© Christian Mühlhausen/landpixel

Mehr Partnerschaft zwischen Landwirtschaft und LEH?

Eine Marktstudie zeigt die Abhängigkeiten in der Wertschöpfungskette Lebensmittel auf. Danach hat der Lebensmitteleinzelhandel eine hohe Bedeutung für die Preisbildung bei Agrarrohstoffen. Der scharfe Wettbewerb zwischen Aldi & Co. begrenzt aber deren Handlungsspielraum.

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des landwirtschaftlichen Sektors, der daher besser auf Kooperation statt auf Schuldzuweisungen setzen sollte. Das ist beim Symposium der Edmund-Rehwinkel-Stiftung der Landwirtschaftlichen Rentenbank deutlich geworden. Die landwirtschaftliche Erzeugerstufe kommt nicht am Handel vorbei und dürfte in Zukunft eher noch enger an ihn gebunden werden. Das schlussfolgern Prof. Monika Hartmann und Dr. Johannes Simons von der Universität Bonn sowie Mitautor Dirk Lenders in einer Studie, im Rahmen derer sie die Bedeutung der Strategien des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland für die Landwirtschaft untersucht haben. Die Autoren sehen den Handel und die Bauern nicht als Gegner an.

Wie die Verfasser der Studie mithilfe von Expertenbefragungen von Marktteilnehmern in den Sektoren Milch und Fleisch feststellten, kann der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland ungeachtet der hohen Marktkonzentration nicht als „monolithischer“ Block betrachtet werden. Vielmehr stehen die einzelnen Unternehmen in einem scharfen Wettbewerb zueinander, der letztlich auf höhere Marktanteile abziele. Dies beschränke den Handlungsspielraum der einzelnen Unternehmen, auch was die Preise gegenüber der Verarbeitungswirtschaft und damit indirekt gegenüber der Landwirtschaft angehe, erläuterte Simons. Nicht vergessen werden dürfe, dass der Absatz über den LEH nur einer von mehreren Absatzkanälen sei. So gingen beispielsweise weniger als 40 % der Milch und ebenfalls maximal 40 % des in Deutschland erzeugten Frischfleischs über die Theken des Lebensmitteleinzelhandels.

Scharfer Wettbewerb im LEH

Laut Studie vereinten die vier größten Unternehmen des LEH 2018 circa 70 % des Umsatzes. Der Wettbewerb spielt sich sowohl innerhalb der Gruppe der Vollsortimenter und der Discounter als auch zwischen den unterschiedlichen Absatzformaten ab. Dabei ist die Attraktivität des Sortiments sehr wichtig. Die Unternehmen des LEH setzen im Wettbewerb vor allem auf Preisführerschaft, horizontale Einkaufskooperationen, Sortimentsanpassungen und das Angebot regionaler Produkte, aber auch auf ein gezieltes Reputationsmanagement. Darüber hinaus spiele in Bezug auf den vertikalen Wettbewerb in der Wertschöpfungskette die Handelsmarkenpolitik eine besondere Rolle. Diese Instrumente bieten aber insgesamt wenig Potenzial für dauerhaft höhere Preise auf der Erzeugerstufe, da Aufschläge entweder vom scharfen Wettbewerb verhindert werden oder wegen fehlender Markteintrittsbarrieren Angebots- und damit Preisdruck generieren. Die Chance für dauerhaft höhere Erzeugerpreise ist deshalb nach Einschätzung der Autoren begrenzt. Dies gelte ebenfalls für die Produktdifferenzierung oder besondere Absatzkanäle, da hier wegen der fehlenden Markteintrittsbarrieren allenfalls „Pioniergewinne“ zu erwarten seien, betonte Simons.

Höhere Effizienz

Vor diesem Hintergrund gehen die Autoren davon aus, dass für die Landwirtschaft beim Absatz über den Lebensmitteleinzelhandel nur begrenzte Möglichkeiten für eine höhere Wertschöpfung bestehen. Sie rechnen aber damit, dass der Handel die vorgelagerten Stufen in Zukunft über Rückwärtsintegration, Kooperation oder den Ausbau von Handelsmarken noch enger an sich binden wird. Angesichts dieser Entwicklung erscheint den Agrarökonomen eine stärkere Integration zur Effizienzverbesserung und zur Bedienung der differenzierten Anforderungen des LEH sinnvoll. Davon versprechen sie sich nicht nur eine mögliche Senkung der landwirtschaftlichen Produktionskosten, sondern auch eine höhere Effizienz in der Kette.

Wenig Chancen für Tierwohlmilch

Dass die Ketten bei Molkereiprodukten nicht die Preise „diktieren“, sondern hier wie andere Marktteilnehmer den Vorgaben des Weltmarktes folgen müssen, war eine zentrale Aussage von Prof. Jens-Peter Loy von der Universität Kiel, der in seiner Arbeit die Preis- und Kostentransmission bei Butter und Milch entlang der Wertschöpfungskette untersucht hat. Wie der Kieler Agrarwissenschaftler gemeinsam mit Dr. Thomas Bittmann anhand einer empirischen Analyse deutlich machte, hängt die Preissetzung des Lebensmitteleinzelhandels maßgeblich von der Entwicklung der Weltmärkte für Standardmilcherzeugnisse ab. Größere Preisspielräume bestehen ihm zufolge allenfalls bei Herstellermarken. Auch die Konzentration von Erzeugern auf Programme wie Weidemilch oder „Gentechnikfrei“ bieten laut Loy wenig Aussicht auf eine nachhaltige Preisdifferenzierung, da diese Eigenschaften wegen ihrer breiten Umsetzung inzwischen weitgehend austauschbar geworden sind. Einen Ausweg aus dem „Preisdiktat“ des Weltmarktes bieten lediglich die Entwicklung neuer Produktnischen und neuer Vermarktungsformen.

Wie Dr. Silke Thiele und Prof. Holger Thiele vom Kieler Institut für Ernährungswirtschaft (ife) in ihrer Studie deutlich machen, besteht für Milch, die unter höheren Tierwohlstandards produziert wurde, von Seiten der Verbraucher nur eine vergleichsweise geringe Nachfrage. Dies gilt nach Darstellung der Kieler Agrarökonomen ebenfalls für die Zahlungsbereitschaft. Dem stehen aber erhebliche Mehrkosten gegenüber, die sich auf Erzeugerebene bei mindestens 9 ct/l bewegen. Unter diesen Bedingungen sehen die beiden Autoren der Studie aktuell noch etliche Hürden für die Erschließung des vollen Potenzials für tierwohlgerechtere Milch.

Lebensmittel: Nachhaltigkeit immer wichtiger

LEH setzt auf soziale Medien Nach Darstellung von Prof. Ramona Teuber und Dr. Katharina Bissinger von der Universität Gießen wird die digitale Kommunikation der eigenen Nachhaltigkeit für die Lebensmitteleinzelhändler immer wichtiger. Nachhaltigkeit an sich scheint aber mittlerweile kein Differenzierungsmerkmal mehr darzustellen, betonte Teuber. Vielmehr wird Nachhaltigkeit inzwischen als „Muss“ vorausgesetzt. Die empirische Analyse hat allerdings auch gezeigt, dass der Anteil der als nachhaltig kommunizierten einzelnen Produkte am betrachteten Warensortiment bislang vorwiegend im einstelligen Prozentbereich liegt. mey (mit Material von AgE)

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