Strategien für volatile Märkte

29.01.2015

© Fritz Fleege

Die Molkereien sind auch in Zukunft auf verlässliche Milcherzeuger angewiesen. Doch welchen Preis sie zahlen werden, hängt stark von Angebot und Nachfrage auf dem heimischen und dem Weltmarkt ab.

Wachsende Preisrisiken und insgesamt volatilere Milchmärkte erfordern nach dem Ende der Milchquote neue Strategien in der Vermarktung und bei der Preisabsicherung. Das war das Fazit eines Fachpodiums, das die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) im Rahmen ihrer Wintertagung in Berlin veranstaltet hat. Zu diesem Thema legten vier Referenten ihre Meinung dar.

Laut Prof. Holger Thiele von der Fachhochschule Kiel dürften die bereits in der Vergangenheit gestiegenen Preisunsicherheiten nach dem Quotenende weiter zunehmen und insbesondere im Verlauf dieses Jahres sehr ausgeprägt sein. Obwohl Thiele längerfristig durchaus mit einem günstigen Angebots- und Nachfrageverhältnis am Weltmarkt rechnet, sieht er deshalb grundsätzlich steigenden Bedarf für intelligente Preissicherungsinstrumente. Ähnlich wie bei anderen Agrar­rohstoffen wird dazu nach seiner Ansicht in Zukunft der Umgang mit Milchtermingeschäften gehören.

Die gleiche Meinung vertrat Johann Kalverkamp von der VR Beratung in Lingen, der in diesem Zusammenhang allerdings davor warnte, die Terminmärkte als „Werkzeug zur Preismaximierung“ zu sehen.

Johannes Thomsen von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein prognostizierte in Berlin einen weiteren Strukturwandel bei den norddeutschen Milchbauern. Im Gegenzug werden ihm zufolge die Betriebsgröße und die gesamte Milcherzeugung in Schleswig-Holstein steigen, wobei er allerdings aufgrund der limitierten natürlichen Ressourcen kein unbegrenztes Wachstum erwartet.

Dr. Gerhard Dorfner von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) sieht auch in Zukunft noch Marktchancen für kleinere Milcherzeuger. Voraussetzung dafür sei jedoch eine stärkere Kooperation der Betriebe untereinander, um so die Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

Langfristige Trends sind intakt

Nach Prof. Thieles Angaben dauert der Preisabschwung am Milchmarkt bereits seit Herbst 2013 an und ist damit schon jetzt ausgeprägter als die letzte Milchmarktkrise im Jahr 2012. Momentan ist laut seiner Einschätzung unklar, wie sich die Milchmengen und -preise nach dem Wegfall der Milchquote entwickeln werden. Bis Ende März könnten die Anlieferungsmengen sogar unter den geplanten Mengen liegen, und ab April wäre mit einem deutlichen Kick zu rechnen. Dennoch geht er zumindest für die ersten Monate des Jahres von einem anhaltenden Preisdruck aus. Perspektivisch sind dem Milchmarktexperten zufolge jedoch die Mega-trends intakt: So sei in den nächsten zehn Jahren zwar mit einem weiteren Angebotswachstum zu rechnen; insbesondere auf den Märkten außerhalb Europas werde aber die Nachfrage voraussichtlich noch schneller wachsen. Da die Volatilität der Märkte voraussichtlich ebenfalls steigen werde, sollten die Marktakteure die Möglichkeiten für neue Kontraktvarianten unter Berücksichtigung von Preisstabilisierungselementen prüfen, so der Fachmann. Darüber hinaus empfiehlt er, zukünftig politische Instrumente für die Krisensituationen im Milchmarkt kritisch auf ihre Eignung zu überprüfen.


Der Warenterminhandel mit Milchprodukten kann nach den Worten des Agrarberaters Kalverkamp für Milcherzeuger ein interessantes Instrument zur Risikosteuerung sein. Wie der Berater auf der DLG-Wintertagung erklärte, könnten die Phasen hoher Milchpreise dazu genutzt werden, sich dieses Niveau möglichst weit für die kommenden Liefermonate zu sichern, um so Zeiten mit niedrigen Milchpreisen, die teilweise keine Kostendeckung mehr ermöglichten, zu überbrücken. Wer dies beispielsweise konsequent seit Ende letzten Jahres umgesetzt habe, profitiere noch heute von einem Ausgleich für das geringere Milchgeld über die Börse, erläuterte der Agrarberater. Die Kosten für die Absicherung seien dabei moderat und sollten als Investition in das betriebliche Risikomanagement gesehen werden. Oberstes Gebot dabei sei jedoch, die zu Beginn geplante Absicherungsstrategie bis zum Ende durchzuziehen und sich dabei nicht von Emotionen zu Fehlentscheidungen drängen zu lassen, betonte Kalverkamp.

Lage bleibt weiter angespannt

In Anbetracht des anhaltenden Strukturwandels geht Thomsen davon aus, dass von den heute gut 4 000 in Schleswig-Holstein wirtschaftenden Milchproduzenten in zehn Jahren nur noch 2 900 Unternehmen aktiv sein und etwa 3,7 Mio. t Milch erzeugen werden. Das Wachstum der Milchviehbetriebe sei künftig nicht mehr allein mit Familienangehörigen zu bewältigen. Die Arbeitsorganisation müsse daher besser auf die Einbindung von Fremdarbeitskräften ausgerichtet werden. Ohne Aufgabenzuweisung sowie Tages- und Wochenpläne werde der der Betrieb großer Milchviehbestände nicht funktionieren.

Die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion wird nach Thomsens Einschätzung wegen der volatileren Märkte und steigender Produktionskosten auch in den kommenden Jahren insgesamt angespannt bleiben. Selbst den Durchschnittsbetrieben werde es schwer fallen, die volle Entlohnung der Faktorkosten zu erreichen. Die Auswertungen der Beratungsorganisationen und der landwirtschaftlichen Buchführung der wirtschaftlich erfolgreichen und größeren Betriebe in Schleswig-Holstein zeigten aber auch, dass es genügend Unternehmen gebe, die wirtschaftlich gute Ergebnisse erzielten, betonte der Fachmann. Diese Betriebe werden nach seiner Erwartung ihre Potenziale im Rahmen der in Norddeutschland verfügbaren natürlichen Ressourcen nutzen und auch in der Zukunft die Milch effizient produzieren. Dabei werde eine hohe Flächen- und Arbeitsproduktivität bei niedrigen Kosten eine wichtige Voraussetzung sein, erklärte Thomsen.

Zusammenarbeit intensivieren

Für die Milcherzeugerländer mit kleineren Milchviehbetrieben wie Bayern oder Baden-Württemberg sieht Dr. Dorfner in der intensiveren Zusammenarbeit mit arbeitsteiligen Systemen die Möglichkeit, Effizienzgewinne und eine Steigerung der Lebensqualität zu erreichen. Ihm zufolge könnten sich dadurch auch Chancen zur oft notwendigen Einkommenskombination eröffnen. Auf die größeren Betriebe in Süddeutschland wartet laut Dorfner mit der Weiterentwicklung des Familienbetriebes zum erweiterten Familienbetrieb mit angestellten Mitarbeitern eine große arbeitswirtschaftliche Herausforderung. Diese hält er allerdings als Voraussetzung für langfristig lebensfähige Milcherzeuger. Das Ende der Milchquote begrüßt er zwar, doch sieht er damit nicht das Ende der Schranken.

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