Editorial zum Heft 49/2013

06.12.2013

Chefreadakteur Thomas Tanneberger

Liebe Leser,

in aller Regel ist ein Redakteur ja bestrebt, dem Leser möglichst alles zu melden, was zwischen den Ausgaben so anfällt. Manchmal allerdings ist es auch gut, etwas nicht gemeldet zu haben. So habe ich Ihnen zum Beispiel in Ausgabe 45 die Tischvorlage für die Münchner Agrarministerkonferenz „unterschlagen“, um Platz für die Tagung selbst zu haben. Und siehe da, die Minister stülpten die mühsam verhandelten Referentensätze gründlich um, und ich war froh, dass ich Ihnen statt „kaltem Kaffee“ die brühwarmen Beschlüsse auftischen konnte. In dieser Ausgabe allerdings komme ich nun nicht umhin, Ihnen Lesestoff anzubieten, der sich womöglich in 14 Tagen schon wieder erledigt hat. Dann nämlich kommen die Ergebnisse der SPD-Mitgliederbefragung zur Großen Koalition, und die könnten den Koalitionsvertrag in Windeseile zu Altpapier machen. Einen Ausblick auf dieses Szenario finden Sie auf Seite 18.

Wenn ich dieses Risiko eingehe, dann deshalb, weil ich dem Koalitionstext trotz aller Unsicherheiten eine strategische Bedeutung beimesse. Lässt er uns doch tief blicken in das Denken der Parteienvertreter und die Kräfteverhältnisse im aktuellen Deutschland. Da ist zunächst das, was man uns als Vorteil verkauft, wie zum Beispiel der Erhalt des Agrardiesels. Na schönen Dank auch! Der Rest der EU fährt billig Traktor, Deutschland hat seit Mai schon eine Folgegenehmigung von der EU-Kommission, und da sollen wir uns noch bedanken, wenn die Möchtegernkoalition nicht eingreift? Analoges gilt für das abgelehnte Verbandsklagerecht, das ja wohl ebenso ein Unding gewesen wäre.

Umso bedauerlicher ist es, dass das Koalitionspapier ansonsten jede Menge Enttäuschungen enthält. Die Landwirtschaft muss nun wohl die Hoffnung auf eine Risikoausgleichrücklage begraben, und auch einen zügigen Breitbandausbau und einen Schub beim Hochwasserschutz können wir wohl vergessen, von einer stärkeren Hilfe für die Sozialkassen ganz zu schweigen. Richtig auf die Füße fallen werden uns im Osten Deutschlands die Pläne zum Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde. Zwar meine ich, dass Betriebe, die ihre Mitarbeiter heute mit fünf oder sechs Euro abspeisen, ihr Geschäftsmodell überdenken sollten. Aber ob die Korrektur solcher Fehlplanung staatlich verordnet werden muss, ist dennoch zu bezweifeln.

Stichwort Fehlplanung. Bei manchen Betriebsleitern scheint der Eindruck entstanden zu sein, mit der EU-Agrarreform werde es so schlimm nicht werden. Aktuelle Berechnungen zeigen allerdings ein anderes Bild. Die findigen Betriebswirtschaftler vom Sächsischen Landesbauernverband haben es zusammengerechnet: Die direkten Mittel sinken nach den Münchner Beschlüssen bis 2019 um 15 %, der Wert eines Zahlungsanspruchs um 48 €. Konkret wird ein 10 ha-Betrieb in Sachsen 2019 nur noch 310 €/ha bekommen, ein 100 ha-Betrieb 280 und ein 1 000 ha-Betrieb 262 €. Und diese Zahlen sind noch nicht inflationsbereinigt! Da sehen Sie, was die Landwirtschaft unserer Gesellschaft wirklich wert ist.

Wie wenig Ernährungssicherung selbst an Universitäten als gesellschaftliches Hauptproblem erkannt wird, zeigte dieser Tage auch der Senat der Humboldt-Universität zu Berlin, als er der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät trotz 200 Jahren Lehrtradition faktisch das Aus verordnete (siehe Infospalte). Und während sich die Bauern noch rappelten, um mehr für ihre positive Wahrnehmung in der Gesellschaft zu tun, flog in Thüringen ein neuer und leider sehr ernster Tierschutzskandal auf (S. 20). Mit solchen schwarzen Schafen, die die Arbeit ihrer Berufskollegen zunichte machen, sollte sich der Berufsstand bald und konsequent auseinandersetzen. Bis die SPD-Genossen entschieden haben, ob sie vier Jahre CDU-Ehe oder doch lieber ein „Schäkern mit der Linken“ wollen, ist noch genug Zeit für klare Ansagen. 

Dr. Thomas Tanneberger

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