Scharfer Tobak

01.04.2015

© Sabine Rübensaat

Ferkelaufzucht

In ihrem mehr als 400 Seiten starken Papier „Wege zu einer akzeptierten Nutztierhaltung“, das der Beiratsvorsitzende Prof. Dr. Harald Grethe dem Parlamentarischen

In ihrem mehr als 400 Seiten starken Papier „Wege zu einer akzeptierten Nutztierhaltung“, das der Beiratsvorsitzende Prof. Dr. Harald Grethe dem Parlamentarischen Staatssekretär vom Bundeslandwirtschaftsministerium, Peter Bleser, übergeben hat, bezeichnen die Wissenschaftler die derzeitigen Haltungsbedingungen als nicht zukunftsfähig und leiten daraus die Notwendigkeit eines grundlegenden Umbaus der Tierhaltung in Deutschland ab. Sie begründen dies mit fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz und einem hohen Risiko für Tierleid in gängigen Haltungssystemen. Dem Beirat gehe es nicht um einseitige Schuldzuweisungen. Stattdessen wolle man zeigen, wie eine Neuausrichtung der Tierhaltung gelingen kann. 

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Leitlinien

Der Beirat schlägt in seinem Gutachten im Ergebnis dreijähriger Arbeit neun Leitlinien für die Entwicklung einer „Tierhaltung 2030“ vor. Wie der Göttinger Agrarökonom Prof. Achim Spiller als federführender Autor  sagte, beruhen diese auf einer Kombination aus wissenschaftlichen Vorschlägen und Werturteilen der Bevölkerung. Konkret will der Beirat allen Nutztieren Zugang zu verschiedenen Klimazonen bzw. Außenklima verschaffen. Den Tieren sollen unterschiedliche Funktionsbereiche mit verschiedenen Bodenbelägen angeboten werden. Zur artgemäßen Beschäftigung, Nahrungsaufnahme und Körperpflege sollen ihnen geeignete Einrichtungen, Stoffe und Reize zur Verfügung stehen. Ferner schreiben die Leitlinien ausreichend Platz sowie den Verzicht auf Amputationen vor. Die Betriebe sollen zu Eigenkontrollen anhand tierbezogener Tierwohlindikatoren verpflichtet werden. Der Arzneimitteleinsatz soll deutlich reduziert, der Bildungs-, Kenntnis- und Motivationsstand der in der Tierhaltung beschäftigten Personen verbessert werden. Schließlich sehen die Leitlinien eine stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale wie Tiergesundheit und Robustheit in der Zucht vor. Laut Spiller ist die Umsetzung der Maßnahmen mit unterschiedlichen Kosten verbunden. Der Beirat veranschlage sie auf 13 bis 23 % der jährlichen Produktionskosten. Dies entspricht einer Summe von drei bis fünf Milliarden Euro. Aufgebracht werden sollen diese Mittel von Staat, Konsumenten und Wirtschaft. Keinesfalls dürften sie mit den zu erwartenden Kosten allein gelassen werden, warnte der Hohenheimer Agrarökonom. Andernfalls würden Teile der hiesigen Produktion in Länder mit geringen Tierschutzstandards abwandern.

 

Grethe betonte, das Gutachten solle einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion liefern. Als Beispiel nannte er die aus seiner Sicht unzulässige Verengung der Tierwohldiskussion auf die Betriebsgröße. Es sei unstreitig, dass die Betriebsgröße gegenüber anderen Einflussfaktoren nur einen geringen Einfluss auf das Tierwohl habe. Allerdings hält der Beirat regionale Bestandsobergrenzen für unausweichlich, sollte es nicht gelingen, über eine Verschärfung des Düngerechts die negativen Umwelteffekte in viehdichten Gebieten in den Griff zu bekommen.

 

Erhebliche Schwächen

In der Wirtschaft stieß das Beiratsgutachten auf Kritik. Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Bernhard Krüsken, sprach von erheblichen Schwächen in der Analyse, den methodischen Grundlagen und den Bewertungen. In einer Diskussion mit den Autoren bezeichnete Krüsken die in dem Papier vorgebrachte Kritik an den gegenwärtigen Haltungsbedingungen und die Forderung nach einer 180-Grad-Wende in der Tierhaltung als unbegründet.

 

Die Hauptgeschäftsführerin vom Verband der Fleischwirtschaft (VdF), Dr. Heike Harstick, hielt dem Beirat vor, er habe keine neutrale wissenschaftliche Analyse vorgelegt, sondern sich von Werturteilen leiten lassen. Ein Referenzsystem, das die Defizite in der Nutztierhaltung beweise, könne sie nicht erkennen.

 

Demgegenüber begrüßte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, die Aussagen des Beirats. Andere Verbände aus dem Agrar- und Umweltbereich reagierten ebenfalls positiv. Bei SPD, Linken und Grünen fand das Gutachten Zustimmung. Auch die Union reagierte po­sitiv, bemängelte aber eine unzureichende Würdigung der ­bereits ergriffenen Maßnahmen.

 

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