Kommentar zum Heft 05/2018



Wenn der Bock zum Gärtner wird

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Meldung hat mich überrascht: Die seit Jahrzehnten in Industrieländern kontinuierlich steigende Lebenserwartung ist wieder rückläufig. Für Deutschland und auf 2016 bezogen haben Versicherungsmathematiker berechnet, dass die Restlebenserwartung von 65-Jährigen um ein halbes Jahr geringer ausfällt als in den Vorjahren. Ähnliches wurde in Großbritannien ermittelt. Zudem sinke die Lebensspanne der US-Amerikaner seit Jahren – leicht, aber doch messbar. Der Grund seien sogenannte Wohlstandskrankheiten, die vor allem aus Bewegungsmangel und falscher Ernährung resultieren. Erstaunt hat mich dabei vor allem, dass sich die Meldung auch auf Deutschland bezog. Hierzulande hat gesunde Ernährung doch für viele Menschen heute einen derart hohen Stellwert, dass sie dafür sogar im regenkalten Januar zu Tausenden auf die Straße gehen. So geschehen am vorletzten Samstag zu Beginn der Grünen Woche (Bauernzeitung 4/2018, S. 20). Essen sei nun sogar politisch, hieß es dort.

Den Supermärkten allerdings scheint ein politisch korrektes Nahrungsangebot wenig wichtig. Sie locken nach wie vor mit ihren „Es-geht-immer-noch-billiger-Angeboten“, oder aber sie präsentieren sich als die reinsten Gesundheitstempel – zumindest verspricht das ihre Werbung und das, was auf den Verpackungen steht. Praktisch jedes Lebensmittel gibt es in Bioqualität – oder gentechnikfrei – und vieles auch in einer veganen Variante. Es werden Chiasamen, Gojibeeren und natürlich Quinoa als „Superfood“ angepriesen. Gefühlt jedes zweite Nahrungsmittel ist frei von Gluten oder Laktose oder besser noch frei von beidem. Lebensmittelindustrie wie -einzelhandel scheinen also ernsthaft bemüht, dass sich alle ausgewogen ernähren, könnte man meinen. Doch den Konzernen geht es nicht um jene, die auf solche Produkte angewiesen sind. Sie haben vielmehr schnell erkannt, dass man an „Frei-von-Produkten“ einfach prächtig verdienen kann. Die von tatsächlichen oder vermeintlichen Skandalen sowie den zielgerichteten Falschmeldungen diverser Interessengruppen verunsicherten Verbraucher sind heute nur allzu bereit, für „gesündere und bekömmlichere Nahrungsmittel“ viel Geld auszugeben – egal ob der Effekt nun echt ist oder eingebildet. Und das Tolle für die Händler dabei ist, dass sie für die „Frei-von-Produkte“ selbst nicht viel tun müssen. Das müssen andere. Die Kosten werden einfach bis an den Anfang der Produktionskette durchgereicht. Und ob dort jemand dann mehr Geld erhält, ist nicht das Problem des Händlers. Vorreiter ist hier wieder einmal der Discounter Aldi, der sich jetzt mit garantiert glyphosatfrei hergestellten Lebensmitteln und einem eigenen Tierwohllabel profilieren will.

Seit Jahrzehnten setzt sich diese Handelskette einzig und allein über die Preisführerschaft von der Konkurrenz ab. Die gesamte Branche muss sich deshalb im Wettbewerb an ihren Preisvorgaben orientieren. Niedrige Preise aber sind nur durch effiziente Erzeugung großer Mengen möglich. Nur wer Massenprodukte einkauft, kann günstige Einkaufspreise an seine Kunden weitergeben. Jeder Discounter hat daher ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, wenn er seine Lieferanten auffordert, aufwendiger zu produzieren. Mit Aldi macht sich hier der Bock zum Gärtner. Gleichzeitig verpasst der Billigstanbieter aber auch Minister Schmidt eine schallende Ohrfeige. Zwei Jahre bastelt der nun schon erfolglos an seinem Tierwohllabel herum. Eigentlich sollte der Regierung doch klar sein: Wenn sie es den Preisdrückern überlässt, die Produktionsbedingungen zu diktieren, wird den Erzeugern bald die Luft zum Atmen fehlen. Und das wiederum steigert bekanntlich nicht gerade die Lebenserwartung.

Herzlichst Ihr
Christoph Feyer

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