.

Diese Argumentation halte ich, so plausibel sie klingen mag, weder für sinnvoll noch für zielführend. Sinnvoll ist sie nicht, weil die Anbindeställe ganz klar ein Auslaufmodell sind, dessen Tierschutzkonformität man besser nicht vor höchsten Gerichten diskutieren sollte. Es ist kein Zufall, dass von den 66.000 Milchviehbetrieben in Deutschland schon etwa 40.000 Laufställe haben und etwa drei Viertel der Milchkühe im Laufstall stehen. Warum für etwas werben, das sich selbst schon fast abgeschafft hat?

Zudem ist diese Meldung nicht zielführend in einer Zeit, da heftig über agrarpolitische Leitbilder diskutiert wird. Sie blendet aus, dass die genannten Aufgaben auch von größeren Betrieben ohne Anbindehaltung gut erledigt werden könnten. Und sie vermengt in der öffentlichen Wahrnehmung die Attribute „klein“ und „rückständig“. Das könnte für die agrarpolitische Sicherung kleinerer Betriebe nach hinten losgehen, und es tut den vielen Bauern in Nord-, Mittel-, und vor allem Ostdeutschland Unrecht, die in den letzten Jahren, nicht zuletzt über Koopera­tionslösungen, moderne Tierhaltungen aufgebaut haben. An denen dürften sich die süddeutschen Kollegen ein Beispiel nehmen, anstatt mit bemühten Argumenten eigene Rückständigkeit zu zementieren.

Letztlich ist diese Veröffentlichung ausgesprochen hinderlich für eine zukunftszugewandte Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Landwirtschaft. Denn was bleibt dem Städtebürger nach einer solchen Lobeshymne auf ein völlig antiquiertes Tierhaltungsverfahren im Kopf? „Die Bauern halten wieder mal an alten Zöpfen fest und sind nicht bereit, ihre Wirtschaftsweise an einen zeitgemäßen Standard von Tierschutz und Tierwohl anzupassen!“, denkt er sich. Da können wir auf der Arbeitsebene noch so viele schöne Hoftage für die Bevölkerung veranstalten und im Internet für die Wahrheit über Landwirtschaft streiten – wenn Landesregierungen und sogar Bauernverbände uns derart die Beine weghauen, werden unsere Worte in den Ohren der Öffentlichkeit nur wie hohles Gerede klingen. Die Verbände hätten ohne Not ein Ausstiegsszenario entwerfen und die Ministerien Zusagen für ein Laufstall-Förderungsprogramm geben können. Dann hätte die Gesellschaft verstanden, dass es den Bauern ernst ist mit dem Tierschutz.

Herzlichst Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

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