Rapsextraktionsschrot: Wertvolles Futter

Die Ergebnisse eines deutschlandweiten Monitorings zeigen: Rapsextraktionsschrot beweist eine hohe Qualität und ist kostbar für die Ernährung – sowohl von Rindern als auch von Schweinen.

Von Dr. Manfred Weber

Winterraps hat eine große Bedeutung für den Ackerbau. Und das, obwohl witterungsbedingt der Anbau zum Erntejahr 2019 deutlich reduziert werden musste. Nach Schätzungen der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (UFOP) wurden 2018 nur rund 1 Mio. ha Raps deutschlandweit angebaut. Das ist ein Minus von 18 % gegenüber dem Vorjahr. Davon abzuziehen sind noch die Umbrüche von rund 115.000 ha. Als wesentlicher Grund für diese Entwicklung nannten befragte Landwirte den fehlenden Regen, der die Aussaat 2018 nicht oder nur eingeschränkt möglich machte beziehungsweise das Auflaufen der Rapspflanzen verhinderte.  

Das Dürrejahr 2018 überlagert so alle anderen Effekte. Einige Bundesländer waren von den negativen Bedingungen besonders betroffen. Beispielsweise ging die Aussaatfläche in Sachsen-Anhalt um mehr als 34 % zurück. Insgesamt könnte sich die Erntefläche bundesweit noch bis unter 900.000 ha reduzieren. 

Rapsextraktionsschrot stark nachgefragt  

Die Nachfrage nach Rapsextraktionsschrot (RES) in der Fütterung ist dagegen in den letzten Jahren stark gestiegen. Abbildung 1 verdeutlicht, dass sich die als Futtermittel verwendete Menge an RES von 2009 bis 2017 um gute 40 % erhöhte. Gedeckt wird dieser Bedarf zum größten Teil aus deutschen Ölmühlen, die mittlerweile eine Verarbeitungskapazität von 9,6 Mio. t Raps pro Jahr haben. 2017 stand aufgrund einer ebenfalls schlechten Ernte eine Eigenerzeugung von 4,3 Mio. t Raps einem Import von 5,7 Mio. t Raps gegenüber. 2018 wird sich dieses Verhältnis noch weiter zugunsten des Imports verschoben haben, da in Deutschland dürrebedingt nur etwa 3,3 Mio. t Raps erzeugt werden konnten.  

Der stark vermehrte Einsatz von RES lässt erkennen, dass vor allem Rinderhalter es schon seit Längerem als Alternative zum Sojaextraktionsschrot (SES) akzeptieren. Die wesentliche Grundlage dafür legten umfangreiche Fütterungsversuche, die in Koordination zwischen mehreren Landesversuchseinrichtungen und mit maßgeblicher Unterstützung der UFOP durchgeführt wurden. 

Die Versuche zeigen, dass Milchkuhrationen auch im Hochleistungsbereich ganz ohne Sojaextraktionsschrot machbar sind. Damit wird die mittlerweile nahezu als Standard geforderte Gentechnikfreiheit der Futtermittel gewährleistet. Aber auch im Bereich der Schweinefütterung beginnt ein Umdenken. Nachdem Untersuchungen der letzten Jahre deutlich gezeigt haben, dass bei Einhaltung der Empfehlungen für die Gesamtration ohne Probleme bis zu 15 % RES in der Mastschweineration eingesetzt werden können, hat sich der Einsatz im Schweinefutter deutlich erhöht. Interessant ist es immer dann, wenn sich eine Preisrelation von unter 65–68 % zum Preis von Sojaextraktionsschrot (SES) ergibt.  

Stickstoff und Phosphor im Futter reduzieren 

Die neue Düngegesetzgebung schreibt vor, Phophor (P) in der Düngung deutlich zu reduzieren. Daher ist es auch in der Fütterung notwendig geworden, Strategien zu entwickeln, die sowohl Stickstoff (N) als auch P sparen. Darum lag beim durch die UFOP geförderten RES-Monitoring 2018 ein Schwerpunkt im Bereich Mineralstoffe. Insbesondere beim P-Gehalt sollten deutschlandweit Schwankungsbreiten ermittelt werden. Der P-Gehalt ist im RES deutlich höher als beim SES.  

Dafür zogen die Landesfütterungsreferenten 67 RES-Proben, die bei der Landwirtschaftlichen Kommunikations- und Servicegesellschaft (LKS) mbH Lichtenwalde auf Inhaltsstoffe untersucht wurden. Damit schließt das Monitoring an die Untersuchungen vor 2015 an, nachdem in den letzten drei Jahren der Fokus des UFOP-Monitorings bei den Körnerleguminosen lag. Ähnlich diesen Ergebnissen, zeigte RES auch 2018 eine durchgehend gleichmäßig hohe Qualität (Tabellen 1 und 2).  

Eiweißgehalt bei 34 Prozent

Mit einer mittleren Trockenmasse von 89,1 % waren optimale Voraussetzungen für die Lagerung vorhanden. Der Rohfasergehalt bewegt sich im Rahmen der Vorjahre bei 12 %. Der Fettgehalt liegt mit 3,6 % gegenüber den letzten Jahren leicht höher und der Eiweißgehalt wie immer durchschnittlich bei rund 34 %. Alles dies hat keine Auswirkungen auf den Energiegehalt, der  2018 mit 6,4 MJNEL für das Rind und 9,9 MJME für das Schwein im Mittel der letzten Untersuchungen lag. Der Energiewert für das Geflügel liegt mit durchschnittlich 7,6 MJME im Bereich der Tabellenwerte.  

Sowohl die nXP-Werte (224 g) als auch die RNB-Werte (19 g) lagen auf dem Niveau der Werte des letzten Zeitraums. Der Lysingehalt befindet sich 2018 mit 18,3 g/kg etwas niedriger als der Schnitt von 2005–2014. Bei der Untersuchung auf Mengen- und Spurenelemente zeigte sich auch 2018, dass die tabellierten Werte in etwa erreicht wurden. Der besonders interessante P-Gehalt lag in diesem Jahr leicht unter dem Mittelwert der vorhergegangenen Jahre. Man erkennt eine Streuung der Werte, die Abweichungen von gut 20 % nach oben und unten ausweisen. Da wir aber dabei noch im Bereich des Analysenfehlers bleiben, kann man von einer recht niedrigen Streuung sprechen. 

Beim Schwefel liegen die Ana-lysewerte analog der Jahre vor 2015 deutlich niedriger. Hier ist eine Anpassung der Tabellen notwendig. Berechnet man aus den Werten für Kalium, Natrium, Chlor und Schwefel das Kationen-Anionen-Verhältnis (DCAB), das für die Beurteilung einer eventuell bestehenden Milchfiebergefahr in der Vorbereitungsfütterung bei Milchkühen von Bedeutung ist, erhält man hier Werte von durchschnittlich -94 meq/kg. Damit ergibt sich ein Wert, der gegenüber den Vorjahren deutlich tiefer liegt.  

Deklarationen wurden eingehalten 

Im Zuge des Monitorings überprüften Experten die Angaben der Hersteller beziehungsweise Verkäufer von RES in Bezug auf die Rohproteinwerte. Abbildung 2 stellt die Abweichungen für jede einzelne Partie dar. Abweichungen nach oben sagen aus, dass bei den Analysen mehr Rohprotein gefunden wurde als deklariert war. Bei nach unten abweichenden Werten lagen die deklarierten Werte höher als die Analysewerte. Bezieht man die Toleranzen mit ein, haben in diesem Jahr alle bis auf ein untersuchtes RES die deklarierten Rohproteinwerte eingehalten. Die Auswertung zeigt also, dass bei Rationsberechnungen der vom Verkäufer deklarierte Rohproteinwert angesetzt werden kann und sollte.

FAZIT

Rapsextraktionsschrot ist sowohl in der Rinder- als auch in der Schweinefütterung interessant geworden. Das Futtermittel wird als Alternative zum Sojaextraktionsschrot akzeptiert. Damit wird auch die geforderte Gentechnikfreiheit gewährleistet. Ergebnisse des von der UFOP unterstützten Rapsschrotmonitorings ergaben gleichmäßig hohe Qualitäten des Futtermittels.

Wer darf noch Land kaufen?

Für Landwirte sind Fragestellungen des Grundstückverkehrsrechtes immer aktuell. In der letzten Zeit gab es besonders im Verfahrensrecht einige wichtige Entwicklungen, wie unser Experte darlegt.

Von Jon Booth, Rechtsanwalt

Die Bodenmarktpolitik und somit das Grundstückverkehrsrecht als der ordnungsrechtliche Verfahrensrahmen stehen seit mehreren Jahren im Mittelpunkt agrarpolitischer Diskussionen und Begehrlichkeiten. Unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werden durch entsprechende Bund-Länder-Arbeitsgruppen unterschiedliche Maßnahmenpakete im Bereich des Grundstückverkehrs analysiert und diskutiert. 

Im Bereich der Verfahrensebene hat die grundsätzliche Aufmerksamkeit, die dem Grundstückverkehrsrecht zuteil geworden ist, dazu geführt, dass die zuständigen Genehmigungsbehörden nach dem Grundstückverkehrsgesetz (GrdstVG) jeden Veräußerungsfall sehr intensiv prüfen. Aufgrund der für die Vergangenheit eher ungewöhnlichen hohen Fluktuation landwirtschaftlicher Flächen hat dies dazu geführt, dass es zu einer umfangreichen aktuellen Rechtsprechung im Bereich des Grundstückverkehrs gekommen ist.

Auf folgende aktuelle Entwicklungen der Rechtsprechung im Bereich des Verfahrensrechtes wäre hinzuweisen: Sind Gesellschaften oder Gesellschafter an einem Erwerb landwirtschaftlicher Grundstücke beteiligt, so bestand lange Zeit Unsicherheit darüber, ob und wie die jeweiligen Akteure auf Erwerberseite als Landwirte im Sinne des GrdstVG einzuordnen sind.

Aktive Landwirtschaft als Kaufvoraussetzung

Der Bundesgerichtshof hat sich abschließend mit diesen Fragen beschäftigt. Danach ist jede Gesellschaft, unabhängig von ihrer Rechtsform grundsätzlich erwerbsberechtigt im Sinne des GrdstVG, wenn sie einen aktiven landwirtschaftlichen Betrieb innehat. Diese aktive Betriebsführung ist Grundvoraussetzung für den Erwerb durch eine Gesellschaft. 

Lediglich in einem Ausnahmefall, der sogenannten Besitzgesellschaft, ist ein Erwerb durch ein nicht aktives landwirtschaftliches Unternehmen möglich. In diesem Fall müssen aber die Gesellschafter des erwerbenden Unternehmens gleichzeitig die Gesellschafter bzw. Inhaber der aktiven landwirtschaftlichen Betriebe sein, denen das Besitzunternehmen die zu erwerbenden Flächen langfristig, satzungsgemäß gesichert, zur Verfügung stellt. Liegt diese Gesellschafter- und Personenidentität nicht vor, wird ein nicht Landwirtschaft betreibendes Unternehmen nicht als Landwirt im Sinne des GrdstVG anerkannt, auch wenn es die Flächen zum Beispiel satzungsgemäß nur an landwirtschaftliche Unternehmen verpachten will. 

Auch Gesellschafter sind gleichgestellt

Etwas komplizierter stellt sich die Sachlage aufseiten der Gesellschafter dar. Kauft ein Gesellschafter einer grundsätzlich Landwirtschaft betreibenden Gesellschaft Flächen, so war lange Zeit fraglich, ob und inwieweit er Landwirt im Sinne des GrdstVG sein kann. Der BGH hat dies nun dahingehend geklärt, dass jeder persönlich haftende Gesellschafter einer Personengesellschaft ­einem Landwirt gleichzustellen ist. 


Unser Experte

Jon Booth ist Rechtsanwalt bei der Kanzlei Geiersberger, Glas & Partner in Rostock / Schwerin

Webseite: www.geiersberger.de


Zur Begründung orientiert sich der BGH dabei an dem Unternehmerbegriff des Steuerrechts. Kommanditisten sollen danach aber ebenfalls Flächen erwerben können, wenn sie hauptberuflich in der Gesellschaft angestellt sind. Gleiches gilt für Gesellschafter von Körperschaften und Mitglieder von Genossenschaften, die nach dieser Rechtsprechung ebenfalls Landwirten gleichzustellen sind, wenn sie hauptberuflich in dem Landwirtschaft be­treibenden Unternehmen angestellt sind.

Aufstockungsbedarf und Verfahrenshöhe

Hinsichtlich der Frage des Vorliegens der notwendigen dringenden Aufstockungsbedürftigkeit nach § 9 GrdStVG eines besser berechtigten Landwirts hat der BGH seine ursprüngliche Rechtsprechung, die die Aufstockungsbedürftigkeit allein nach einer starren Verhältnisgrenze zwischen Eigentum und Gesamtbetriebsfläche beurteilt hat, aufgegeben. Nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kommt es für die Frage der Aufstockungsbedürftigkeit auf sämtliche Umstände des Einzelfalls, also vorhandenes Eigentum, Lage der Flächen zum Betrieb, Betriebsart und weitere besondere Umstände, an. Des Weiteren ist auf verfahrensrechtlich interessante Entscheidungen hinzuweisen, nach denen der Gegenstandswert eines grundstückverkehrsrechtlichen Verfahrens maximal 1 Mio. € betragen darf, auch wenn der Kaufpreis des zu genehmigenden Rechtsgeschäfts diesen Wert übersteigt. Hintergrund ist eine Vorschrift aus dem Verfahren der freiwilligen Gerichtsbarkeit, die den Gegenstandswert zugunsten der Beteiligten auf 1 Mio. € begrenzt und die für das grundstückverkehrsrechtliche Verfahren Anwendung findet.

Rücknahme einer Genehmigung fraglich

Noch nicht entschieden, aber von erheblicher rechtlicher Bedeutung ist die Frage, ob und inwieweit eine bereits erteilte Genehmigung nach allgemeinem Verwaltungsrecht zurückgenommen werden kann, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die Genehmigung rechtswidrig erteilt wurde. Da die einmal erteilte Grundstückverkehrsgenehmigung erhebliche rechtliche Auswirkungen für den Rechtsverkehr hat, ist zu klären, ob eine Rücknahme – wie sie für normale Verwaltungsakte generell möglich ist – überhaupt denkbar ist; wenn dem so sein sollte, welche Anforderungen an den Vertrauensschutz der Beteiligten zu stellen sind, welche Rechtsfolgen die Rücknahme haben kann etc. Dabei wird insbesondere diskutiert, dass eine Rücknahme gegebenenfalls möglich sein kann, wenn die rechtswidrige Erteilung auf Abgabe falscher Angaben durch die Beteiligten im Genehmigungsverfahren erfolgt. Vor dem Landwirtschaftsgericht Neuruppin und dem Landwirtschaftsgericht Magdeburg sind zwei entsprechende Rechtsstreitigkeiten anhängig, die auf besonderes Betreiben des Landes Brandenburg, das hier einen umfangreichen Kauf rückabwickeln möchte und die Rücknahme bereits erteilter Grundstückverkehrsgenehmigungen, dann die Versagung und die Ausübung des Vorkaufsrechts erklärt hat, befördert werden. Für die Praxis ist darauf hinzuweisen, dass also streng darauf geachtet werden sollte, während des Genehmigungsverfahrens keine wissentlich falschen Angaben hinsichtlich der Genehmigungsfähigkeit zu tätigen.

Verpachtung als Gegenleistung des Kaufs

In einem Rechtsstreit vor dem Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg ging es um ein relativ klassisches „Sale-and-lease-back-Geschäft“. Dem Verkauf wurde die Grundstückverkehrsgenehmigung versagt. Die Landgesellschaft vertrat die Auffassung, dass sie nicht verpflichtet sei, den Landpachtvertrag zu erfüllen, da dieser nicht unmittelbarer Gegenstand der kaufvertraglichen Verpflichtungen, sondern ein gesondertes Rechtsgeschäft gewesen wäre. In dem zu entscheidenden Fall folgte das OLG Brandenburg dieser Auffassung, da der Vertrag selbst nicht hinreichend deutlich machte, dass Veräußerung und Rückverpachtung in einem untrennbaren wirtschaftlichen und inhaltlichen Gegenseitigkeitsverhältnis standen.

Insofern ist bei entsprechenden Konstellationen, die in der Praxis häufig vorkommen, strikt darauf zu achten, die vertragliche Gestaltung so zu wählen, dass sichergestellt ist, dass im Falle der Ausübung eines Vorkaufsrechts durch das Siedlungsunternehmen dieses in die Verpachtungsverpflichtung eintreten muss, da die Verpachtung Gegenleistung des Kaufs ist. Es bedarf hier einer entsprechend klaren vertraglichen Gestaltung.

Erwerbsobergrenzen heiß diskutiert

Agrarpolitisch ist zu berichten, dass im Rahmen der oben erwähnten politischen Aktivitäten zwei erhebliche Ordnungsinstrumente immer stärker diskutiert und eingefordert werden. Zum einen soll eine Art Erwerbsobergrenze eingeführt werden. Danach sollen Landwirte, die über eine noch zu definierende Menge Eigentum verfügen, im Genehmigungsverfahren wie Nichtlandwirte behandelt werden, was sie faktisch vom weiteren Erwerb ausschließen würde. Zudem ist es starker politischer Wille, den Erwerb von Geschäftsanteilen von Landwirtschaft betreibenden Gesellschaften ebenfalls der Grundstückverkehrsgenehmigung zu unterwerfen. Entsprechende Gesetzentwürfe hatten die Länder Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bereits in das Gesetzgebungsverfahren geführt. In Sachsen-Anhalt sollte die Erwerbsobergrenze bei ca. 1.100 ha, in Niedersachsen bei ca. 350 ha liegen. Beide Gesetzgebungsvorhaben wurden aufgrund massiven Widerstands – insbesondere auch des Berufsstands – vorerst gestoppt. Dies heißt allerdings nicht, dass die definierten politischen Ziele nicht weiter verfolgt werden.

Ganzjährige Weidehaltung für Milchvieh

Ganzjährige Weidehaltung: Kälber und Kühe werden in der Agrargesellschaft mbH Kloster Lehnin ähnlich wie in Neuseeland das ganze Jahr über auf dem Grasland gehalten. Wie funktioniert das?

Von Fritz Fleege

Die Milchviehhaltung in Deutschland befindet sich seit Jahren in einem Wandel. Viele Betriebe geben die Weidewirtschaft zugunsten der ganzjährigen Stallhaltung auf. Die Ursachen liegen unter anderem in den Flächenstrukturen der Betriebe, den wachsenden Herdengrößen und in betriebswirtschaftlichen Vorteilen begründet. Die Rinderhaltung hat aber beim Verbraucher eine sehr hohe Akzeptanz, denn er verbindet besonders die Milcherzeugung mit einer naturnahen, tiergerechten und schonenden Produktionsweise. Das Marketing setzt daher bewusst auf grüne Weiden, idyllische Landschaften und grasende Kühe. Berufskollegen, Berater und Interessierte glaubten jüngst ihren Augen kaum, als sie dieses Bild in der Agrargesellschaft Emster-Land mbH in Kloster Lehnin in der Praxis sahen. An dem Treffen zum Thema „Innovativ weiden“ nahmen Experten aus Irland, den Niederlanden, Polen und Deutschland teil.

Erfahrungen aus Irland 

Das Führungsteam: Kevin Kearns (Betriebsleiter), Seams Walsh (Herdenmanager) und die beiden Chefs Paul und Stephen Costello (v. l.).

Über ganzjährige Weidehaltung von Milchvieh gibt es in der Bundesrepublik so gut wie keine Erfahrungen, anders in Irland, wo Paul Costello herstammt. Der junge Landwirt übernahm 2014 einen Milchviehbetrieb in Kloster Lehnin nahe Berlin mit etwa 1.000 ha Ackerland und 500 ha Grünland. Damals wurden dort 500 Kühe ganzjährig im Stall gehalten. So wollte er auf keinen Fall weiter wirtschaften. Ihm schwebte vor, den Betrieb auf ganzjährige Weidehaltung mit saisonaler Abkalbung umzustellen und er etablierte bald ein irisches Rotationsweidesystem. Mithilfe von erfahrenen Weidemanagern sowie neuseeländischer und irischer Technik gelang es ihm, „ein kleines Stückchen Irland nach Brandenburg“ zu holen. Innovative Techniken wie ein neues Melkkarussell mit 60 Plätzen, Messtechniken und Tools zur Bestimmung des wöchentlichen Grasaufwuchses, ein ausgeklügeltes Treibewegenetz und irische Tränkebecken unterstützen das Weidemanagement auf seinen arrondierten Flächen. Die brandenburgischen Verhältnisse sind zwar nicht mit Irland zu vergleichen, dennoch gelang es ihm, trotz durchschnittlicher Jahresniederschläge von lediglich 500 mm gute Weideerträge zu erzielen. Und die Kühe, die Herde ist mittlerweile auf 900 Tiere angewachsen, kommen auf eine durchschnittliche Jahresleistung von 5.000 kg Milch mit 4,5 % Fett und 3,8 % Eiweiß.

Herdenmanagerin mit 25 Jahren

Ganzjährige Weidehaltung: Muster aus Neuseeland 

Die meisten Umstellungen im Unternehmen verliefen parallel zu einander. So stellte man den Kuhbestand nach neuseeländischem Muster überwiegend auf Kreuzungstiere (Jersey x Holstein) um. Die vorhandenen Holsteinkühe ließ man mit Sperma von Jerseybullen besamen, um Kreuzungs-tiere zu erzeugen, und kaufte auch entsprechende Tiere aus Irland zu. Für Jerseykreuzungen entschied man sich auch, weil sie robust und fruchtbar sind und das Weidefutter gut verwerten. Sie geben zwar weniger Milch als die Holsteinkühe, aber dafür mit höheren Inhaltsstoffen an Fett und Eiweiß. Weil sie auch gesünder und langlebiger sind, erreichen sie schließlich eine ähnlich hohe Lebensleistung wie die Holsteins.

Eckpfeiler
Tor- und Eckpfähle müssen stabil und lange haltbar sein.
Plastikpfeiler
Die leichten Streckenpfähle aus Plastik halten die Drähte gut gespannt.
Uwe Herrmann
Uwe Herrmann ist passionierter Zaunbauer.

Da sie unterschiedliche Futteransprüche stellen, befinden sich derzeit die Kreuzungskühe in einer großen Herde und die Holsteinkühe in einer kleineren. Außerdem gibt es noch eine Herde mit trockenstehenden Tieren. Die meisten Kühe kalben im zeitigen Frühjahr ab und legen mit steigendem Grasaufwuchs an Leistung zu. Wenn alles planmäßig weiterläuft, wird man später über zwei gleich große Herden mit je 500 Tieren auf der Weide verfügen. Hauptbesamungszeit ist im Mai und Juni. Gezielt wird Sperma von sogenannten Kiwi-Cross-Bullen der Besamungsorganisation LIC eingesetzt. Um die brünstigen Tiere schnell zu finden, wird ihnen auf dem Kreuzbein eine kleine Farbpatrone aufgeklebt. Im Melkkarussell werden die brünstigen Kühe leicht erkannt, ausgesondert und danach dort besamt. Drei Wochen später kommen Fleischrindbullen zum Einsatz, um sogenannte Umrinderer zu befruchten und Mastkälber zu erzeugen.  

Kühe im Trockenen

Ab Weihnachten sollen einmal alle Kühe etwa zwei Monate trockenstehen. Hauptabkalbezeit ist Februar und März. Die meisten Kühe kalben im Freien ab. Die Kälber kommen zunächst in einem alten umgebauten Kuhstall mit viel Frischluft auf dicker Einstreu unter. Nach der Kolostralmilchgabe erhalten sie zweimal täglich Rohmilch bzw Milchaustauschertränke. Die Milch können sie aus einer Tränke mit zehn Nuckeln aufnehmen. Sobald das Wetter es erlaubt, kommen die weiblichen Tiere im Alter von drei bis vier Wochen auf die Weide. Dort gibt es noch ein Getränk mit dem Patura Milch-Express, wo 30 Tiere gleichzeitig an Nuckeln saufen können. Neben dem Weidegras steht ihnen noch Luzer­neheu und eine Trockenfuttermischung zur Verfügung. Nach drei Monaten, dann sind sie schon gute Futterverwerter, ist Schluss mit der Milchtränke. Die weitere Aufzucht erfolgt auf der Weide. Im Alter von 15 Monaten sind sie zuchtreif, kalben dann mit zwei Jahren ab und ordnen sich termingerecht in die Kuhherde ein.

Rohmilch Milchaustauschertränke

Gutes Management für ganzjährige Weidehaltung

Wichtig ist ein gutes Weidemanagement. So sorgt man über regelmäßige Neu- und Nachsaaten für eine hochwertige Grasnarbe. Gedüngt wird bedarfsgerecht. Vorrangig wird vergorene Schweinegülle eingeschlitzt. Das Grünland wurde in 96 Koppeln mit festen Elektrozäunen unterteilt. Der Aufwuchs wird wöchtlich mit einem Tellerzähler ermittelt. Dieser generiert online einen Graskeil, an dem man auf dem Smartphone ablesen kann, wie viel den Kühen zur Verfügung steht, ob Überschüssiges geerntet oder zugefüttert werden sollte. Kraftfutter erhalten die Kühe im Melkstand. Nach jedem Melken wird den Tieren ein frischer Weideabschnitt zugeteilt. Es wurden Treibewege gebaut, Wasserrohre verlegt und stabile Tröge aufgestellt. Im Winter können sich die Rinder auch auf Sandflächen aufhalten, wo sie Mais- und Grassilage erhalten.  

Die Agrargesellschaft in Kloster Lehnin hat den Beweis angetreten, dass man Milchvieh auch in Deutschland nahezu das ganze Jahr im Freien halten kann. Damit spart man viel Arbeit und Kosten. Die Tiere sind gesünder und leben länger. Künftig will man den Kunden „wirkliche“ Weidemilch anbieten, die reich an Proteinen, CLA und Omega-3-Fettsäuren ist und deren Ursprung bis zum Hof zurück verfolgt werden kann.  

Ursachen für Schwanzbeißen viel komplexer

Stoffwechselstörungen der Schweine sind entscheidend. Auch Mykotoxine spielen dabei eine Rolle. Die wichtigsten Ergebnisse des Thüringer Pilotprojektes zur Caudophagie. 

Von Bettina Karl

Allein die technische Störung eines Lüfters war der Auslöser: Die Schweine kauten an den Schwänzen ihrer Buchtenkollegen herum und verletzten sie. Dabei bestand die unkupierte Gruppe komplett aus vollkommen gesunden und bis dahin verhaltensunauffälligen Tieren. Das berichtete ein Praktiker, der zu den 18 teilnehmenden schweinehaltenden Betrieben des dreijährigen Projektes gehörte. Auf dessen Abschlussveranstaltung in Erfurt wurde vor allem eins deutlich: Die Ursachen für Caudophagie (aus dem Französischen für „Schwanzbeißen“) sind viel umfassender und komplizierter als bisher angenommen. Nicht nur das Futter, die Wasserqualität und -versorgung, das Stallklima, die Genetik, das Platzangebot oder verfügbares Beschäftigungsmaterial beeinflussen mehr oder weniger Schwanzverletzungen. Auch das Zusammenspiel der genannten Faktoren bestimmt, ob Tiere an Schwänzen und Ohren ihrer Artgenossen herumfressen.  

KOmmen die Entzündungen von aussen oder von innen?

Darüber hinaus ist der Stoffwechsel der Schweine für Verhaltensstörungen verantwortlich. Es stellt sich nämlich auch die Frage: Kommen die Entzündungen von außen oder von innen?  

Prof. Dr. Gerald Reiner
Prof. Dr. Gerald Reiner, Schweineklinik, Universität Gießen. (c) Bettina Karl

Hervorzuheben sind dabei die Untersuchungen von Prof. Gerald Reiner, Fachbereich Veterinärmedizin und Klinik für Schweine,  Justus-Liebig-Universität Gießen, die er auf der Veranstaltung vorstellte. Demnach spielen auch Belastungen mit Mykotoxinen, beispielsweise durch Futter, eine entscheidende Rolle für Stoffwechselstörungen. Mykotoxine führen zu Entzündungen der Leber und des Darms der Schweine. 

Es gebe derzeit weltweit kein intaktes Produktionssystem von Schweinen, das eine hundertprozentige Erhaltung des Ringelschwanzes ermögliche, mahnte Prof. Reiner zur Eröffnung seines Referats. „Es wäre aber zu plakativ gedacht, dass es immer nur um das Schwanzbeißen geht“, gab er zu bedenken. Für primäres Schwanzbeißen gibt es verschiedene Gründe (Futter, Haltung, Wasser usw.). 

Sekundäres Schwanzbeißen heißt, es gibt neben den Täter- auch Opfertiere, die stillhalten. Möglich sei das, weil der Schwanz vielleicht zu wenig durchblutet ist oder juckt.  

„Ohne Berücksichtigung des Stoffwechsels gibt es keinen dauerhaften Verzicht auf das Schwanzkupieren.“ 

Prof. Dr. Gerald Reiner, Schweineklinik, Universität Gießen

Darüber hinaus gibt es Schwanznekrosen, das heißt Entzündungen, die ganz ohne Zutun  anderer Schweine entstehen. Beispielsweise bei Saugferkeln in den ersten Lebenstagen, wie eine von ihm vorgestellte Studie an 167 neugeborenen Ferkeln belegt. Ringabschnürungen an den Schwänzen von Saugferkeln weisen auf Durchblutungsstörungen hin. Es gibt Kronsaumentzündungen bei Saugferkeln, die auf Einstreu gehalten werden, sowie Schwellungen und Läsionen am Ballen und Sohlen in den ersten Lebenstagen. „Aber woran liegt das?“, fragte der Experte in den gut besetzten Saal. 

Entzündungen lösen Unwohlsein aus  

Reiner erklärte zunächst, wie überhaupt ein Entzündungsprozess im Körper abläuft: Normalerweise sind Blutgefäße eng und gespannt. Dadurch kann das Blut überall hinfließen. Durch eine Entzündung werden die Blutgefäße geweitet, und das Blut fließt langsamer. Aufgrund die Entzündung selbst entstehen auch Blutgerinnungen. Da sich der Schwanz am Ende des Körpers befindet, muss das Blut dort sowieso erst einmal hinfließen. Eine Verstopfung der Blutgefäße kann eine Entzündung auslösen, die wiederum zu einer Nekrose führen kann (Nekrose: Absterben von Zellen, Gewebs- und Organbezirken als krankhafte Reaktion auf bestimmte Einwirkungen). Entzündungen verursachen Unwohlsein, Appetitmangel und Hormonveränderungen. 

Die Ferkel nehmen möglicherweise nicht nur schlechter zu, dadurch sind die Tiere gestresst, und es kann auch zu Schwanz-beißen kommen.  

Stress durch gestörte Thermoregulation  

Dr. Simone Müller, Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum moderierte die Veranstaltung. (c) Bettina Karl

Zu den wichtigsten Aspekten, die Stress auslösen, gehört eine gestörte Thermoregulation: Zu beachten ist, dass es einer Sau bereits ab 23 °C zu heiß wird. Schweine kühlen sich über Kontakt zum Boden. Daher sollten ausreichend kühle Flächen zur Verfügung stehen. Wenn das nicht möglich ist, trinken die Tiere viel kühles Wasser. Deshalb ist es wichtig, dass genügend frisches Wasser bereit steht. Wenn nicht, holt sich das Tier das Wasser aus dem Darm. Das Kardinalsymptom dafür ist der sogenannte Kamelkot. Dieser bedeutet Wassermangel. Das Tier werde nicht verdursten, so Reiner, aber der Darm ist einer höheren Belastung ausgesetzt. Ein weiterer Aspekt, der Stress auslöst, ist die Fütterung mit zu viel Eiweiß und Stärke  sowie einem zu geringen Rohfasergehalt.

Belastungen kamen von innen  

„SINS ist ein komplexes Krankheitsbild und belastet das Wohlbefinden der Schweine“, appellierte Reiner. Bei SINS (Swine Inflammation and Necrosis Syndrome) geht es um Stoffwechselstörungen. Diese zeigen sich an den Schwänzen, Ohren oder dem Kronsaum. Die oben genannte Studie an 167 neugeborenen Ferkeln, bei denen noch keine Zeit für äußere Einwirkungen war, ergab, dass bereits bei diesen:  

■ die Schwänze regenwurmartig anschwollen und gerötet waren,  

■ die Borsten ausgefallen waren, 

■ der Kronsaum entzündet war und 

■ Entzündungen an der Schwanzbasis vorkamen.  

Aktionsplan Kupierverzicht

Seit dem 1. Juli 2019 muss jeder Schweinehalter in Deutschland, der Schweine mit kupierten Schwänzen hält, anhand einer Tierhaltererklärung/Risikoanalyse nachweisen, warum das Kupieren in seinem Tierbestand notwendig ist.

„Diese Entzündungen kamen nachweislich von innen und nicht durch äußerliche Einwirkungen“, erkannte Reiner. Daraufhin wurde der Stoffwechsel der Tiere untersucht und festgestellt, dass die Leber „einfach gesagt, umgeschaltet hatte – vom normalen Stoffwechsel auf den Entzündungsstoffwechsel“. Das belastet die Tiere, ist an Schwänzen und Ohren zu sehen und befördert auch sekundär das Schwanzbeißen.

„Wenn die Wasserqualität nicht stimmt, dann trinken die Ferkel weniger. Wie viel sie saufen, kann man nur mithilfe einer Wasseruhr überprüfen. Man sieht es ihnen nicht an.“ 

Melanie Große Vorspohl, Tierproduktion Allersleben

Auch die Genetik beeinflusst Schwanzläsionen bei Schweinen. Über 50 Jahren wurden die Tiere auf eine immer höhere Leistung gezüchtet. Um das genetische Potenzial voll ausschöpfen zu können, muss man sehr energiereiches Futter geben. Auch das belaste den Darm, so Reiner. 

Nur gesunde Ferkel für unkupierte Gruppe  

Melanie Große Vorspohl
Melanie Große Vorspohl, Tierproduktion Allersleben. (c) Bettina Karl

„Die Ursachen für Schwanzverletzungen sind multifaktoriell“, resümierte auch Melanie Große  Vorspohl aus ihren Erfahrungen. Sie ist Betreiberin der Tierproduktion Alkersleben GmbH, eines der federführenden Praxisbetriebe des Projektes.  

Ferkel für die Gruppen mit langen Schwänzen sucht Melanie Große Vorspohl für ihren Betrieb selbst nach folgenden Kriterien aus:  

■ nur Ferkel von Sauen ohne MMA (Mastitis-Metritis-Agalaktie), 

■ nur gesunde Ferkel, die beispielsweise keinen „Kamelkot“ haben und noch nie Durchfall  hatten,

■ keine Ferkel von Jungsauen und 

■ nur Ferkel von den besten  Zuchtsauen.

Bei den Gruppen mit unkupierten Schweinen reduziert die Tierhalterin die Besatzdichte um zehn Prozent. Darüber hinaus wird rohfaserreiches Futter zugefüttert. „Wenn dann keine Influenza kommt, besteht die Chance, dass die unkupierten Ferkel bis zur Mast gesund mit ganzen Schwänzen durchlaufen“, sagte sie und schlussfolgerte:  

■ die Risikoanalyse muss alle Stufen der Schweinehaltung umfassen,  

■ wir brauchen mehr Wissen, um Nekrosen (SINS) in Aufzucht und Mast zu vemeiden, 

■ wir brauchen mehr Kenntnisse über Mykotoxine. 

Auf keinen Fall sollten die Schweinehalter erwarten, dass einzelne Maßnahmen sofortige  Effekte bringen. 

Über ein Jahr Schwänze nicht mehr kupiert 

Bei allen Schwierigkeiten, die während des Projektes festgestellt wurden, gibt es Lichtblicke. Sieben Unternehmen haben nach einer über zweijährigen Vorbereitungszeit die Haltung unkupierter Tiere mit kleinen Gruppen, teilweise in bis zu sieben Wiederholungen erprobt. Einer der Projektbetriebe kupiert inzwischen über ein Jahr die Schwänze seiner Ferkel nicht mehr. Ein weiterer Betrieb kann – aufgrund der sich langsam entwickelnden Nachfrage von kleinen Gruppen unkupierter Tiere – diese an Mäster verkaufen. Eine andere Schweinehaltung hat im zweiten Quartal 2019 größere Partien unkupierter Tiere aufgezogen und vertragsgebunden verkauft.

Schlussfolgerungen aus dem Projekt

■ Schwanzverletzungen werden durch viele Faktoren verursacht, diese sind insbesondere: Fütterung, Wasser, Stoffwechsel/Tiergesundheit, Haltung, Genetik und Beschäftigungsmöglichkeiten.

■ Die Haltung unkupierter Schweine erfordert eine intensive Risikoanalyse der Haltungsbedingungen, der Tiergesundheit und des Managements.

■ Die erkannten Schwachstellen müssen in allen Bereichen abgestellt werden.

■ Der Optimierungsprozess braucht viel Zeit und eine ernsthafte Zusammenarbeit aller Beteiligten der Kette in der Schweinehaltung: Tierarzt, Ausrüster für Stallklima/Haltungstechnik, Futtermittellieferanten, Ferkelerzeuger und so weiter.

■ Einzelne Maßnahmen bringen keine sofortigen Effekte. Selbst in der Summe der Schritte kann der Erfolg ausbleiben.

■ Es sollte erst mit der Haltung unkupierter Tiere begonnen werden, wenn es die betriebsspezifische Risikoanalyse zulässt, es keine Ohrrand- oder Schwanznekrosen und Schwanzbeißen im kupierten Bestand gibt und eine stabile Tiergesundheit besteht.

■ Unkupierte Tiergruppen stellen höhere Anforderungen an die – Haltung: altersgerechte Wasser- und Futterversorgung, mehr Platz, stabile Tiergesundheit, optimales Stallklima, verschiedene Beschäftigungsmaterialien und so weiter, – Genetik: ein fittes und gesundes Schwein, – Betreuung: Mitarbeitervorbereitung sowie -schulungen und – eine intensive Tierbeobachtung und Dokumentation

■ Selbst bei bester Prognose ist das Risiko von Schwanzverletzungen bei unkupierten Tieren erhöht. Damit können mehr Behandlungen und Selektionen notwendig werden.

■ Unkupierte Schweine fordern einen höheren personellen und finanziellen Aufwand.

■ Der Pozess muss ständig überwacht und bei veränderten Bedingungen (Genetik, Futter, Technologien) neu konzipiert werden.

Im Porträt: das Jersey-Rind

Es stammt ursprünglich von der Kanalinsel Jersey und zeichnet sich durch einen besonders hohen Milchfettgehalt aus. Dennoch spielte das Jersey-Rind in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle.

Von Prof. Dr habil. Dr agr. Wilfried Brade

Das Jersey-Rind stammt ursprünglich von der Kanalinsel Jersey (Herdbuchgründung: 1833). Das Jersey-Rind ist gelblich bis hellbraun gefärbt (rehbraun) und das kleinste heimische Milchrind. Die Kühe wiegen nur 400 bis 450 kg und haben eine Widerristhöhe von 120 bis 125 cm. Das wichtigste Rassemerkmal ist der äußerst hohe Milchfettgehalt (ca. 5 bis 6 %). Dafür ist die Milchmenge deutlich geringer als bei den meisten anderen Milchrassen.

Männliches Jersey-Rind

Jersey männlich

Weibliches Jersey-Rind

Jersey weiblich

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden Tiere dieser Rasse insbesondere nach den USA, Dänemark und Neuseeland exportiert. Dort entstanden aus den importierten Tieren größere Bestände als auf der Jerseyinsel.

In Deutschland spielt(e) das reinrassige Jersey-Rind immer nur eine untergeordnete Rolle (2014: < 2.000 Milchkühe im Herdbuch). Jedoch bereits in den 1920er Jahren wurden von Prof. Frölich im Haustiergarten der Uni Halle erste Kreuzungsversuche mit Jerseys initiiert. Sie führten zu umfassenden Kreuzungsstudien im Tierzucht-Institut Dummerstorf ab 1939. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der DDR auf diese frühen Studien in Dummerstorf systematisch aufgebaut (Dr. Lenschow und Mitarbeiter).

Jersey-Bullen für die Kreuzung

In der ehemaligen DDR wurden somit bereits ab Anfang der 1960er Jahre Jersey-Bullen als Kreuzungspartner sowohl für Kühe der Schwarzbunten Niederungsrasse als auch das Fleckvieh – vor allem zur Erhöhung des Fettgehaltes – eingesetzt. Dazu wurden speziell Dänische Jersey-Bullen importiert. Die spätere Züchtung des Schwarzbunten Milchrindes (SMR) – ab Mitte der 1960er Jahre in der DDR konsequent vorgegeben (gegen den Willen vieler Herdbuchzüchter) – baute somit auf das bereits laufende Jersey-Programm auf.

Kuh-Ortung mit dem Smartphone

Nach der Wiedervereinigung endete das separate SMR-Zuchtprogramm in der DDR abrupt. Als Begründung ist hierfür vor allem die konsequente Ablehnung der zentralistisch-diktatorischen Tierzuchtverwaltung (VVB Tierzucht, Kombinat) durch die nun wieder mündigen Landwirte einschließlich die Überbetonung des Milchfettgehalts im SMR-Zuchtprogramm und eine deutlich geringere Euterqualität gegenüber den bundesdeutschen Schwarzbunten zu nennen.

Kurzporträt: Aubrac-Rind
Aubrac männlich

Aubrac männlich

Aubrac weiblich

Aubrac weiblich

Aubrac weiblich mit Kalb

Aubrac weiblich mit Kalb

Von Christoph Görner 

Das Aubrac-Rind stamt , wie die Rasse Salers, ebenfalls aus Frankreich. Seine genaue Heimat ist das Vulkanische Zentralmassiv Frankreichs mit der Region Auvergne, beginnend von der Mitte des Landes bis weit in den Süden. Die Rasse Aubrac ist wie fast alle Rinderrassen auch aus Kreuzungen hervorgegangen. Sie geht auf die beiden Ausgangsrassen Maraichine und Braunvieh zurück. Da Aubrac bereits mehr als 150 Jahre als Rasse in seinem Ursprungsgebiet existiert und dort auch züchterisch bearbeitet wurde und wird, hat sich eine Robustheit herausgebildet und erhalten. Da die Tiere von Anfang an sehr extensiv gehalten wurden, sind sie als mittelrahmige Rasse durch eine gute Anpassung an die Umwelt, insbesondere hinsichtlich Klima und Futtergrundlage, sehr wirtschaftlich. 

Darüber hinaus sind sie sehr widerstandsfähig, leichtkalbig und haben eine relativ lange Nutzungsdauer. Sie eignen sich hervorragend für die Mutterkuhhaltung. 

Kurzporträt: Aberdeen Angus

Neben der Reinzucht wird vor allem in Frankreich ein angemessener Teil von Kühen mit  

Charolaisbullen belegt, um fleischbetonte Absetzer zu erzeugen. 

Die guten Fundamente der Aubrac-Rinder, die über feste schwarze Klauen verfügen, garantieren eine gute Weidefähigkeit. Im Gegensatz zu den männlichen Tieren, die sowohl in der Vorhand, dem Rücken und der Hinterhand gleichmäßig gut bemuskelt sind, trifft dies bei den weiblichen Tieren im wesentliche auf Rücken und Hinterhand zu, die Vorhand ist in der Regel eher etwas schmaler.  

Farblich ist bei dieser Rasse einfarbig fahlgelb bis weizengrau vorherrschend. Bei männlichen Tieren ist der Halsbereich, die Vorhand und der Keulenbereich meist etwas dunkler, ja sogar schwarz, was auch auf die Schwanzquaste zutrifft. Das wie bei den meisten Rinderrassen kurze, glatte Fell, vornehmlich im Sommer, wird bei den Aubrac bei niedrigen Temperaturen etwas länger und zum Teil kraus, ein weiteres Anzeichen für gute Anpassungsfähigkeit. 

Die wichtigsten Maße und Gewichte zeigt die nachfolgende Tabelle: 

Bulle Kuh 
Kreuzbeinhöhe in cm 133 131
Gewicht in kg 850 750
Geburtsgewicht in kg3835
Erstkalbealter in Monaten 33 – 36

In den letzten 15 – 20 Jahren hat diese Rasse auch in weiteren Ländern für Aufmerksamkeit gesorgt, so auch in Deutschland, wo es heute einige Zucht- bzw. Haltungsbetriebe gibt. 

Im Porträt: Aberdeen Angus

Sie sind klein, reinerbig hornlos und gelten als besonders gutmütig im Umgang. Derzeit entstehen in Deutschland wieder mehrere große Herden der Rasse Aberdeen Angus.

Von Christoph Görner 

Diese Rinderrasse hat ihren Ursprung im Nordosten Schottlands in den Grafschaften Aberdeen und Angus. Dabei handelte es sich um kleinere hornlose  Rinder, die in diesen rauen klimatischen Gebieten möglicherweise durch die Einwanderung der Kelten auf die Insel mitgebracht wurden. 

Erste züchterische Nachweise dieser Rasse fand man an Hand von Ausgrabungen, die an das Ende des 18. Jahrhunderts eingeordnet werden. Heute findet man Aberdeen Angus weltweit verbreitet. So z.B. auch in Kanada, Nord- und Südamerika, Argentinien, Australien, Dänemark und auch in Deutschland. 

Aberdeen Angus Herde

Aberdeen Angus Herde

Aberdeen Angus Jungbulle

Aberdeen Angus Jungbulle

Aberdeen Angus männlich

Aberdeen Angus männlich

Aberdeen Angus weiblich

Aberdeen Angus weiblich

Aberdeen Angus weiblich

Aberdeen Angus weiblich

Durch Einkreuzung auf die heimischen Rassen Schwarzbunte, Fleckvieh und Gelbvieh in Deutschland begann man 1955 mit dem Aufbau der Rasse Deutsch-Angus, die zum jetzigen Zeitpunkt nur noch als Angus bezeichnet und neben reinrassigen Aberdeen Angus gehalten wird. 

Aberdeen Angus in Schwarz und Rot

Aberdeen Angus wird in den Farbschlägen Schwarz und Rot gezüchtet. Die reinerbig hornlosen Tiere sind sehr rumpfig, feingliedrig, wüchsig und frühreif. Beim Rahmen bewegt man sich je nach ökonomischer Ausrichtung des Zuchtbetriebes vom mittleren bis zum großen Rahmen. Der mittlere Rahmen wird dort bevorzugt, wo eine Selbstvermarktung mit  8-10 Monaten das Ziel ist.

Der etwas größere Rahmen gilt der Erhaltungszucht für genügende Ausprägung von Schulter, Rücken und Hinterhand zur Erlangung gut ausgebildeter Fleischpartien. Bemerkenswert ist auch der gutmütige umgängliche Charakter der Rasse, sowie die ausgeprägte Mütterlichkeit der weiblichen Tiere. Letztere verfügen außerdem über eine sehr gute Milchleistung, die einen sichtbaren Aufzuchterfolg bedingt. 

Hervorzuheben ist außerdem die ausgeprägte Leichtkalbigkeit, die in der Regel keinen zu hohen Zeitaufwand während der Abkalbeperiode erfordert und geringere ökonomische Verluste gegenüber anderen Rassen erwarten läßt. 

Hinsichtlich der Maße und Gewichte informiert die folgende Tabelle: 

 
  Bulle Kuh
 Kreuzbeinhöhe in cm 133 131
 Gewicht in kg 850 750
 Geburtsgewicht in kg 38 35
 Erstkalbealter in Monaten   33-36

Aberdeen Angus wird neben den auch in Deutschland verbreiteten Angus in einem eigenen Herdbuch geführt und ist durch internationalen Bullen- und Spermaaustausch gekennzeichnet. Die in Deutschland vorhandene Rasse Angus wurde den entsprechenden Standortbedingungen und Futtervoraussetzungen zielgerecht züchterisch bearbeitet und ist zahlenmäßig zur Zeit noch in größerem Umfang vorhanden. Trotzdem entstehen augenblicklich wieder mehr reine Aberdeen Angus Herden, die durch den internationalen Trend bedingt sind.

Kuh-Ortung mit dem Smartphone

Stets auf dem neuesten Stand der Technik ist man in der GbR Haßlau. Seit 20 Jahren werden dort die Kühe automatisch gemolken. Mithilfe der Elektronik wird jetzt jedes Tier im Stall schnell gefunden.

Von Fritz Fleege

In der GbR Haßlau hält man stets nach Neuem Ausschau. Ställe wurden um- und neugebaut, der Kuhbestand vergrößert und die Leistung gesteigert. Gesellschafter Christian Kalbhenn spricht jetzt sogar mit Stolz von einer Punktlandung. Sein großes Ziel war es, eine moderne Milchviehanlage mit viel Tierkomfort und günstigen Arbeitsbedingungen zu schaffen. Ende letzten Jahres wurde ein weiterer Stall bezogen. Nun hält man 573 Kühe, von denen 514 an zehn Robotern gemolken werden. Je Tag fließen 18.500 kg Milch in den Tank, etwa 36 kg je Kuh. Alles läuft reibungslos.

Zu verdanken ist dies der beharrlichen Zusammenarbeit der drei Gesellschafter der GbR Haßlau, Christian Kalbhenn, Gerhard und Marie Gröbner sowie ihren engagierten Mitarbeitern. Anfang der 1990er-Jahre hatte man 180 Kühe in Altgebäuden und kam auf 4.000 kg Milch je Tier. Die Haltungsbedingungen für das Vieh waren nicht die besten und die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten auch nicht leicht. Das sollte sich ändern. Man baute einen Kuhstall in Holzbinderkonstruktion. Dann wurde der Stall mit Melkrobotern ausgestattet und noch zweimal erweitert. Das machte sich erforderlich, weil man noch einen Milchviehbetrieb zugekauft hatte. Doch Stillstand kennt man in der GbR Haßlau nicht. 2017 war Start des Bauprojektes zur Erweiterung und Modernisierung der gesamten Anlage.

Jedes Tier wird schnell gefunden

Bei all den baulichen Umgestaltungen hat sich natürlich auch die Arbeitsorganisation deutlich verändert. In der Anlage sind heute neben Geschäftsführer Kalbhenn zwei Fütterer, zwei Kälberfrauen, und zwei „Kuhleute“ beschäftigt. Nach zehn Arbeitstagen gibt es vier freie Tage. Die „Kuhleute“ arbeiten jeweils von 5.30 bis 14.30 Uhr bzw. von 11 bis 20 Uhr. An freien Tagen übernimmt Kalbhenn deren Vertetung. Sie müssen sich vor allem um das Wohlbefinden der Tiere kümmern, was bei knapp 600 Kühen plus Nachzucht gar nicht so einfach ist. Wichtigstes Hilfsmittel ist für sie dabei die Kuh-Ortung per Smartphone.

Kuh Lely
App Kuh-Ortung
Kuh-Ortung

In Haßlau hat man sich für das von Lely angebotene Nedap-System entschieden. Damit ist es möglich, den Aufenthaltsort jeder Kuh im Stall bis auf einen Meter genau zu bestimmen. Die speziellen Responder am Halsband, welche für dieses System benötigt werden, sind echte Allrounder. Sie dienen, neben der Kuh-Ortung, au-ßerdem zur Identifikation des Tieres im Melkroboter, zur Brunsterkennung und zur Aufzeichnung von Fressminuten und Wiederkauaktivität der einzelnen Kuh. Wird ein Tier gesucht, senden im Stall installierte Funkbaken Signale an den Responder, welcher diese an eine Stallantenne weitergibt. Die genaue Position der gesuchten Kuh wird dann vom System Lely InHerd auf dem Smartphone oder Tablet und im Herdenmanagementprogramm Lely T4C, dargestellt. Man kann also alle Daten einer Kuh auf dem Computer im Büro oder am Smartphone bzw. Handy in der Hand ablesen.

Kuh-Ortung nicht mehr wegzudenken

In großen Ställen wie in Haßlau ist die Kuh-Ortung nicht mehr wegzudenken. Auf dem Handy kann man gezielt in jeder Gruppe die Kühe suchen, die man zum Melken treiben muss, Tiere, die zu besamen sind, die vom Tierarzt behandelt werden müssen oder trockengestellt werden sollen. Beim nächsten Klick sieht man gleich, wo sich die Tiere aufhalten. So müssen Melkverweigerer zum Roboter geholt werden. „Dabei sollte man behutsam vorgehen“, meint Kalbhenn. „Man sollte den Kühen ihren Rhythmus lassen, bevor man eingreift und nicht nur irgendwelche Listen abarbeiten.

Manche Kühe brauchen eben immer etwas länger. Es empfiehlt sich, erst noch auf dem Handy auf Kuh-Info zu drücken. Da erfährt man mehr über das einzelne Tier. Zum Beispiel ist die eine seit 15 Stunden nicht gemolken worden, aber schon im 200. Laktationstag, eine andere ist bereits fünf Monate tragend und hat auch noch etwas Zeit. Anders sieht es bei Problemkühen aus, die nicht selbstständig zum Melken kommen. Die können lahm oder brünstig sein oder es kann sich bei ihnen sogar eine Mastitis anbahnen. Die müssen unter Kontrolle zum Roboter geholt werden. Von kranken Tieren wird die Milch gesondert abgeleitet und das Tier kommt bei Bedarf in den Separationsbereich. Auch solche Informationen kann man auf dem Handy abrufen.

Die zweite Suche betrifft die zu besamenden Tiere. Dazu nutzt man zunächst im PC oder Smartphone die Liste „Brunstwahrscheinlichkeit“. Diese vergleicht man mit dem Gesehenen. Welches Tier dann tatsächlich zu besamen ist, obliegt Kalbhenn, der auch als Eigenbestandsbesamer tätig ist. Ohne Kuh-Ortung brauchte er für diese Tätigkeit die doppelte Zeit. Er drückt auf das Handy und findet gleich eine Jungkuh unten im alten Stall und zwei Altkühe oben im neuen Stall in der Robotergruppe 9/10. Beim nächsten Drücken sieht er auf dem Handy den Platz, wo sie sich befinden. Zu diesen Kühen kann er gezielt hingehen und sie besamen. Das spart viel Zeit beim Suchen.

Alle zehn Tage findet eine Tierarztaktion statt, wo Trächtigkeitsuntersuchungen erfolgen und Sterilitäten behandelt werden. Auch da hat sich in beiden Milchviehställen die Kuh-Ortung bewährt. Die Nummer der Tiere, die gesucht werden, gibt man ins Smartphone ein und durchkämmt dann die Gruppen. Im neuen Stall kann man dazu auch eine Separation nutzen. Wenn zum Beispiel am Dienstagmorgen der Tierarzt kommt, dann erhält der Roboter die Information: Ab 0 Uhr Kühe separieren. Diese können dann in speziellen Fangfressgittern arretiert und untersucht werden.

Auch auf der Weide denkbar

Systeme zur Kuh-Ortung werden heute natürlich nicht nur von Lely angeboten. Mehrere Stallausrüster haben ähnliche Produkte im Angebot. Diese arbeiten zum Teil mit batterielosen Ohrmarken an-stelle der Responderhalsbänder. Aber all diesen Systemen gemein ist die gleichzeitige Nutzung der ermittelten Daten zur Kontrolle der Tiergesundheit und des Fruchtbarkeitsgeschehens. Interessant ist, dass es bereits Überlegungen gibt, die Kuh-Ortung nicht nur auf den Stall zu begrenzen. So forschten zum Beispiel Wissenschaftler von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freisingen drei Jahre lang zum Thema „GPS-Weidemanagementsysteme“.

Ziel des Projekts war die Entwicklung, Erprobung und Bewertung eines Ortungssystems auf Basis der GNSS-Technologie (GNSS steht für Global Navigation Satellite System). Dabei wurde zusammen mit dem norwegischen Forschungsinstitut Bioforsk auch der Einsatz eines virtuellen Weidezauns getestet. Die Freisinger Forscher konnten nachweisen, dass ein funktionierendes Ortungssystem das Tier- und Weidemanagement auf der Alm durch-aus optimieren kann. Im Moment gibt es allerdings noch keine preisgünstige Lösung für Gebiete ohne GSM-Abdeckung (GSM ist der Mobilfunkstandard). Die Analyse der Bewegungsprofile und des Verhaltens der Tiere mithilfe der GNSS-Daten sind nur mit kürzeren Datenintervallen sinnvoll. Die Tests in Freisingen zur Nutzung des virtuellen Weidezauns zeigten zudem, dass derzeit eine Umsetzung aus mehreren Grün-den noch nicht möglich ist.

Nun wird weiter optimiert

Doch zurück nach Haßlau: Dort steht in der Milchviehanlage jetzt die weitere Optimierung im Vordergrund, vor allem was die Gesundheit und damit die Reproduktion des Kuhbestandes betrifft. Wichtig dabei sind eine gute Fruchtbarkeit, ein hervorragendes Besamungsmanagement und eine niedrige Reproduktionsrate um 25%. Auch züchterisch will man weiter vorankommen. So hat man schon die ersten weiblichen Kälber gentechnisch untersuchen lassen. Künftig will man dann nur noch die besten aufziehen, um auf noch höhere Leistungen zu kommen. Ein Anwachsen der Herde in Haßlau kommt für Kalbhenn aber nicht mehr infrage.

In Sachen Tierwohl – aktuell ja in aller Munde – können die Haßlauer hingegen mit dem Erreichten schon sehr zufrieden sein: Der große neue Kuhstall ist hoch und luftig (72 m x 36 m). Sein First ist mit einer Lichtkuppel ausgerüstet, die sich ähnlich wie die Curtains an den Seitenwänden je nach Witterung automatisch öffnen und schließen lässt. Für Zusatzlicht im Stall sorgen LED-Lampen mit Dimmung. Alles ist deutlich breiter als im alten Stall ausgelegt. Beiderseits des Futtertisches befinden sich ein Fressgang, eine Doppelliegeboxenreihe, ein Laufgang und eine Wandliegeboxenreihe. Diese sind mit flexiblen Liegeboxenabtrennungen ausgestattet und die Kühe können auch einmal hindurchschlüpfen, ohne sich zu verletzen. Schnell gefunden wer-den sie dann aber trotzdem.

Bollstedt: Dorf mit Auszeichnung

Im bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ steht in diesem Jahr das thüringische Bollstedt ganz oben auf dem Treppchen – „für bürgerschaftliches Engagement, beispielhafte Ideen und zukunftsweisende Konzepte“. Wir haben uns im Golddorf umgeschaut. 

Von Birgitt Schunk

Wenn Hans-Martin Menge beim Bäcker in Bollstedt auftaucht und einen Kaffee bestellt, gibts das Nougattörtchen automatisch dazu. Man kennt sich und weiß schließlich, was der einstige Bürgermeister gerne isst. „Da muss ich nicht erst fragen“, sagt die Verkäuferin und stellt auch an diesem Tag das Backwerk ganz selbstverständlich auf den Tisch. Der Laden ist tagsüber der einzige Treffpunkt im Dorf, weitere Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht. Deshalb kann man hier außer Brot und Kuchen auch einige andere Dinge für den täglichen Bedarf mitnehmen. Ansonsten fahren die Bollstedter zum Einkaufen fünf Kilometer bis nach Mühlhausen.  

Seit Januar ist das Dorf ein Ortsteil der thüringischen Kreisstadt – als Städter fühlen sich die Bollstedter dennoch nicht. Mit breiter Brust haben sie das Gold im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ entgegengenommen. „Das hat viel freigesetzt“, sagt Ortsteilbürgermeister Thomas Ahke, der in große Fußstapfen getreten ist. Hans-Martin Menge war mit seiner 36-jährigen Amtszeit Thüringens dienstältester Bürgermeister, der seit diesem Jahr nun im Ruhestand ist. Er hatte auch die Teilnahme am Dorfwettbewerb eingerührt. „Überzeugt waren die Leute damals nicht unbedingt davon, sie wollten mir wahrscheinlich einen Gefallen tun und haben halt mitgemacht“, sagt Menge. Im Regionalausscheid gab es 2017 den 3. Platz für das 1.060-Seelen-Dorf. Ein Jahr später im Landeswettbewerb kam Bollstedt auf Platz zwei. „Normalerweise müsste von der Reihenfolge her nun Gold kommen, habe ich damals gesagt, aber überzeugt war ich nicht davon“, kann sich der ehrenamtliche Ortsteilbürgermeister Thomas Ahke noch gut erinnern. „Andere hatten viel mehr aufzubieten.“  

Es geht um mehr als die schicke Fassade 

Dennoch entwickelte sich von Ausscheid zu Ausscheid eine gewisse Eigendynamik. Die Bollstedter empfingen die Jury – und mussten keinen Schaum schlagen. Ihnen wurde bei der ganzen Vorbereitung eigentlich selbst erst richtig bewusst, was sie doch alles im Dorf schon geschaffen und bewegt hatten. Genau das wollen solche Wettbewerbe auch erreichen, bei denen es längst um weit mehr geht als um schicke Fassaden und intakte Gehwege.  

Bereits 1999 waren Flurbereinigung und Dorferneuerung ein Thema. Damals fuhren zwanzig Bürger nach Bayern zu einem Seminar, das sich genau damit befasste. Die Ideen sprudelten nur so. „Und alles wurde umgesetzt“, sagt Altbürgermeister Menge. Wo einst eine kleine Pfütze vor sich hindümpelte, wurde ein wunderschöner Dorfteich angelegt. Auf der alten Bahntrasse führt heute ein Radweg entlang – eine alte Schmiede wurde zum Aktivmuseum. Kinder des Dorfes haben hier schon Hufnägel zu kleinen Anhängern für die Halskette umgearbeitet – und waren begeistert. Am Dorfteich entstand ein Bauerngarten, in dem die Kinder säen, ernten und naschen dürfen. Alle „Bäume des Jahres“ kamen in den Boden. Und zwischen den Korbweiden entstand ein wilder Spielplatz. „Hier wollen wir aus den Ästen noch einen Kriechtunnel bauen“, sagt Ahke. Mit „wir“ meint er den Landschaftspflegeverein, dessen Vorsitzender er ist. 2005 gegründet, kümmern sich die rund 30 Mitglieder um das Areal, das sich zum Naherholungszentrum entwickelt hat. Fast 1.000 Kopfweiden sind in Pflege, Müll wird ebenso gesammelt. Doch der Verein koordiniert inzwischen ebenso viele andere Aufgaben, die im Dorf anstehen.  

Auch was für Kinder

Auch die Mädchen und Jungen des Kindergartens kommen gerne mit ihren Erzieherinnen zu Riedgarten, Hexenwäldchen oder Hölzchen. „Mit den Ortsbezeichnungen können die Kinder schon etwas anfangen, sie wissen auch, wo Friseur, Bäcker und LPG zu Hause sind“, sagt Erzieherin Claudia Schwarzburg. Und das bindet. In den kommenden Wochen geht es wieder regelmäßig in die Sauna der Kita. Bei Geschichten, leiser Musik, Obst und dezentem Licht lernen die Jüngsten, die Ruhe zu genießen und zu entspannen. Dieses Angebot hat der Kindergarten der ortsansässigen Agrargenossenschaft zu verdanken, die die Sauna selbst nicht benötigte und deshalb hier vor Jahren schon einbauen ließ. 54 Kinder besuchen heute die Kita. An diesem Freitagnachmittag geben sich die Eltern die Klinke in die Hand, holen ihre Sprösslinge ab, einige verabreden sich. Das Wochenende steht vor der Tür. Am Abend gibt es einen runden Geburtstag im Dorf, bei dem man sich trifft. Im Vereinshaus wird eine Bullerparty für einen neuen Erdenbürger vorbereitet. Die eine oder andere Grillparty ist ebenso geplant. Alleine bleiben muss man in Bollstedt nicht.  

Freitags ist in Bollstedt Familientreff

Dieses Gefühl tut auch der älteren Generation gut. „Bei uns wandern die jungen Leute nicht so ab wie anderswo“, sagt Anni Meinlschmidt. Gemeinsam mit ihrem Mann Paul und weiteren Senioren sitzt sie oft vorm Haus „auf der Brücke“. Der Platz hat seinen Namen, weil einst hier ein offener, schlammiger Graben entlangführte. „Da hatten wir immer dreckige Schuhe.“ Heute sei es überall schön im Dorf. Häuser und Höfe sind hergerichtet, überall wird gewerkelt. Zu schwatzen gibt es immer etwas. Und Freitag ist Familientreff. Um diese Jahreszeit gibt es Zwetschgenkuchen.

„Wenn alle kommen, sind wir 18 Leute“, erzählt die 88-Jährige. Zwei Enkel und sieben Urenkel haben sie und ihr Mann, die seit 70 Jahren verheiratet sind. Jung hilft alt – alt hilft jung. Die Enkelin sortiert den Großeltern immer die Tabletten. „Jeder hat seine Aufgabe.“ Und so funktioniert in vielen Familien die Bande zwischen den Generationen noch, die anderswo schon verloren ging. Auch die Jungen wissen das zu schätzen – und wandern nicht in Scharen nach Hamburg oder München ab. In den letzten Jahren sind 26 neue Eigenheime im Dorf gebaut worden. „Wir haben dabei besonders auf die Innenentwicklung gesetzt. Und wenn ein Haus verkauft wird, stehen gleich drei Anwärter da“, sagt Altbürgermeister Hans-Martin Menge. „Ein Leerstandskataster brauchen wir nicht.“

Jeder hilft jedem

Vorm Haus von Wilfried Hohlstein sprudelt tagein, tagaus ein Springbrunnen, die Rosen stehen in voller Blüte. Das Wasser läuft über Kaskaden nach unten. „Das hat er alles ausgetüftelt, gebaut und er hält alles auch gemeinsam mit seiner Frau in Schuss“, weiß Thomas Ahke. Beide gehören zu jenen, die immer wieder freiwillig Hand anlegen und etwas pflegen. „Da kommen sogar Bürger und fragen, ob sie vorm Haus eine Ecke pflastern können, damit es schöner aussieht.“ Auch das Schützenhaus mit Schießstand würde es heute wohl so nicht geben, denn auch dieses Objekt entstand in Eigenleistung.

Dass dabei bis heute ebenso die Parkanlage mit gepflegt wird, ist fast schon eine Selbstverständlichkeit. Ist ein Projekt verwirklicht, reicht der Schwung meist schon, um den nächsten Schritt zu gehen. Ein altes Gewächshaus, das nicht mehr genutzt wurde, haben die Bogenschützen in eine Trainingshalle umgewandelt. Sie können so ihrem Hobby auch in der kalten Jahreszeit nachgehen. Hier waren ebenso viele freiwillige Arbeitsstunden notwendig. „Ohne den Agrarbetrieb wäre das alles allerdings nicht möglich gewesen“, sagt Trainer Bernd Freiberg. Dem landwirtschaftlichen Unternehmen gehört das Gebäude. „Und auch sonst bekommt man immer Unterstützung – selbst wenn wir mal ein Bündel Stroh fürs Bogenschießen brauchen.“  

Fünf Euro für jeden Eimer Müll 

Die Agrargenossenschaft Bollstedt ist der einzige größere Betrieb im Ort. Die Landwirte sind willkommen und geachtet im Dorf. Man spricht vom gegenseitigen Geben und Nehmen. Georg Eisenhardt, der Vorstandsvorsitzende, ist im Dorf geboren und aufgewachsen. Er stammt aus einer alten Bauernfamilie. Was im Ort geschieht, liegt ihm am Herzen. Der Betrieb hat die Sanierung des Kirchhofes und des Sportsaales sowie den Ausbau des Vereinshauses unterstützt. Die Liste ist lang. „Wir haben aktive Leute im Ort, die etwas bewegen und Gelder fürs Dorf gut einsetzen“, sagt der Agrarchef. Wenn Vereine kommen und ein paar Euros wollen, dann gibt der Betrieb keinen Blanko-Scheck. „Wir helfen gerne und unterstützen am liebsten konkrete Projekte.“  

Zu tun gibt es schließlich genug – vom Müllaufsammeln bis zu Pflegearbeiten an der Unstrut. Dem Kindergarten spendierte der Betrieb fünf Euro für jeden Eimer Müll, der aufgelesen wurde. Das hatte den Effekt, dass der Nachwuchs seither selbst darauf achtet, dass nichts achtlos weggeworfen wird. „Ich habe immer versucht, einen Anschub zu geben.“ Im Beratungsraum des Betriebes hängen Plakate aus dem Kindergarten mit Bildern und der großen Aufschrift „Danke“. Auch das neue Haus der Vereine gehört dem landwirtschaftlichen Betrieb. Es war einmal das Sozialgebäude der alten Gärtnerei. Viel wurde abgerissen und fast alles neu aufgebaut. Unzählige Stunden leisteten hier auch die Bollstedter. Mit den Vereinen gibt es Nutzungsverträge. Und freies Wlan gibt es auch. In der oberen Etage des Hauses wurde sogar ein Fitnessstudio eingerichtet mit modernen, leistungsstarken Geräten, die der Landschaftspflegeverein aus einer Insolvenz heraus kaufte. „Das war nur eine Zwischenlösung, denn mit dem Fitnessklub Bollstedt gründete sich danach ein Verein, der mittlerweile 110 Mitglieder hat“, sagt Ahke. Für zehn Euro im Monat können die Frauen und Männer hier regelmäßig ihre Muskeln kräftigen und etwas für die Gesundheit tun.  

Schönster Garten gesucht 

Trotz der Goldmedaille ist auch in Bollstedt nicht alles Gold, was glänzt. Die gemeindeeigene Gaststätte muss saniert werden. Ein Aufzug ist zudem für einen barrierefreien Zugang geplant. Die Baugenehmigung steht noch aus. Im Dorf soll es außerdem noch mehr grünen und blühen. Deshalb wurde in diesem Jahr erstmals ein Wettbewerb um den schönsten Garten ausgelobt. Zehn Bewerber machten mit. Auch am Vereinshaus werden sich künftig Wein­reben emporranken. Und in den Parkanlagen wartet noch Arbeit. 

Im Sportraum gegenüber der Kirche herrscht an diesem Freitagabend emsiges Treiben. Hier haben die Sektionen Tischtennis und Gymnastik des Sportvereins ihren Platz. Gegenüber ragt die sanierte Kirche in die Höhe – auf deren Vorplatz feiert das Dorf alljährlich die Kirmes. Der Weihnachtsmarkt findet hier ebenso statt. Selbst die acht Meter große Pyramide, die dann aufgestellt wird, ist Marke Eigenbau. Lukas Köhler, der Vorsitzende des Kirmesvereins, hat es eilig an diesem Abend. Ein kurzes Hallo zum Ortschef und schon will der oberste Kirmesbursche weiter. Sein Verein hat 32 Mitglieder. „Mit 28 bin ich schon der Opa“, sagt er. Über seine Freundin kam er in das Dorf, spielte Fußball und machte bei der Kirmes mit. „Und ganz schnell ist man integriert.“ Über das traditionelle Fest zur Kirchweih kommen immer wieder junge Leute nach, die die alten Traditionen leben, sich meist auch später im Dorf engagieren und Verantwortung übernehmen – und das ist Gold wert. Thomas Ahke, Georg Eisenhardt und Hans-Martin Menge legten sich einst ebenso als Kirmesburschen ins Zeug. „Auch aus uns ist also etwas Ordentliches geworden“, sagt der Altbürgermeister und kann sich ein Augenzwinkern nicht verkneifen.  

Lernen im Grünen

Praxisluft schnuppern und Führungskompetenzen vervollkommnen – das sind die beiden wesentlichen Lernziele im Fernstudium zum MBA Agrarmanagement an der Hochschule Anhalt in Bernburg.

Von Dr. Thomas Tanneberger

Feeeeernstudium? Nach Feierabend schwierige Lektionen pauken, knifflige Belegarbeiten schreiben und dann auch noch zu irgendwelchen Seminaren und Prüfungen an die Hochschule fahren? Das hört sich nicht nur nach viel Arbeit an, das macht auch viel Arbeit. Und doch gibt es „Verrückte“, die sich das antun: „Jedes Jahr schreiben sich bei uns gut 20 neue Studentinnen und Studenten in den MBA-Fernstudiengang Agrarmanagement ein“, berichtet Studiengangsleiterin Prof. Dr. Ute Höper von der Hochschule Anhalt. „Ja, die Anforderungen an die Studierenden sind hoch, und man muss immer sehen, dass sie ja in ihrem Berufs- leben auch schon genug Herausforderungen zu bewältigen haben. Aber wir lassen die Studierenden ja nicht allein.“

Unterstützung von der Hochschule

„Bei dem MBA-Studiengang handelt es sich um ein angeleitetes Fernstudium“, so Prof. Höper weiter. „Das bedeutet, dass Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner nicht nur während der Präsenzzeiten in Bernburg zur Verfügung stehen, sondern über Studienanleitungen sowie Fernkommunikation ein reger Austausch gelebt wird. Lösungsorientierte Zusammenarbeit ist ein wesentlicher Aspekt des Studiums.“ Und tatsächlich sehen die allermeisten Studierenden vor allem die Chancen der Sache: Der Studiengang gibt ihnen die Möglichkeit, berufsbegleitend innerhalb von nur fünf Semestern einen vollwertigen Abschluss als Master of Business Administration (MBA) im Fach Agrarmanagement zu erwerben. Das ist für alle nützlich, die beruflich in Leitung und Verwaltung landwirtschaftlicher oder landwirtschaftsnaher Unternehmen oder öffentlicher Einrichtungen tätig sind. An die Anforderungen dieser Zielgruppe ist das Ausbildungsprofil angepasst. „Einerseits stehen Führungs-, Kommunikations- und Sozialkompetenz im Mittelpunkt der Ausbildung. Für diese Inhalte ist in der auf Sach- und Methodenkompetenz gerichteten eigentlichen Hochschulausbildung oft zu wenig Platz“, so Prof. Höper. „Andererseits bringen wir die Studierenden im Rahmen des MBA-Kurses bewusst oft mit Menschen zusammen, die voll in der Praxis stehen: Neben Dozenten der Hochschule unterrichten ausgewählte Praktiker aus den Bereichen Banken- und Rechnungswesen, Beratung, Arbeitsrecht sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.“ Ganz wesentlich sei auch die Zusammenarbeit mit der Andreas-Hermes-Akademie, die vor allem in Sachen Führungstraining und Personalorganisation exzellente Ausbildungsbeiträge zuliefert, ergänzt Prof. Höper.

Umfassendes Lehrprogramm

Im Detail haben die MBA-Anwärter während ihrer Studienzeit 14 Module zu absolvieren, wobei diese in drei Säulen eingeteilt werden können: Die erste Säule umfasst die landwirtschaftlichen Kompetenzen unter Beachtung der aktuellen praxisrelevanten Erkenntnisse. Diese Inhalte finden sich unter anderem in den Modulen „Innovation der Tierproduktion“, „Innovation der Pflanzenproduktion“ und „Agrarrecht“.

Die zweite Säule fokussiert die General-Management Kompetenzen und dient der Auseinandersetzung mit typischen Managementfragen aus dem beruflichen Umfeld. Hierunter fallen Module wie „Projektmanagement“, „Finanzierung“ und „Marketing“.

In der dritten Säule befassen sich die Studierenden mit Fragen wie „Selbstorganisation und Persönlichkeit“, „Kommunikation und Verhandlung“ sowie „Mitarbeiterführung“. Ergänzt wird das Studium durch die Wahlpflichtmodule „Public Relations“ und „Qualitätssicherung und -management“. Mit der Abgabe und Verteidigung der Masterarbeit wird das Studium abgeschlossen. Für neue Impulse im Berufsalltag sorgen teambasierte Untersuchungen praktischer Fragestellungen aus Unternehmen der Teilnehmer. Zusätzlich werden für die Teilnehmer nationale und internationale Fachexkursionen angeboten.

Abwechslung mit System

Allen Modulen gemeinsam ist, dass sich Präsenz- und Selbststudium abwechseln. „Das ist als Lernstrategie sinnvoll und macht auch einfach mehr Spaß als die ausschließliche Fernausbildung, die an anderen Hochschulen üblich ist“, sagt Studiengangskoordinatorin Petra Kühne dazu. „Zudem fördert dieser Wechsel auch den fachlichen Austausch. Einerseits hilft das direkt und schnell bei aktuellen Fragestellungen im Studium, andererseits entstehen dadurch Netzwerke, die überaus nützlich sind und mitunter ein ganzes Berufsleben halten.“ Kühne weiß, wovon sie da spricht, laufen doch die Anliegen der „Studis“ seit Jahren bei ihr zusammen.

Die bis zu 200 Stunden pro Semester umfassenden Präsenzphasen an den Wochenenden dienen der Wissensvermittlung, Projektarbeiten, Fachdiskussionen und der Besprechung komplexer Zusammenhänge. Dazwischen absolvieren die Studierenden Phasen der selbstständigen Aneignung von Fachwissen nach Studienanleitungen und Literaturhinweisen der Lehrkräfte. Die Kommunikation zwischen den Studierenden und den Dozenten erfolgt dabei durch verschiedene Medien. Zentrales Instrument dafür ist die E-Learning-Plattform Moodle, aber auch Telefon, E-Mail und persönliche Besuche ergänzen den Bernburger Medienmix. Dass diese Art von Bildung über das normale Maß einer staatlichen Hochschule hinausgeht, hat bisher jedem eingeleuchtet. „Ja, wir nehmen eine Studiengebühr für diese Mehrarbeit“, berichtet Petra Kühne. 1.200 € fallen pro Studienplatz und Semester an. Da die meisten MBA-Anwärterinnen und -anwärter schon eigenes Einkommen haben, fällt das allerdings nicht so stark ins Gewicht. Zudem, so Kühne, gibt es auch viele Arbeitgeber, die junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Eigeninteresse „auf Schule“ schicken und daher die Studiengebühren übernehmen. „Eine lohnende Investition nicht nur für Handelsfirmen und Behörden“, sagt Kühne bestimmt, „sondern in erster Linie für größere Agrarunternehmen. Ob Familienbetrieb, Genossenschaft oder Gesellschaft, überall werden junge Leute mit Führungsstärke und anwendbarem Verwaltungswissen gesucht.“

Blick über den Tellerrand

Geht das Fernstudium dann dem Ende entgegen, nehmen die praktischen Aktivitäten zu. „Mit der Teilnahme an Exkursionen in die heimische Agrarwirtschaft, dem Moderieren oder Referieren der Studenten auf wissenschaftlichen Tagungen oder auch der Ausrichtung des jährlichen Eiweißpflanzen-Workshops stellen unsere Studenten unter Beweis, dass sie sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und gut gefestigt in die Zukunft blicken können“, so Prof. Dr. Heiko Scholz, ebenfalls seit Jahren im MBA-Studiengang engagiert. Ein echter Geheimtipp sind die Fachexkursionen ins Ausland, die Prof. Scholz jährlich organisiert. Sie dienen dazu, internationale Strukturen und alternative Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft und dem Agribusiness hautnah zu erleben. Argentinien und Süd­afrika waren schon Ziele, auch China, Kanada und Kasachstan. Über eine Fahrt nach Chile berichtete die Bauernzeitung in Ausgabe 5/2019, über die jüngste Exkursion nach Neuseeland in Ausgabe

Gute Gründe für Roggen im Trog

Vor allem für Mastschweine ist dieses Getreide interessant. Anderen Futtermitteln oft ernährungsphysiologisch überlegen, ist es auch billiger. Mutterkorn sorgt mitunter für Bedenken. 

Von Johannes Hilgers (Sonsbeck) und Prof. Uwe Hühn (Wölfershausen) 

Roggen ist wichtig für die  Fütterung. In den typischen Anbaugebieten wird er an fast alle Tierarten verfüttert. Teilweise mit hohen Rationsanteilen. In der Schweinemast führt die Getreideart zu gleichen Leistungen wie etabliertere Rationskomponenten, beispielsweise Futterweizen. Das bestätigen zahlreiche wissenschaftlich begleitete Praxisversuche der vergangenen Jahrzehnte.

In der Endmast der Schweine ist ein Roggenanteil von bis zu 70 % möglich. Richtwert-Tabellen geben aber auch niedrigere Höchstmengen (maximale Anteile) von Roggen in Futtermischungen an  (Tabelle 1).

Betriebswirtschaftlich interessant  

Roggen konnte in den letzten sechs Jahren in der Schweinefütterung auch betriebswirtschaftlich punkten. Diese Getreideart ist – je nach Sojapreis –  0,50 bis 1 € günstiger als Futterweizen. In Preisbetrachtungen der Agrarmarkt Informations-GmbH (AMI) konnten fast immer Futterkosten durch den Roggeneinsatz eingespart werden. In betriebswirtschaftlichen Berechnungen von dänischen und deutschen Schweineproduzenten wurden die Kostenvorteile durch den Roggeneinsatz auf den Mastbetrieben mit circa 1,30 €/Tier angegeben.  

Anderen Getreidearten überlegen 

Aufgrund von vielen positiven Effekten kann sich Roggen gegenüber anderen Getreidearten als überlegen erweisen. Dazu gehört: 

Kohlenhydraten stellt Roggen zum Beispiel Polyfruktane und Arabinoxylane zur Verfügung, die den Bakterien als leicht verfügbare Energiequellen dienen. Dadurch werden die Bakterien davon abgehalten, die Aminosäure L-Tryptophan zum Zwecke der Energiegewinnung abzubauen, wobei Skatol – eine unerwünschte Komponente des Ebergeruches – entsteht. Überdies forciert Butyrat eine verringerte Apoptoserate, wodurch eine reduzierte Menge an Tryptophan für mikrobielle Stoffwechselprodukte anfällt. 

Im jüngsten Jahresbericht des Rheinischen Erzeugerringes für Mastschweine e.V. wurde über eine seit 2017 laufende Feldstudie berichtet, die noch bis zum Sommer 2019 läuft. Sie soll Aufschlüsse darüber liefern, inwieweit Roggen das Potenzial für eine nachhaltige, gesunde und regionale Schweinefütterung unter besonderer Berücksichtigung des Tierwohles bietet. Daran beteiligt sind insgesamt 18 Betriebe, von denen auch neun unkastrierte Eber mästen. Voraussetzungen für die Teilnahme an der Studie waren mindestens 300 vorhandene Mastplätze, die Erzielung täglicher Zunahmen von mindestens 800 g sowie eine betriebsinterne Dokumentation auf QS-Standard. Bezüglich des Fütterungskonzeptes waren als zusätzliche Kriterien zu erfüllen:

Befall mit Salmonellen verringert sich 

Die zu Jahresbeginn 2019 erzielten Zwischenergebnisse der Feldstudie ergaben in den roggenbasierten Mischungen in der Endmast einen Fruktangehalt von  

6,5 %. In der Testphase wurden tägliche Zunahmen von 917 g erreicht bei einer Futterverwertung von 1:2,72 bei den Ebern. Die Tierverluste konnten währenddessen im Vergleich zur Vorlaufphase halbiert werden. Der Anteil positiver Salmonellenbefunde verringerte sich über einen Zeitraum vom  

1.1. bis zum 1.10.2017 bei elf von 16 beteiligten Mastbetrieben um 35 % in dieser Testphase. Auch das Auftreten von Ebergeruch wurde bei acht von neun Betrieben auf 0 % gesenkt. Weitere Ergebnisse werden nach Abschluss der Studie noch in diesem Jahr erwartet. 

Weitere voraussichtlich interessante Ergebnisse lässt das 6-R-Projekt erwarten, welches am 18. Juli 2018 in Berlin vorgestellt wurde. Dabei steht „6-R“ für den Projekttitel „Regionale Renaissance von Roggen und Raps zur Reduktion von Problemen in Pflanzenbau und Tierproduktion durch Reevaluation der Inhaltsstoffe und deren gezielte Nutzung zur Förderung des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes.“  

Auch in diesem Projekt spielt der Roggen eine zentrale Rolle. Dies liegt begründet in seiner hohen Resistenz gegenüber verschiedenen Pflanzenkrankheiten, in der guten Stoffeffizienz und Toleranz gegenüber trockenen Sommern. Darüber hinaus sind aufgrund der Bildung von Butyrat lokale und systemische Effekte im Tierkörper zu erwarten. 

Mutterkorn als begrenzender Faktor? 

Eine mögliche Mutterkornbelastung ist jedoch ein entscheidender Faktoren für oder gegen Roggen in der Schweinefütterung (Kasten). Das ergaben Meinungsumfragen. Doch ist es wirklich so gefährlich? Fakt ist, dass Schweine gegenüber Rindern und Pferden weniger empfindlich für eine Mutterkornvergiftung sind. Trotzdem darf mutterkornhaltiges Getreide – auch nicht in geringen Konzentrationen – auf keinen Fall an tragende und säugende Sauen verfüttert werden. Bereits der futtermittelrechtlich zulässige Gehalt von 0,1 % ist für diese  Tiere gefährlich. Sollte es dennoch dazu kommen, reagieren sie mit Milchlosigkeit (Agalaktie der Sauen), reduzierter Futteraufnahme und -verwertung (bereits ab Mutterkornmengen von 0,1 bis 0,9 % der Ration) sowie Gewichtsverlust.Die Toxine beeinträchtigen bei graviden Sauen die Bildung des Trächtigkeitshormons Progesteron. Entsprechende klinische Anzeichen wurden schon bei Mutterkorngehalten ab 0,1 % der Ration beobachtet. Sie können auch mit vermehrten Aborten einhergehen (Bauernzeitung 36/2018, S. 55–57: „Herbst-Fehlgeburten vorbeugen“).

Ebenso sind Symptome des SMEDI-Syndroms (Totgeburten, Embryonaltod, Unfruchtbarkeit) möglich. Muttertiere, die während des Puerperiums von Ergotalkaloiden geschädigt werden, weisen häufiger eine Endometritis (Anzeichen: Ausfluss, Fieber) und nachfolgend vermehrtes Umrauschen auf. Dagegen können Mastschweine in jedem Alter befallenes Getreide unbedenklich verwerten. Erfreulicherweise arbeiten die Roggenzüchter mit Hochdruck an weniger anfälligen und dabei trotzdem leistungsfähigen Sorten.  Neue Hybridsorten sollen deutlich weniger anfällig gegenüber Mutterkorn seien. 

Pflanzenbauliche Aspekte

Roggen ist eine unbespelzte Getreideart und gehört zur Familie der Gräser. In der DDR war es die Hauptgetreideart. Im Weltgetreideanbau steht Secale cereale, wie der lateinische Name lautet, allerdings an letzter Stelle. In Deutschland baute  man zwischen 2011 und 2016 durchschnittlich 654.000 ha an.  Das sind elf Prozent der gesamten Getreideanbaufläche.  

Wie mit Futtermangel umgehen?

Hauptanbaugebiete in Deutschland sind Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Roggen ist auf leichten Böden und in Lagen mit strengen Wintern und Vorsommertrockenheit wegen seiner geringen Ansprüche nicht zu ersetzen. Es ist die Getreideart mit den geringsten Wärmeansprüchen. Selbstverträglich gilt er auch als gute Vorfrucht, da er das Feld früh räumt. Die früher üblichen Populationssorten wurden fast völlig durch leistungsfähigere Hybridsorten verdrängt. Wegen des möglichen Auftretens von Mutterkorn und eventueller Befruchtungsprobleme werden in der Praxis den Hybriden in geringem Anteil Populationssorten beigemischt.  

Roggen ist robust gegenüber Krankheiten wie Rost und Mehltau. Er hat ein ausgeprägtes Wurzelsystem, welches zu einer guten Anpassungsfähigkeit und Toleranz gegenüber Trockenheit führt. Zudem zeichnet den Roggen ein sehr hohes Ertragspotenzial aus. Unter Umständen sind die Erträge  sogar höher als die von Weizen. Und das, obwohl der Wasserverbrauch je Kilogramm Erntegut um rund 25 % niedriger liegt als beim Weizen, wie die Landessortenversuche 2011–2017 in Nordrhein-Westfalen zeigten. Des Weiteren hat Roggen eine hohe Stickstoff- und Phosphor-Nutzungseffizienz. Das Korn braucht pro 100 kg Ertrag etwa ein halbes Kilo weniger Stickstoff als Weizen, was den Roggenanbauern auch die Einhaltung der novellierten Düngeverordnung erleichtert. 

FAZIT

Roggen ist eine hochwertige und kostengünstige Futterkomponente. Aufgrund der Züchtungserfolge für Ertragsfortschritt, Pflanzengesundheit und Trockentoleranz ist er eine immens attraktive Getreideart – vornehmlich für die Endmast der Schweine. Insbesondere für diejenigen Landwirte, die auf eigener Fläche Getreide veredeln, erschließt Roggen durch seine robuste Anbauweise weiteres Einsparpotenzial für die Erzeuger.

Horchposten für biologischen Gegenangriff

Akustisches Frühwarnsystem: Der Fläminger Landwirtschaftsbetrieb Gut Schmerwitz nutzt seit dem Sommer das „Beetle Sound Tube“-System. Mit dem Käfer-Schallröhren-System lassen sich anhand von Fraßgeräuschen Schädlinge im Getreide frühzeitig aufspüren.

Von Jörg Möbius

Es besteht aus 3 m langen Röhren, ausgestattet mit Mikrofon, Datenlogger und einer Einrichtung zur Einbringung von Nützlingen, welche in das Getreidesilo eingehängt weEin Akku als Energiequelle anstelle eines Benzinmotors oder eines störenden Kabels hat viele Vorteile.rden. Die sehr leisen Bewegungs- und Fraßgeräusche der Insekten werden rund 1.000-fach verstärkt, digital erfasst und ausgewertet. Dadurch werden die Schädlingsart und die Schädlingsdichte bestimmt und daraus Empfehlungen zur Bekämpfung abgeleitet. Das ermöglicht dem Lagerhalter eine frühzeitige und zielgenaue Bekämpfung der Schädlinge. Für den ersten Praxistest wurden drei Röhren in ein 80-t-Silo gehängt (Bild).

Insektenbefall frühzeitig erkennen

Dr. Christina Müller-Blenkle vom Institut für Ökologische Chemie, Pflanzenanalytik und Vorratsschutz des JKI erklärte, dass die akustische Detektion rund 20 cm um das Rohr herum möglich ist. Da aber die Schädlinge den ganzen Stapel durchwandern, ist eine Messung in Abständen – ähnlich wie bei der Temperaturmessung – ausreichend. Es ist wichtig, einen Insektenbefall frühzeitig zu erkennen, damit noch vor der Schimmelbildung die Insekten bekämpft werden können und die Verluste minimiert werden. Getestet wird auch, ob über das gelochte Rohr direkt Nützlinge zur Schädlingsbekämpfung eingebracht werden können. Die akustische Identifikation von Schadinsekten stellt eine große Herausforderung dar.

Abbildung BeetleSoundTube

Da die Tiere nicht akustisch miteinander kommunizieren, sind die einzig verfügbaren Geräusche relativ leise Fraß- und Bewegungsgeräusche, die nicht nur vom Insekt, sondern auch stark vom umgebenden Substrat abhängig sind. Fraßgeräusche in harten, trockenen Vorräten unterscheiden sich von denen in weichen oder gemahlenen Substraten. Auch die Entfernung, in der ein Signal wahrgenommen werden kann, ist abhängig vom Substrat und dessen Schallleitungseigenschaften. Versuche mit Kornkäferpopulationen in Getreidemengen von 1 m³ (ca. 720 kg) bzw. 8 m³ (ca. 5.770 kg) zeigten, dass sich die Käfer akustisch etwa acht Wochen früher erkennen lassen, als es mit konventionellen Methoden wie z. B. Temperaturmessungen möglich war. Die Idee zum Projekt Beetle Sound Tube hat sich aus Ergebnissen des Julius Kühn-Instituts (JKI) entwickelt. Koordinator ist die agrathaer GmbH, Müncheberg. Projektbeteiligte sind:

Probe des Beetle Sound Tube Systems

Das System Beetle Sound Tube wird für mindestens vier Lagerperioden in vier Praxisbetrieben erprobt und angepasst. Das Gut Schmerwitz ist der erste Erprobungsbetrieb. Ziel der operationellen Gruppe ist es, Beetle Sound Tube zur Praxisreife zu führen. Koordiniert wird es durch die agrathaer GmbH, die wissenschaftliche Leitung obliegt dem JKI. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt wird im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ (EIP-AGRI) durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Ent-wicklung des ländlichen Raums (ELER) mit rund 1 Mio. € gefördert.

Wie mit Futtermangel umgehen?

Die zweite Dürre in Folge trifft vor allem rinderhaltende Betriebe hart. Mit welchen Strategien Betroffene jetzt gegen den Futtermangel angehen können, zeigen wir an ausgewählten Rechenbeispielen. 

Braune Wiesen und vertrockneten Mais kannte man schon aus dem letzten Sommer. In diesem Jahr kam erschwerend hinzu, dass die sonst üblichen Vorräte komplett aufgebraucht sind und man mit leeren Händen beziehungsweise Fahrsilos in die neue Saison gestartet ist. Was also tun, wenn absehbar ist, dass die Futtermittel nicht für den bevorstehenden Winter ausreichen? 

Die Möglichkeiten, die Milcherzeuger und Rindermäster haben, um Futterlücken zu schließen, werden mit fortschreitender Zeit immer spärlicher. Wer nicht schon durch die Ernte von Ganzpflanzensilage oder den Anbau von Zwischenfrüchten reagiert hat, muss jetzt auf Maßnahmen in der Innenwirtschaft setzen. Um hier Schnellschüsse zu vermeiden, sollten die möglichen Strategien einer genauen Überprüfung unterzogen und verglichen werden. In der Tabelle wurden sechs Strategien für einen Beispielbetrieb mit 120 Milchkühen und Nachzucht kalkuliert, der eine Ertragsdepression von 20 % bei Silomais und Grünland kompensieren muss. 

Um bei Futtermittelknappheit die richtigen Maßnahmen einleiten zu können, muss vorab die Ist-Situation, also die Situation vor dem Schadereignis, exakt erfasst werden. Hierzu gehört neben der Anzahl von Kühen und Jungvieh und dem Leistungsniveau der Herde auch der Energiebedarf, der aus Grundfutter gedeckt werden muss. Für die Bewertung der finanziellen Auswirkungen ist eine möglichst exakte Darstellung der Direktkostenfreien Leistung unerlässlich. Da sich in einigen Szenarien auch die Lohn- und Mechanisierungskosten verändern, ist es sinnvoll, bis zur Direkt- und Arbeitserledigungskostenfreien Leistung (DAKfL) zu rechnen. Diese beträgt im Beispielbetrieb bei einem Nettomilchpreis von 34 ct/kg ECM nur 4,55 ct/kg ECM. 

Verschiedene Möglichkeiten bei Futtermangel

Der Ist-Situation werden nachfolgend die möglichen Anpassungsstrategien gegenübergestellt.

Abbau von Überbelegung:

In einigen Betrieben werden immer noch mehr Tiere gehalten, als Liege- und Fressplätze vorhanden sind. Hier gilt es zunächst, eine mögliche Überbelegung abzubauen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die verbleibenden Tiere aufgrund der besseren Haltungsbedingungen die entgangene Milchmenge der abgestockten Tiere nahezu kompensieren. Im Beispiel wurde sicherheitshalber nur mit einem hälftigen Ausgleich bei ansonsten linear sinkenden Leistungen und Direktkosten kalkuliert. Bewertet man auch noch die eingesparte Arbeitszeit, verbessert sich das Ergebnis im Beispielbetrieb sogar um 8.778 € gegenüber der Ist-Situation. Dem Abbau einer möglichen Überbelegung sollte daher Vorrang vor allen anderen Maßnahmen eingeräumt werden, um knappe Futtermengen auszugleichen. 

Hungern lassen hilft nicht bei Futtermangel:

Die Strategie der Unterversorgung wurde hier nur rein theoretisch kalkuliert. Allein der Begriff lässt schon auf einen Missstand in der Fütterung schließen. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass jeder Tierhalter verpflichtet ist, seine Tiere art- und bedürfnisgerecht zu versorgen. Deshalb kann eine systematische Unterversorgung gar nicht in Betracht kommen. Würden die Tiere mit 20 % weniger Grundfutter versorgt und die bisherige absolute Kraftfuttermenge beibehalten, würde das Gesamtenergiedefizit zwar nur 10 % betragen, es würde aber gegen essenzielle Grundsätze in der Rationsplanung verstoßen, was wiederum eklatante Folgen in der Tiergesundheit nach sich ziehen würde. Auch betriebswirtschaftlich macht diese Strategie keinen Sinn, denn schon ein zehnprozentiger Leistungsrückgang würde das Ergebnis um 41.778 € belasten. Dabei sind die wahrscheinlich höheren Direktkosten noch gar nicht berücksichtigt. Kurzum: Hungern lassen hilft nicht!  

Grundfutter zukaufen: 

Realistischer ist der Versuch, Grundfutter zuzukaufen. Gerade weil der Niederschlag auf engstem Raum sehr unterschiedlich ausfiel, könnte ein entsprechendes Angebot auch regional vorhanden sein, sodass sich die Transportkosten in Grenzen halten dürften. Im Beispiel wurde unterstellt, dass Grundfutter in Höhe der eigenen Produktionskosten zugekauft werden kann. Dies verursacht zusätzliche Kosten von 28.074 €. Dort, wo sich die Situation anders darstellt, muss mit entsprechenden Zu- oder Abschlägen gerechnet werden. 

Erhöhung des Kraftfutteranteils: 

Es ist kein Geheimnis, dass Kühe in bestimmten Situationen günstiger mit Kraftfutter als mit Grundfutter gefüttert werden können, erst recht, wenn man diesen Vergleich unter Vollkostenbetrachtung anstellt. Würde man also die Futterlücke mit zusätzlichem Kraftfuttereinsatz kompensieren, würde dies günstiger ausfallen als der Grundfutterzukauf. Jedoch müssen auch hier die Grundsätze einer wiederkäuergerechten Fütterung berücksichtigt werden. Ein Kraftfutteraufwand von über 300 g/kg erzeugter Milchmenge ist kritisch zu bewerten und nur in Einzelfällen (zum Beispiel bei kolbenlosen Maissilagen) tolerierbar. Deshalb kann die Erhöhung des Kraftfutteranteils nicht die alleinige Lösung bei Futtermangel sein. 

Jungvieh­bestand reduzieren: 

Es liegt nahe, bei Futtermittelknappheit zuerst die Bereiche auf den Prüfstand zu stellen, die am wenigsten lukrativ sind. Hierzu gehört ohne Zweifel die Jungviehaufzucht. Da schon im Ausgangsbetrieb ein Minus von 578 € je erzeugter Färse zu verzeichnen war, würde jede Färse weniger positiv zum Gesamtergebnis beitragen. So nachvollziehbar eine Verringerung der Jungviehaufzucht auch sein mag, sie ist nicht ad hoc umzusetzen, und der Effekt auf die Grundfuttersituation ist aufgrund der geringen Hebelwirkung nur mäßig. So müsste im Beispielbetrieb fast der gesamte Jungvieh­bestand aufgegeben und nach  
einem Jahr wieder schlagartig aufgebaut werden, um 20 % Grundfutter einzusparen. Trotz betriebs­wirtschaftlicher Vorteile bleibt dies wohl nur eine Teillösung. 

Bei Futtermangel weniger Milchkühe halten:

Ergebnisse der Milchprüfung

Doch wie würde sich eine Reduzierung der Milchkühe auswirken? Der Effekt auf die Grundfuttersituation wäre schon bei geringer Abstockung enorm. Würde der Jungviehbestand aufgrund nicht anderweitig nutzbarer Altgebäude oder Flächen unverändert bleiben, müssten aber 25 % des Kuhbestandes abgebaut werden. Die finanziellen Auswirkungen sind – abhängig vom Milchpreis – jedoch beträchtlich. Im Beispielbetrieb würde der Ergebnisrückgang 33.166 € betragen und damit höher ausfallen als beim Futterzukauf. 

Anzahl Milchkühe und Färsen reduzieren: 

Eine gleichzeitige Reduzierung von Kühen und Färsen ist da schon naheliegender. Der Abbau müsste jeweils 20 % betragen, würde man den bisherigen Kraftfutteranteil in der Ration unverändert lassen. Das Ergebnis würde sich um 23.336 € verringern. Berücksichtigt man, dass vorrangig Milchkühe mit geringer Leistung oder Restnutzungsdauer ausselektiert würden, würde der Fehlbetrag noch wesentlich geringer ausfallen. 

Kombinationen wahrscheinlich 

Vergleicht man die beschriebenen Strategien miteinander, ist dem Abbau einer möglichen Überbelegung Vorrang gegenüber allen anderen Maßnahmen einzuräumen. Die mit Abstand teuerste Variante ist die Unterversorgung, also der Verzicht auf Ausschöpfung des vorhandenen Leistungspotenzials. Wie so oft muss es auch beim Thema Futterknappheit kein Entweder/oder geben, sondern eine vernünftige Kombination mehrerer Möglichkeiten ist machbar. So ist ein anteiliger Futtermittelzukauf in Verbindung mit dem Verkauf überzähliger, nicht selbst benötigter Färsen gut vorstellbar und sinnvoll. 

Der Milchpreis als große Unbekannte 

Die Ergebnisse der verschiedenen Strategien gegen Futtermittelknappheit sind nicht statisch. So wird die Vorzüglichkeit von Maßnahmen, die eine Änderung der Milchmenge zur Folge haben, wesentlich vom zu erwartenden Milchpreis beeinflusst.

Die zur Verfügung stehenden Maßnahmen unterscheiden sich nicht nur in der Wirtschaftlichkeit, sondern sie beeinflussen auch die Liquidität des Betriebes wesentlich. So belastet ein Futtermittelzukauf das Konto anfänglich mehr als eine Viehbestandsabstockung. Der Erhalt der Liquidität darf aber nicht dauerhaft zulasten der Wirtschaftlichkeit gehen, erst recht nicht bei sich häufenden Schadjahren.  

Welche Möglichkeiten haben Rindermäster gegen Futtermangel? 

Die Bandbreite an Maßnahmen, die Rindermästern zur Verfügung steht, ist deutlich geringer als bei Milcherzeugern. So wird ein leichter Futtermangel zunächst häufig durch höhere Kraftfuttergaben ersetzt. Wenn möglich und verfügbar, kommt auch ein Silomaiszukauf oder der Einsatz von Nebenprodukten zum Tragen. Beides geht natürlich deutlich zulasten der Rentabilität. 

Bei einer zweiten schlechten Maisernte wird sich die Situation allerdings dramatisch zuspitzen, da auch hier die Reserven bereits im Vorjahr aufgebraucht wurden. Gerade dort, wo Flächen knapp und teuer sind, wird man auch über eine Bestandsverringerung nachdenken müssen. Die derzeitigen Preise für Rindfleisch tragen ihren Teil dazu bei. 

Fazit

Die zweite Dürre in Folge trifft die Futterbaubetriebe hart. Bevor Maßnahmen getroffen werden, müssen diese kalkuliert und verglichen werden. Dabei geht es darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten und liquide zu bleiben. Die aktuelle Situation am Milch- und Rindfleischmarkt ist dabei alles andere als hilfreich. Eine Kombination verschiedener Maßnahmen ist in der Praxis am wahrscheinlichsten.

Josef Assheuer, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen 

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