Kommentar zum Heft 04/2017



Raus aus den Gräben, vor allem innerlich!

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

hinter uns liegt wieder mal der Demo-Samstag zur Grünen Woche in Berlin (S.18–19). Wieder gab es
eine Anti-Agrarindustrie-Demo von Verbraucher-, Naturschutz- und Ökoverbänden, und wieder trafen sich aktive Landwirte zu einer alternativen Kundgebung, um Dialogbereitschaft zu signalisieren und ihrem Ärger über grundlose Beschuldigungen Luft zu machen. Das einzig Neue an diesem Tag war, dass es nichts Neues gab. Die Konzepte waren wie im Vorjahr, die Akteure und die Aussagen auch. Vielleicht ein Grund, warum die Teilnehmerzahlen hier wie da im Tief waren. Was bleibt in der Rückschau?

Die Verbraucherverbände zelebrierten wiederum ein professionelles Riesen-Event. Die Lautsprecher dröhnten, die Lieder klangen, mit Animationen und viel Trommelwirbel hielt man die Demonstranten in Stimmung. Teilnahme von Kleinbauer bis Großbetrieb, Tierrechtler bis Pflanzenzüchter, Veganer bis Schnitzelfan, Wissenschaftler bis Berufspolitiker. Ja, da passt manches nicht zusammen in den Zielsetzungen der einzelnen Gruppierungen. Aber wen interessiert das schon im „postfaktischen Zeitalter“? Gut dagegen: Keine Stänkereien gegen Andersdenkende dieses Jahr, wohl aber ein friedliches Volksfest am Schluss.

Die Bauern von „Wir machen Euch satt“ hingegen wussten außer einem Korso gepflegter Großtraktoren und ein paar (zweifellos gut gemeinter) Praktikerstimmen nichts aufzufahren. Entschlossenheit? Begeisterung? Ideen? Ist vielleicht auch ein bisschen viel verlangt von drei ehrenamtlichen Organisatoren, die jeder einen Betrieb, eine Familie und zusammengerechnet zehn Kinder haben. Dialogbereitschaft wurde breit signalisiert, aber zu Gesprächen kam es eher selten. Als ich mich nach Diskussionen mit einem Ökobauern aus Rostock, einem Agrarstudenten aus Berlin und einem Gentechnikgegner aus Niedersachsen umblickte, war die Bühne schon abgebaut, und die letzten bunten Westen verschwanden am Horizont. Ein alter Bekannter hatte noch provokant gefragt „Na, und du gehst jetzt zur nächsten Demo, was?“. „Ja“, hatte ich gesagt, „als Journalist muss ich da hin.“ Und gedacht hatte ich: „Warum kommst du nicht als Bauer mit?“ Nicht, um dem sonderbaren Zielemix der Satthabe-Organisationen zu huldigen, sondern um das Gespräch zu suchen mit denen, die Fragen haben dort ...

Als ich mich am Nachmittag auf den Weg in die Redaktion machte, hätte ich mir am liebsten auch ein „Ich-habe-es-satt“-Schild umgehangen. Ja, Leute, ich habe es satt, dass es immer noch diese verdammte Frontenbildung gibt! Auf der einen Seite die besorgten Bürger, die sich mit Bauernhofromantikern wie Matthias Stührwoldt, geldstarken Großorganisationen und allerhand Berufsdemonstranten zusammentun. Und auf der anderen Seite verzweifelte Profilandwirte, die nicht wissen, wie sie diesen Trends begegnen sollen.

Dieser Tag bestätigte mir eines: Einen Wettbewerb um die bessere Öffentlichkeitsarbeit können die Landwirte gegen die mitgliederstarken Verbraucherverbände, gar gegen die politischen Parteien (Neben den Grünen lief erstmals die SPD bei der Satthabe-Demo mit!) einfach nicht gewinnen. Diese sind zu zahlreich, und sie haben, zumindest gefühlt, das Gute immer auf ihrer Seite. Aber wir können uns einbringen in „ihren“ Prozess, ihn auch zu „unserem“ machen. Dazu müssen wir raus aus dem Frontendenken – im Betrieb, im Dorf und in der Politik. Müssen uns Partner suchen, da wo ehrliche Kooperationsbereitschaft vorhanden ist. Und wenn wirklich mal ein Grüner kommt, der den Grabenkampf unbedingt als Geschäftsmodell braucht, dann sollten wir ihm beim Suchen eines Feindes helfen. Die Bauern jedenfalls sind es nicht.

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