Tierwohlsymposium: Großer Bahnhof

08.01.2015

© Agrardigital

Minister Schmidt hatte sich für die Bonner Tagung klare Botschaften zurechtgelegt. Ob er die Botschaften des Berufsstandes gehört hat, wird sich zeigen.

Vielversprechende Ergebnisse weisen aktuelle Forschungsprojekte zur Weiterentwicklung des Tierschutzes in der Nutztierhaltung auf, die derzeit vom Bundeslandwirtschaftsministerium unter Koordination der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft (BLE) gefördert werden. Wie Bundeslandwirtschaftsminister Christian  Schmidt auf einem Symposium der BLE zum Thema „Forschung für mehr Tierwohl“ in Bonn mitteilte, ist die Geschlechtsbestimmung im Ei zur Vermeidung der Tötung männlicher Küken bereits auf dem Weg zur Praxisreife. Geforscht werde auch an der Reduzierung des Schwanzbeißens bei Schweinen und der Minimierung des Federpickens und des Kannibalismus bei Legehennen. Ein weiteres Projekt verfolgt laut Schmidt die Zucht von hornlosen Milch- sowie Zweinutzungsrindern.

Forschung auf dem richtigen Weg

Schmidt wies darauf hin, dass er beim Start seiner Tierwohlinitiative bewusst auch an die „Haltung der Gesellschaft“ appelliert habe. Die Tierproduktion müsse sowohl ökonomisch tragfähig als auch gesellschaftlich akzeptiert sein. Das gehe nur, wenn auf der Basis gesicherter Forschungsergebnisse weiter innovative Lösungsansätze angeboten würden. Hier sei die Forschung gefragt, praktikable Wege aufzuzeigen. Nach den Worten des Ministers wäre letztlich niemandem geholfen, wenn die heimische Produktion durch Fleisch mit niedrigen Tierschutzstandards aus dem Ausland verdrängt würde. Deshalb sei die Politik auf solide wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen. Laut Schmidt sieht der Etat für das Jahr 2015 Mittel im Bereich des Tierschutzes von mehr als 33 Mio. € vor. Seit 2010 habe sein Ressort allein über Projektmittel rund 142 Mio. € für die Forschung im Bereich der Tierhaltung und des Tierschutzes bereitgestellt.

Akzeptanz heißt das große Ziel

Nach Ansicht von BLE-Präsident Dr. Hanns-Christoph Eiden sollten innovative Forschungsprojekte auch dazu beitragen, dass die Nutztierhaltung in der Gesellschaft wieder eine größere Akzeptanz erfährt. „Die Themen Tierwohl und Tierhaltung sind fester Bestandteil unserer täglichen Arbeit. Dabei ist es unsere Aufgabe, die Art und Weise der Produktion tierischer Lebensmittel am Tierwohl auszurichten“, so Eiden. Deshalb sei es eine Aufgabe der Politik, die Landwirte und die Verarbeitungsbetriebe dabei zu unterstützen, das Tierwohl bei der Produktion tierischer Lebensmittel zu achten. Der BLE-Präsident erinnerte daran, dass der Tierschutz und das Tierwohl Themenbereiche seien, die nicht an Ländergrenzen Halt machten. Deshalb müsse der gesamteuropäische Kontext gesehen werden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium und sein Haus hätten daher in diesem Jahr gemeinsam eine führende Rolle in der Arbeitsgruppe für nachhaltige Tierproduktion des ständigen Beratungsausschusses für Agrarforschung der EU übernommen. Deren Hauptziel sei es, einen ganzheitlichen Forschungsansatz für eine nachhaltige Tierproduktion in Europa zu formulieren.

Landwirtschaft gestaltet mit

Der Vorsitzende vom Fachausschuss Schweinefleisch des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Johannes Röring, hob hervor, dass die Landwirtschaft bereit sei, zur Verbesserung des Tierwohls Veränderungen anzustoßen; allerdings seien die Verbraucher und der Lebensmittel-einzelhandel dabei ebenso gefordert. Röring erhob den Vorwurf, dass sich die Verbraucher in den letzten Jahren gar nicht um das Thema Tierwohl gekümmert hätten; vielmehr hätten sie von den günstigen Fleischpreisen profitiert. Nun sei dies alles falsch. Sollten Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls ins Auge gefasst werden, müsse dies immer zusammen mit den Tierhaltern geschehen; auch das „Wohl des Tierhalters“ dürfe nicht vergessen werden. Röring verwies in dem Zusammenhang auf die Brancheninitiative Tierwohl, die im Dezember Teilnahmebedingungen und Kriterien veröffentlicht hat. Röring warnte davor, die Tierhalter mit Ordnungsrecht zu überziehen, denn man würde ihnen den Mehrwert für die Initiative nehmen.  

Den Forschern auf die Finger schauen

Nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder, ist es bei allen Forschungsvorhaben wichtig, dass sie einen Praxisbezug aufweisen, um die Ergebnisse möglichst schnell und sinnvoll nutzbar zu machen. Schröder appellierte an den Gesetzgeber, bei klaren Fristsetzungen für Veränderungen zur Verbesserung des Tierschutzes zu bleiben. Auf der anderen Seite sollte die Wirtschaft diese Fristen ernst nehmen und sie nicht als Frist sehen, „bis zu der man erst mal nichts tun muss“. Schröder sieht weiterhin Forschungsbedarf zur Fortentwicklung des Tierschutzes. Nach Schröders Worten sollte die herkömmliche Nutztierhaltung im Grunde komplett durch tiergerechte Haltungen ersetzt werden, um auch in der Breite mehr Tierschutz zu erfüllen und dem Tier mehr Wohlbefinden zu ermöglichen. Allerdings seien die Haltungssysteme teilweise so intensiviert worden, dass es schwierig sei, sie in Richtung Tierschutz fortzuentwickeln.

Der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF), Paul Brand, gab zu bedenken, dass Veränderungen zur Verbesserung des Tierwohls „nicht von heute auf morgen“ kämen. Es müsse daher definierte Zeitpunkte geben. Wichtig sei es, Forschungserkenntnisse schnell in die Praxis umzusetzen. Einen großen Forschungsbedarf sieht Brand bei der Messung des Tierwohls. Notwendig seien klare und objektive Merkmale, die im Schlachtbetrieb erhoben werden könnten. Anhand wissenschaftlicher Aussagen sollte es dann möglich sein, Rückschlüsse auf das vorherige Wohlbefinden der Tiere und den dafür Verantwortlichen zu ziehen.

Kein Interesse an Detailwissen

Vonseiten der Wissenschaft sprach sich Prof. Harald Grethe von der Universität Hohenheim dafür aus, nationale Strategien zur Verbesserung des Tierwohls im Rahmen einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung bei einem weitgehenden Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Fleischbranche zu entwickeln, und zwar unter Einbindung aller Akteure. Neben freiwilligen Verbesserungen des Tierwohls sollte es vor allem Maßnahmen „in der Fläche“ geben, da sich beispielsweise das „Mensch-Tier-Verhältnis“ im Zeitverlauf ändere. Zu erreichen sei dies über „freiwillige“ Verbesserungen wie die Initiative Tierwohl, die Schaffung von Tierschutzlabels und eine massive Aufstockung von Tierwohlmaßnahmen in der Zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Prof. Jörg Luy von der INSTET GmbH konstatierte, dass der größte Teil der Bevölkerung gar kein Interesse an einem Detailwissen über die Landwirtschaft habe; der Verbraucher wolle dem Landwirt vertrauen, sich aber nicht mit Einzelheiten auseinandersetzen.

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