Kommentar zum Heft 05/2017



Label für Tierwohl wirft viele Fragen auf

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

wie viel Platz sollte ein 100 kg schweres Schwein im Stall zur Verfügung haben? Schon daran scheiden sich die Geister. Der gesetzliche Mindeststandard liegt bei einem Dreiviertelquadratmeter, die Initiative „Tierschutz kontrolliert“ schreibt die doppelte Fläche vor, Ökoverbände wie Demeter und Bioland geben mit 1,3 m2 etwas weniger vor. Dafür gibt es auch mit weiteren Verbänden wie Naturland und Neuland unisono die Forderung, dass dem Borstenvieh unbedingt Stroh einzustreuen ist und der Stallboden zumindest teilweise spaltenfrei sein muss. Eine Regelung per Gesetz existiert hier nicht. Dennoch bleibt festzuhalten: In Deutschland existieren hohe Standards für die Nutztierhaltung. Für den Verbraucher ist es jedoch nicht leicht, beim Einkauf von Fleisch und Fleischprodukten unterschiedliche Haltungskonzepte zu erkennen. Künftig soll er unterscheiden können, wo Leistungen über die gesetzlichen Regelungen hinaus erbracht wurden. Ein leicht verständliches staatliches Label „Mehr Tierwohl“ soll für mehr Klarheit sorgen. Dies ist zumindest die Absicht der Bundesregierung. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt stellte jüngst auf der Grünen Woche das Label vor, wir berichteten bereits kurz darüber.

Ein schwarzer Stern prangt auf dem sechseckigen Logo, das ein wenig an ein Trikot der deutschen Nationalelf erinnert. Vielleicht diente ja der bemerkenswerte Einsatz von Löws Truppe seinerzeit in Brasilien als Vorlage, wo der vierte WM-Stern herbeigekickt wurde. Der Ball sollte, um im Bilde zu bleiben, zielgenau im Tor landen. Doch daran muss im Falle des Tierwohllabels noch gearbeitet werden. Derzeit feilt man im Ministerium an den Kriterien, ein Katalog soll bis Ostern vorliegen. Zumindest bei Schweinefleisch gibt es Vorstellungen. Sie reichen vom Platzangebot über Beschäftigungsmaterial und Buchtenstrukturierung bis zu betrieblicher Eigenkontrolle und einem Tiergesundheitsindex.

Wie zu erwarten war, sorgte der Vorstoß des Ministers sogleich für heftige Kritik. Moniert wurde namentlich von den Tierschutz- und Ökoverbänden, dass die Einstiegsstufe geringer sei als der gesetzliche Standard und das Label auf Freiwilligkeit setze. Laut Agrarministerium ging es jedoch darum, möglichst schnell ein Tierwohllabel einzuführen. Ein verpflichtendes Label hingegen erfordert eine europäische Regelung, was einen langwierigen Abstimmungsprozess nach sich zieht. Außerdem stellt das Agrarressort Nachbesserungen und zusätzliche Sterne in Aussicht. Der Griff nach ihnen wäre allerdings mit noch höheren Anforderungen an das Tierwohl verbunden.

Dennoch wirft das neue Logo viele Fragen auf. Kann es sich von den zahlreichen Siegeln abheben, die bereits um die Gunst des Verbrauchers buhlen? Führt selbst dessen Anerkennung der verbrieften Tierwohlleistungen zwangsläufig dazu, mehr Geld für diese Produkte auszugeben? Zwischen der erklärten und der tatsächlichen Kaufbereitschaft liegen mitunter Welten, wie die Praxis zeigt. Tierhalter fragen sich besorgt, welche Konsequenzen das neue Label für sie selbst hat. Werden sie für zusätzliche Anstrengungen wie im Fall der Initiative Tierwohl belohnt, oder fallen gar noch weitere Kosten an? Es wäre fatal, der besagten Gemeinschaftsaktion zwischen Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel den Rang ablaufen zu wollen. Und was ist eigentlich mit dem QS-System, das sehr viel über Haltungsbedingungen aussagt: Muss neu erfunden werden, was seit vielen Jahren mit erheblichem Aufwand betrieben wird, aber funktioniert? Darauf sollte die Politik antworten, statt in Aktionismus zu verfallen.

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