Kommentar zum Heft 04/2015

23.01.2015

© Sabine Rübensaat

stellvertretender Chefredakteur Wolfgang Herklotz

Frag doch mal den Landwirt!

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

geharnischte  Proteste von Tierschützern gehören mittlerweile ebenso zur Grünen Woche wie das Treffen der Agrarminister und die zahlreichen Fachtagungen. Dies alles durfte auch dieses Jahr nicht fehlen. Während der protokollarische Termin mit den Ressortchefs aus vieler Herren Länder unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen zustande kam, war bei der Protestdemo auf dem Potsdamer Platz mit anschließendem Defilee zum Kanzleramt viel Öffentlichkeit und Aktion(ismus) angesagt. Das sorgte für Aufsehen, hatte jedoch keinen Neuheitswert. Ein Novum stellte dagegen die  Kundgebung  dar, die wenige Stunden vorher stattfand, wenngleich nicht so spektakulär verlief (siehe Seite 19). Die sich dort am Hauptbahnhof formierten, gehörten definitiv nicht zu denen, die „Tierfabriken“ und die „industrielle Landwirtschaft“ satt haben. Sondern es waren mehrere Hundert Landwirte, die aus verschiedenen Regionen Deutschlands und unterschiedlichsten Betriebsformen kamen und eine ganz andere Botschaft vermitteln wollten: „Wir machen Euch satt!“ Damit verbunden war die Aufforderung, die Leistungen  der Landwirte anzuerkennen und anstatt über sie mit ihnen zu reden. Die Idee dazu hatten die Initiatoren der Internetplattform „fragdenlandwirt.de“, die für einen offenen, fairen Dialog in Sachen moderner Landwirtschaft steht. 

 

Die Bereitschaft dazu möchte ich auch vielen Teilnehmern der großen Demo nicht absprechen. Tausende gingen  in Berlin einfach auf die Straße, um gegen Gentechnik, die – aus ihrer Sicht – Massentierhaltung und das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU zu protestieren. Unter den Demonstranten befanden sich auch Vertreter von brandenburgischen Ökobetrieben, die sich eine artgerechte Tierhaltung auf ihre Fahnen geschrieben haben. So manches Plakat und Transparent zielte aber in eine ganz andere Richtung. Und zwar offensichtlich darauf, dem Verbraucher den Appetit auf Fleisch gänzlich zu verderben und für vegane Ernährung zu werben. Zugleich wurde euphorisch verkündet, wie viele der geplanten großen Mastanlagen verhindert werden konnten. Da stellt sich schon die Frage, welchen Stellenwert die Nutztierhaltung (wenn überhaupt) für diese Leute hat. Zu denken gibt auch, wenn (noch) höhere Standards in der Tierhaltung gefordert werden. Sollen die tatsächlich dem Tierwohl dienen oder nicht vielmehr dafür sorgen, dass weitere Betriebe aus dem aufwendigen, noch dazu mit einem Wust von Bürokratie verbundenen Geschäft aussteigen?

 

Wenn in Deutschland seit dem Jahre 2000 jeder zweite Betrieb mit Schweinehaltung aufgeben musste, liegt das nicht nur an den drastisch gesunkenen Erzeugerpreisen, sondern auch an den immensen Auflagen. Werden diese weiter verschärft, dürften noch mehr  der hiesigen Tierhalter kapitulieren. Wobei dann garantiert noch mehr Fleisch aus Ländern auf den Markt drängt, die es nicht halb so streng mit dem Tierwohl nehmen. Das darf nicht passieren!

 

Schon deshalb ist es so wichtig, dass die Landwirte in die Offensive gehen und bei der Diskussion über Tierhaltung das Feld nicht Wutbürgern und sogenannten NGO’s überlassen. Demonstrationen sind wichtig und in der Demokratie unverzichtbar, doch eben nicht alles. Eine große Chance, den Verbraucher anzusprechen und sachlich-fachlich über das eigene Tun zu informieren, bietet sich auch über das Internet und die sozialen Netzwerke. Die Initiatoren der besagten Plattform, Landwirte aus den alten Bundesländern, hatten nur wenige Tage gebraucht, um auf die Aktion am Hauptbahnhof aufmerksam und Gleichgesinnte mobil zu machen. Die Facebook-Seite sammelte nach eigenen Angaben innerhalb weniger Wochen mehr als 7 000 „gefällt mir“-Klicks.  Sie gefällt mir übrigens auch, obwohl ich kein Netzwerker und auch kein Mitglied der „zwitschernden“ Gemeinde bin.

 

 

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