Zu viel Macht im Handel

07.10.2014

© Sabine Rübensaat

Der Preis für die schöne Vielfalt an der Ladentheke ist langfristig höher als oft gedacht.

Die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel ist bedenklich, und es besteht die Gefahr, dass sich die Verhältnisse weiter verschlechtern. Zu diesem Ergebnis kommt das Bundeskartellamt in seiner Sektoruntersuchung „Nachfragemacht im Lebensmitteleinzelhandel“, die es am 24. September in Bonn vorgelegt hat.

 

Vier Hauptakteure

Laut der Studie decken die Unternehmen Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland rund 85 % des Marktes in Deutschland ab. „Einer weiteren Verschlechterung der Wettbewerbsverhältnisse müssen wir konsequent entgegenwirken“, sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Bereits jetzt hätten die großen Handelskonzerne einen gravierenden Vorsprung gegenüber mittelständischen Konkurrenten und genössen strukturelle Vorteile in den Verhandlungen mit den Herstellern. Der Verhandlungsmacht der Händler könnten im Einzelfall auch große Hersteller mit bekannten Marken ausgesetzt sein.
Über drei Jahre hatte das Bundeskartellamt nach eigenen Angaben die Marktstrukturen im Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland untersucht und sich insbesondere mit den Verhandlungssituationen zwischen Lebensmitteleinzelhändlern und Markenherstellern befasst. Mehr als 200 Hersteller und 21 Handelsunternehmen seien zunächst eingehend befragt, ihre Angaben in einem aufwendigen Prozess ausgewertet worden. Im Anschluss daran sei eine ökonometrische Analyse von rund 3 000 Verhandlungen anhand einer repräsentativen Stichprobe von 250 Markenartikeln erfolgt. Dabei wurden den Bonner Wettbewerbshütern zufolge rund 65 000 Datensätze mit diversen Einzelangaben verarbeitet.

 

Gefahr im Anmarsch

Aus Kartellamtssicht belegen die Ergebnisse der Sektoruntersuchung, dass die heute bereits hoch konzentrierte Marktstruktur auf den Lebensmitteleinzelhandelsmärkten Gefahr laufe, sich weiter zu verschlechtern. Zudem zeige sich, dass Strukturvorteile der großen Händler in den Verhandlungen genutzt werden. Die Behörde zieht daraus die Schlussfolgerung, dass sie ihre bisherige strenge Linie in der Fallpraxis konsequent fortsetzen muss.
Der Studie zufolge weist Edeka im Verhältnis zu den jeweiligen nächsten Wettbewerbern eine etwa doppelt so hohe Gesamtverkaufsfläche und eine doppelt so hohe Standortdichte auf. Das Unternehmen ist gemessen an Umsatz, Beschaffungsanteilen, Verkaufsfläche und Standortzahl der bei weitem führende Anbieter in Deutschland.

 

Druck auf Lieferanten

Die Marktmacht der vier Großen kommt laut Kartellamt sowohl gegenüber ihren Wettbewerbern als auch gegenüber ihren Lieferanten zum Ausdruck. Die Einkaufskooperationen der „neuen Generation“ verbessern nach Einschätzung der Behörde die Verhandlungsposition der führenden Handelsunternehmen beträchtlich. Die Wettbewerbshüter fanden auch Hinweise, dass die in Kooperationen von Marktführern mit kleineren Partnern erzielten Konditionen nicht immer vollständig an die kleineren Unternehmen weitergegeben werden.
Nach Darstellung des Bundeskartellamts nutzen die führenden Lebensmitteleinzelhändler ihre strukturellen Vorteile in den Verhandlungen mit Markenherstellern. Dies verstärke die Verhandlungsmacht der Händler gegenüber den Herstellern und biete einen erheblichen Vorteil gegenüber den kleineren Wettbewerbern des Lebensmitteleinzelhandels. Zwar könne auch auf Herstellerseite Verhandlungsmacht gegenüber großen Handelsunternehmen bestehen, wenn es um Produkte mit einer besonderen Markenstärke gehe. Keine Belege fanden die Beamten für die Behauptung, dass oft auch kleine Nachfrager bessere Konditionen erhalten als die Mitglieder der Spitzengruppe. Demgegenüber habe die empirische Untersuchung bestätigt, dass sich hohe Ab­nahmemengen bei der Aushandlung von Konditionen zwischen Handel und Industrie vorteilhaft für die Handelsseite auswirkten.

 

Marken extrem wichtig

Zu Buche schlägt dem Kartellamt zufolge auch die zunehmende Bedeutung von Handelsmarken. Das Angebot einer eigenen Handelsmarke durch einen Händler führe tendenziell zu einer Verbesserung seiner Verhandlungsposition.
Das Bundeskartellamt kündigte an, jeder Erwerb eines Lebensmitteleinzelhändlers durch eines der großen Handelsunternehmen, der nicht nur vereinzelte Standorte betreffe, werde eine vertiefte Prüfung des geplanten Zusammenschlusses nach sich ziehen. Ferner sollen die vier Großen künftig der besonderen Verhaltenskontrolle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) unterliegen.

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