Kommentar zum Heft 04/2018



Reichlich Stoff zum Nachdenken

Liebe Leserinnen und Leser,

nach der Satthabe-Demo ging es wieder zurück zum Berliner Hauptbahnhof. Vor mir marschierte ein junger Familienvater, der seinen vielleicht anderthalb Jahre alten Sohn auf den Schultern trug. Aus dem Rucksack schaute ein selbstgebasteltes Pappschild mit der handgeschriebenen Forderung „Mehr Bauernhofromantik“ hervor. Eine eher ironisch gemeinte Botschaft vom Praktiker? Vermutlich nicht, denn dieser Papa sah so gar nicht wie ein Landwirt aus. Der hätte garantiert etwas anderes gefordert und mit Romantik schon gar nichts am Hut. Vermutlich also ein Stadtmensch. Schade, ich habe die Gelegenheit für ein klärendes Gespräch verpasst. So kann ich nur rätseln, wie die Aussage gemeint war.

Ich gebe zu, mit eher gemischten Gefühlen am vergangenen Wochenende zur diesjährigen Demo „Wir haben es satt!“ gegangen zu sein. Die fand traditionell nach Eröffnung der Grünen Woche und zum nunmehr achten Male statt. Ich war nicht bei allen acht als Beobachter dabei, hatte aber gerade bei den ersten Aktionen den Eindruck, dass hier vor allem Tierschutzaktivisten mobil und kräftig Stimmung gegen die hiesige Landwirtschaft machten. Und wünschte mir mehr Sachlichkeit und weniger Tamtam. So wie dann beim Gegenentwurf unter dem Motto „Wir machen Euch satt“. Besagte Veranstaltung, vor drei Jahren von jungen Landwirten ziemlich spontan und via Facebook organisiert, konnte sicherlich nicht mit spektakulären Teilnehmerzahlen punkten. Aber es war ein zutiefst ehrlicher Versuch, auf die Leistungen des Berufsstandes aufmerksam zu machen und für Aufklärung zu sorgen. Dies fand diesmal in anderer, von der Öffentlichkeit leider weniger wahrgenommener Form statt. Vielerorts wurden Tüten mit Saatgut für Blühstreifenmischungen verteilt. Ein Beitrag, um den Bienen im Laufe des Jahres zusätzliche Nahrungsquellen zu erschließen und zu zeigen, dass Landwirtschaft und Naturschutz zusammengehören.

Erwartungsgemäß hatte die diesjährige Satthabe-Demo wieder einen hohen Schauwert. Was nicht nur an den mitunter abenteuerlich verkleideten Aktivisten und dem Kaleidoskop phantasievoller Transparente lag. Viele Teilnehmer hatten sich noch dazu mit Kochtöpfen ausgerüstet, um den zeitgleich tagenden Agrarministern aus aller Welt ein Ständchen der anderen Art zu bringen. Es war schon ein imposanter Zug mit Tausenden an Teilnehmern, angeführt von 160 Schleppern verschiedenster Bauart und Herkunft. Respekt dem Veranstalter, so viele Leute mobilisiert zu haben. Noch dazu ging es trotz scheppernder Kochutensilien friedlich, gar fröhlich zu. Mal abgesehen davon, dass manches Plakat wenig lustig war. Wenn Minister mit entsorgungspflichtigem Müll gleichgestellt werden, ist das ziemlich daneben.

Für Kopfschütteln sorgte auch mancher der Redner auf der Demo. So wurde die Abschaffung der EU-Beihilfen und gar die Abschottung des Marktes angemahnt, als ob das die Probleme der Landwirtschaft lösen könnte. Dafür fehlt mir das Verständnis, aber vielleicht mangelt es mir einfach an Phantasie. Ich kann mir nämlich auch nicht vorstellen, dass der Appell an Verbraucher, sich billigen Lebensmitteln zu verweigern, die Preissituation verbessern soll. Eine klare Ansage kam dagegen von einer Milchbäuerin aus Schleswig-Holstein (siehe auch Seite 20). Sie kritisierte das System „immer billiger, immer mehr“, forderte stattdessen faire Marktregeln und Preise. Und erntete auch Zustimmung, als sie klarstellte, aus dem „konventionellen Lager“ zu kommen. Sind die Gemeinsamkeiten doch stärker als die Unterschiede? Letztendlich lieferte die Aktion vom Wochenende reichlich Stoff zum Nachdenken, und das sicherlich nicht nur für mich.

Herzlichst Ihr
Wolfgang Herklotz

Umfrage: Ferkelkastration



Wie steht es um den Wissens- und Qualifikationsbedarf bezogen auf Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration?

Zur Umfrage

ANZEIGE

ANZEIGE

ANZEIGE

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr