„Konzernatlas“ der Agrarwirtschaft

24.01.2017

Konzernatlas © Heinrich-Böll-Stiftung

Vor einer „beispiellosen Fusionswelle in der Agrar- und Ernährungsindustrie“ haben verschiedene Umwelt- und Hilfsorganisationen sowie Stiftungen gewarnt. In einem veröffentlichten „Konzernatlas“ weisen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Oxfam Deutschland und Germanwatch zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Le Monde Diplomatique darauf hin, dass die laufenden Konzentrationsprozesse im Agrarsektor die im Jahr 2015 beschlossenen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen gefährden.


Laut „Konzernatlas“ fanden fünf der zwölf größten Übernahmen börsennotierter Konzerne 2015 und 2016 im Agrar- und Ernährungsbereich statt. Der Börsenwert der Fusionen im Agrarsektor habe vielfach den in anderen großen Branchen übertroffen. So sei 2015 der Wert der Fusionen von Unternehmen in der Agrar- und Lebensmittelindustrie mit 347 Mrd. $ (330 Mrd. €) fünf Mal höher als die Vergleichswerte im Pharma- oder im Ölsektor gewesen. Inzwischen kontrollierten vier Großkonzerne 70 % des Welthandels mit Agrarrohstoffen, und nur drei Firmen dominierten 50 % des Weltmarktes für Landtechnik, heißt es in der Publikation. In Deutschland deckten vier Supermarktketten 85 % des Lebensmitteleinzelhandels ab. Fänden die derzeit geplanten Mega-Fusionen statt, würden nur drei Konzerne mehr als 60 % des globalen Marktes für Saatgut und für Pflanzenschutzmittel beherrschen. Damit beziehen sich die Autoren auf die geplante Fusion von DuPont und Dow Chemical, den Kauf von Syngenta durch ChemChina sowie die Übernahme von Monsanto durch Bayer. Diese Unternehmen böten fast alle gentechnisch veränderten Pflanzen des Planeten an. Auch die meisten Anmeldungen von Pflanzen beim Europäischen Patentamt (EPA) entfielen auf sie.


Nach Einschätzung des Hauptgeschäftsführers der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Christoph Minhoff, gibt der „Konzernatlas“ allerdings keine tatsächliche Übersicht über den globalen Lebensmittelmarkt. Während 65 % der europäischen Lebensmittelhersteller mit dem größten Anteil am globalen Umsatz in dem Bericht gar nicht auftauchten, werde sogar Autoherstellern oder Softwareunternehmen eine Einflussnahme auf das Lebensmittelangebot angedichtet, kritisierte Minhoff. Die wachsende Weltnachfrage nach einer zuverlässigen, zugänglichen und sicheren Lebensmittelversorgung sei für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine Herausforderung. Der Ernährungswohlstand in Deutschland sei nicht selbstverständlich und überhaupt erst durch die industrielle Lebensmittelproduktion möglich geworden, so Minhoff. Dabei präge die deutsche Ernährungsindustrie nicht nur ein harter Wettbewerb, sondern auch eine beispielhafte mittelständische Unternehmensstruktur. Minhoff forderte eine „faktenbasierte und lösungsorientierte Diskussion“ über die moderne Lebensmittelproduktion, die die gesamtgesellschaftlichen Interessen über Einzelinteressen stellt.

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