Zaghafte Fortschritte auf dem Milchmarkt

20.09.2017

© Sabine Rübensaat

Die Weiterentwicklung der Milchmarktstrukturen ist ein dringendes Erfordernis der Zeit.

Vor allem auf die Wertschöpfung in der Vermarktung kommt es an. Das war die tragende These von Karsten Schmal, Milchpräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), auf der der „Milchwirtschaftlichen Kundgebung“ Anfang September in Rendsburg. Zum Beweis führt Schmal an, dass die bayerischen Privatmolkereien besser durch die Milchkrise gekommen seien als ihre Wettbewerber. Wichtig sei auch, dass die Molkereien wissen, wieviel Milch sie erhalten. Erzeuger könnten nicht einfach „ihren Stall spiegeln“ und dann erwarten, dass die Genossenschaft mit der doppelten Milchmenge etwas anfängt. Zusammenlegungen von Molkereien könnten die Leistungsfähigkeit stärken, seien aber kein Allheilmittel. „Wenn zwei Blinde fusionieren, wird kein Sehender daraus“, so Schmal.  


Bei der Frage der Molkereigröße setzte der Geschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Dr. Thomas Memmert, an: Zusammenschlüsse machen dann Sinn, wenn sie gut umgesetzt werden und das Produktportfolio passt. Die Andienungspflicht und die Abnahmegarantie dürften jedoch nicht komplett zur Diskussion stehen. „Wir brauchen keine Revolution bei den Milchlieferbeziehungen, sondern eine Evolution“, betonte Memmert. Man dürfe den Einfluss der Lieferbeziehungen auf den Preis nicht überschätzen, und kürzere Kündigungsfristen könnten Unsicherheiten schaffen. Zu befürworten sei dagegen die Preisabsicherung an Warenterminbörsen. Derlei Aktivitäten seien besser als politisch motivierte Eingriffe ins Geschehen, so der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz: „Der Markt bestimmt die Preise – sowohl die schlechten als auch die guten.“ Das Ziel einer Modernisierung der Lieferbeziehungen müssten verlässlichere Auszahlungspreise sein, die weniger risikoanfällig sind als bisher, ohne dass zu stark von außen in den Markt eingegriffen wird.



Konträr zu Memmert zeigte sich der Vorsitzende des MEG Milch Board, Peter Guhl. Die Vorteile einer vertragsgebundenen Produktion mit festen Liefermengen und Preisen lägen auf der Hand, und schuldrechtliche Verträge hätten bessere Auszahlungspreise zur Folge. „Eine Molkereiquote wie in Frankreich wollen wir zwar nicht, aber ein Deckel ist gut“, so Guhl. Kritisch sieht er Bestrebungen, mit mehr Markenprodukten zu höheren Preisen zu gelangen, denn das verursache zunächst hohe Investitionskosten. Dem widersprach Joachim Burgemeister vom Genossenschaftsverband in Rendsburg: Schuldrechtliche Verträge erhöhten das Milchpreisniveau im Mittel nicht, sondern böten allenfalls für Großbetriebe Vorteile. Zudem glaube er auch nicht, dass die Landwirte Interesse daran hätten, sich im Rahmen dieser Verträge von ihren Molkereien Änderungen oder die komplette Kündigung ihrer Liefermenge vorschreiben zu lassen. Chancen sieht Burgemeister im Export auf den Weltmarkt, denn die Märkte in Deutschland und Europa seien übersättigt.

Nachdenklich stimmte der Vortrag von Dr. Felix Engelsing, Vorsitzender der Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes. Er monierte, dass die Molkereiwechselquote der Erzeuger mit 1 % im Jahr 2015 „sehr niedrig“ gewesen sei. Zu begrüßen sei deshalb die auf ein Jahr verkürzte Kündigungsfrist des Deutschen Milchkontors (DMK). „Wenn die Handlungsfreiheit der Erzeuger erhöht wird, erhöht das auch den Wettbewerb“, erklärte Engelsing.



Einen wertvollen Diskussionsbeitrag zur Fortentwicklung der Milchwirtschaft leistete auch das Forum „Der Markt von morgen - Wer macht die Regeln?“ Anfang September in Werl. Geladen hatten die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen. Deren Vorsitzender Hans Stöcker wies vor rund 120 Teilnehmern auf die Chancen hin, die derzeit durch die hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit für den Milchsektor entstehen. Er forderte deshalb die Branchenvertreter auf, sich am „runden Tisch“ den Fragen zu stellen und den Dialog stärker mitzugestalten. Dass es dabei durch die weltweite Marktintegration enge Rahmensetzungen gibt, verdeutlichte der Geschäftsführer von Arla Foods Deutschland, Winfried Meier. Er hob hervor, dass der Milchmarkt immer globaler werde  und daher überregionale Ungleichgewichte auch den Milchpreis in Deutschland spürbar beeinflussen. Für den Markt von morgen empfahl er faire und nachhaltige Regeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette.



Diese zu entwickeln könne jedoch nicht nur Sache des Handels sein, so der Vorstandsvorsitzende der Hochwald Milch eG, Peter Manderfeld. Er zeigte sich davon überzeugt, dass auch von Erzeugerseite massive Beiträge kommen müssen: „Wenn wir Landwirte in Zukunft den Milchmarkt aktiv mitgestalten wollen, brauchen wir starke Genossenschaften, die in unserem Interesse die Regeln für den Milchmarkt der Zukunft schaffen.“ Gelinge dies nicht, bedeute das einen massiven Verlust an Einflussnahme für die Milchviehhalter, warnte Manderfeld. Dem nur beipflichten konnte Dr. Uli Barth vom Bundeskartellamt. „Die Marktteilnehmer am Milchmarkt haben die Möglichkeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Regeln zu bestimmen“, erläuterte der Wettbewerbshüter. Allerdings nutzten sie ihre Möglichkeiten bislang nur unzureichend. Das Kartellamt untersuche deshalb, ob die Milchlieferverträge zwischen Erzeugern und Molkereien mit einer Alleinbelieferungspflicht und langen Kündigungsfristen den Wettbewerb beeinträchtigen.



Marktforscher Enrico Krien von der Agentur Nielsen sieht die Molkereien im Bereich der „Weißen Linie“ vor großen Herausforderungen. Die Deutschen konsumierten weniger – vor allem Milch, Fruchtjoghurt und die Dessertsparte seien deutlich unter Druck. Um die Nachfrage anzukurbeln, werde fleißig an der Aktionsschraube mit Niedrigpreisen gedreht. Dadurch entstehe jedoch kein Mehrwert. Dieser lasse sich nur durch spezielle Ausprägungen oder höherpreisige Trendsegmente wie beispielsweise Bio, Laktosefreiheit oder Proteinprodukte generieren. Auf die Einbindung der Milchmarktentwicklung in die allgemeinen Branchentrends machte der Staatssekretär im Düsseldorfer Landwirtschaftsministerium, Dr. Heinrich Bottermann, aufmerksam. Er unterstrich die Notwendigkeit, die Tierhaltung faktenbasiert, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und im Dialog mit den Tierhaltern für die Zukunft auszurichten. Dabei seien die Milcherzeuger vergleichsweise bereits auf einem guten Weg.

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