Kommentar zum Heft 02/2018



Die Welt wird komplexer, die Grüne Woche auch

Liebe Leserinnen und Leser,

der Countdown läuft. Noch bevor am Freitagvormittag die Politprominenz in Journalistenbegleitung den Eröffnungsrundgang der Internationalen Grünen Woche antritt, können Medienvertreter im Stundentakt auf diversen Pressekonferenzen ihr Bild von Landwirtschaft, Gartenbau und Lebensmittelwirtschaft auf den neuesten Stand bringen. Es wird ein Bild voller Widersprüche sein, denn üblicherweise stellt sich die Wirklichkeit für Bauernverband, Bio- oder Neuland, AgrarBündnis, Initiative Tierwohl oder Industrieverband Agrar recht unterschiedlich dar. Noch komplexer wird das Bild vom ländlichen Wirtschaften, wenn internationale Aspekte hinzukommen: Phil Hogan erörtert Probleme der europäischen Agrarpolitik, viele der rund 300 Fachveranstaltungen haben internationalen Charakter, und am Rande des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) verständigen sich Agrarminister aus aller Welt über Ernährungssicherung, den Zugang zu sauberem Trinkwasser, oder – wie in diesem Jahr – über die Zukunft der tierischen Erzeugung. Alles Grüne Woche. Und da sind die lautstarken agrarpolitischen Willensbekundungen auf Berlins Straßen und Plätzen noch gar nicht dabei.

Wie viel von alledem die Besucher der Grünen Woche mitbekommen oder mitbekommen wollen, wäre einmal eine Befragung wert. Denn wer sich in den Spitzenzeiten vorbei an Käse-, Fisch- und Wursttheken, Bier- und Weinfässern, dampfenden Bratpfannen und duftenden Backöfen durch die Messehallen schiebt, hat eher den Eindruck, dass es vielen Messebesuchern vor allem um Geselligkeit, kulinarische Kicks oder einfach nur um einen bequemen und abwechslungsreichen Spaziergang durch die Küchen der Welt geht. Aber wenn in den Messehallen maßloser Überfluss zelebriert wird, während man eine Ecke weiter im CityCube über Welternährung nachdenkt, werde ich das Gefühl nicht los, dass da etwas schief läuft.

„Das ist doch naiv“, sagt da die andere, viel zitierte Seele in meiner Brust. Immerhin hat sich der Welthunger-Index in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert – von Somalia, Südsudan und Jemen im vergangenen Mai einmal abgesehen. Und sicher haben auch GFFA und Agrarministertreffen daran einen Anteil. Die Welt ist komplex, solche grundlegenden Probleme löst man doch nicht, indem man hierzulande Verzicht predigt (was eh keiner hören will) und schon gar nicht von heute auf morgen.

Als vermittelnde Brücke zwischen der Welt des Überflusses und der des Mangels lässt sich das Angebot des Bundesentwicklungsministeriums mit seinen Schwerpunkten fairer Einkauf und fairer Handel in Halle 5.2. verstehen. Wie ein T-Shirt vom „Baumwollfeld bis zum Bügel“ fair produziert wird, wie Innovationen und Kooperationen das Leben der Menschen in Afrika verbessern, kann man hier so ganz praxisnah erfahren. Das Ministerium ist jetzt im dritten Jahr auf der Grünen Woche vertreten, und das ist gut so.

Zum elften Mal wird am Rande der Grünen Woche im „Zukunftsforum ländliche Entwicklung“ über Perspektiven des Landlebens in Deutschland geredet. Das Programm verspricht Kontinuität – positiv formuliert. Ein kritischer Gast des Forums könnte auch meinen, in eine Zeitschleife geraten zu sein, zum Beispiel, was Breitbandausbau, ärztliche Versorgung oder Mobilität anbelangt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, zumal die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache den Anspruch bekräftigte, „für gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen unseres Landes zu sorgen – ganz gleich ob in der Stadt oder auf dem Land.“ Auch darüber wird zu reden sein. Nun denn!

Herzlichst Ihre
Heike Mildner

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr