Kongress Farm & Food 4.0 zur Digitalisierung der Land- und Lebensmittelwirtschaft

30.01.2019

Podiumsdiskussion - Digital Agriculture, Hype vs. Reality. Sechs Vertreter diskutieren.

Diskussionsrunde © Klaus Meyer

(v. l.) mit Georg Mayerhofer, Jonathan Bernwieser, Dr. Andreas Möller, Maximilian von Löbbecke, Dr. Martin Kunisch und Michael Horsch.

Mehrwert im Auge behalten

Die Digitalisierung vom Acker bis zum Teller war das Thema des Berliner Kongresses Farm & Food 4.0. Die Themen reichten von Hybridlandwirtschaft bis In-Vitro-Fleisch.

»Zur Webseite: https://www.farm-and-food.com/

Am 21. Januar hat der Kongress Farm & Food 4.0 2019 der Grünen Woche auf dem Messegelände etwas Konkurrenz gemacht, indem er über 400 Fachbesucher in das Berlin Congress Center nahe des Alexanderplatzes in Berlin lockte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Andreas Möller, Autor des Buches „Zwischen Büllerbü und Tierfabrik“, und Kommunikationschef des Maschinenbauers Trumpf.

Passend zum Titel des Kongresses stellte Michael Horsch, Geschäftsführer des gleichnamigen Landmaschinenherstellers, die Ernährung in den Mittelpunkt seines Grußwortes. Seiner Meinung nach sind wir auf dem Holzweg, da wir zwar älter werden, aber nicht gesünder. Das liege vor allem an unseren Ernährungsgewohnheiten. Wir würden zu viel Fleisch, Milch und Zucker essen. Eine mehr pflanzliche Ernährung würde in der Landwirtschaft zu vielfältigeren und nachhaltigeren Fruchtfolgen führen und gleichzeitig das Ernährungsproblem auf der Welt lösen.

Unter der Überschrift „Digital Agriculture – Hype versus Reality“ diskutierten Georg Mayerhofer, Landwirt des Jahres 2017, Maximilian von Löbbecke von 365FarmNet, Dr. Martin Kunisch vom KTBL,  Jonathan Bernwieser, Gründer und Geschäftsführer vom Start-up Agrando, und Michael Horsch über Nutzen, Probleme und Möglichkeiten der digitalen Landwirtschaft. 

Dem großen Hype der letzten Jahre scheint eine gewisse Ernüchterung bezüglich der Anwendung von Precision-Farming-Anwendungen in der Praxis zu folgen. Die einfachen Antworten, die jeder erwartet, gibt es bisher einfach nicht. Sogar von Löbbecke hat seinen 300-ha-Betrieb noch nicht auf digitale Technik umgestellt, weil er seinen Maschinenpark nicht kurzfristig ersetzen möchte. Sein Nachbar ist vor vier Jahren in die digitale Landwirtschaft eingestiegen und hat jetzt wieder damit aufgehört, da er weder Betriebsmittel eingespart, noch höhere Erträge eingefahren hat. Der Precision-Farming-Experte berichtete dabei auch von einer gewissen Ernüchterung in der AgTech-Branche, insbesondere in den USA, da die digitalen Anwendungen aus dem Silicon Valley von den Farmern nicht so angenommen werden wie gedacht. Für von Löbbecke steht die Effizienzsteigerung beim Precision Farming im Vordergrund. Praktisch bedeutet das für ihn, dass der Landwirt statt aktuell 70 % Büroarbeit im Alltag wieder 70 % seiner Zeit im Stall oder auf dem Acker verbringt und nur noch 30 % am Schreibtisch.

Laut Dr. Kunisch sollte die Digitalisierung nicht nur eine effektivere, kostengünstigere Landwirtschaft ermöglichen, sondern sie auch qualitativ besser und nachhaltiger machen, und das müsse honoriert werden. 

Landwirt Meyerhofer wünscht sich eine bessere Kompatibilität zwischen den verschiedenen Farmmanagement- und Agrarsoftware-Plattformen. 

Auch für Bernwieser bedeutet Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft, dass die Landwirte ihre Zeit besser nutzen und nicht in uneffektive Zettelwirtschaft stecken. Dazu gehört, dass die Entscheidungen mit den richtigen digitalen Informationen untermauert und dass sich wiederholende Prozesse automatisiert werden. Kompatible Schnittstellen sind sehr wichtig, um aufwendige Copy&Paste-Aktionen zu vermeiden. Das Problem in der Landwirtschaft sind seiner Meinung nach fehlende Standards.

Precision Farming auf dem Feld bringt nichts 

Horsch hob hervor, dass die Digitalisierung in der Tierproduktion sehr wohl sehr viel gebracht hat. Beim Feldbau stimmte er von Löbecke zu. Auf seinem Ackerbaubetrieb hat der Geschäftsführer schon vor 20 Jahren mit Precision Farming angefangen, zum Beispiel mit Ertragserfassung beim Dreschen und der digitalen Bodenbeprobung. Gebracht hat es seiner Meinung nach nichts und er erläuterte: „Wenn man die Ackerbaubetriebe europaweit analysiert, dann ist ein kausaler Zusammenhang gegeben: Je höher der Grad der Digitalisierung, desto niedriger ist der Reinertrag.“ Sinn macht Digitalisierung, also das Erfassen und Speichern von Daten seiner Meinung nach aber bei der Dokumentation bzw. der Transparenz und der 100-prozentigen Rückverfolgbarkeit der landwirtschaftlichen Produktion. Darin sieht er die Zukunft. 

Auf die Frage, wo Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung im Vergleich auch zu Amerika steht, antwortete von Löbbecke, dass die meisten Unternehmen, insbesondere Start-ups aktuell keinen Mehrwert generieren. 

Womit in Zukunft Mehrwert generiert werden könne bzw. welche Visionen es in diesem Bereich gebe, wollte eine Zuhörerin vom Podium wissen. Laut Horsch sind das Produkte, Geschäftsmodelle bzw. Anbauverfahren, mit denen sich der Landwirt abgrenzen kann und die vom Verbraucher nachgefragt werden wie zum Beispiel Ökolandbau oder regionale Erzeugung. In diesem Zusammenhang nannte er auch den neuen Begriff Hybridlandwirtschaft, eine Landwirtschaft, die die Vorteile der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft in sich kombiniert. Horsch dämpfte außerdem die Euphorie, dass mit Sensoren in Zukunft alle Probleme gelöst werden könnten. In der Unkrautbekämpfung wäre zum Beispiel denkbar, einzelne Disteln zu erkennen und gezielt zu bekämpfen, aber massenweises Auftreten von Ungräsern wird für die Technik in Zukunft weiterhin ein unlösbares Problem sein. Die Landwirte sollten besser durch ackerbauliche Maßnahmen, zum Beispiel angepasste Fruchtfolgen, insgesamt den Unkrautdruck verringern.

Mayerhofer nannte ebenfalls die Hybridlandwirtschaft als Lösungsweg, betonte aber auch die wachsende Bedeutung regionaler Produkte, da die Konkurrenz im Massenmarkt durch große Unternehmen in Osteuropa zunehmen wird. Die Betriebe sollten sich breit aufstellen und vielfältige Fruchtfolgen fahren.

Laut von Löbbecke können massentaugliche digitale Anwendungen so manches Problem lösen: „Wenn der Landwirt eine Applikationskarte zum Säen, Düngen oder für Pflanzenschutzanwendungen mit vier Klicks in 20 Sekunden erstellen kann, dann ist der Mehrwert da.“ 

Problem Schnittstellen und Kompatibilität 

Ein Landwirt aus dem Publikum brachte am Ende der Diskussion die Probleme auf den Punkt: „Das größte Problem in der Digitalisierung der Landwirtschaft sind die Schnittstellen. Wir haben zum Beispiel 16 Bundesländer und damit 16 verschiedene Systeme, um den Agrarantrag zu stellen. Das Regelwerk, nach dem die Landwirte Pflanzenschutzmittel ausbringen dürfen, ist nach wie vor nicht digitalisiert. Der Standard ISOBUS ist mittlerweile 20 Jahre alt, die meisten Maschinen werden immer noch ohne verkauft und neueste Maschinen aus den USA erfassen schon so viele Informationen pro Reihe, dass der ISOBUS sie nicht verarbeiten kann. 

Eine Beraterin hatte das Gefühl, dass die Diskussion die Landwirte links überholt. Ihre landwirtschaftlichen Kunden haben teilweise gar keinen Computer, sondern nur Stift und Zettel. Mit ihrer Wortmeldung wollte sie darauf hinweisen, dass auf der Tagung nur über die eine Landwirtschaft gesprochen wird, es aber eine ganz vielfältige Agrarlandschaft gebe.

» Bild rechts: Julia Klöckner hob hervor: „Die Digitalisierung kann uns helfen, Lebensmittel effizienter, ressourcenschonender und nachhaltiger zu produzieren.“

 

Da die Landwirtschaft international noch wesentlich vielfältiger ist, hat Bundesministerin Julia Klöckner in ihrer Rede vom erfolgreichen Beschluss von über 70 Landwirtschaftsministern aus aller Welt auf der Tagung Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), die parallel zur Grünen Woche stattfand, berichtet, dass unter dem Dach der UN ein internationaler Digitalrat entstehen soll, der die Gefahr, dass die Kluft durch die Digitalisierung zwischen Arm und Reich immer größer wird, mindern soll. Welche Bedeutung Digitalisierung hat, zeigt die Aussage des chinesischen Landwirtschaftsministers gegenüber Klöckner: „Wir wollen die Weltherrschaft in der digitalen Landwirtschaft erlangen.“

Für die Bundesministerin ist die Landwirtschaft zugleich Treiber und Vorreiter der Digitalisierung und sie betonte: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sie kann uns helfen, politische Ziele zu erreichen und auch Zielkonflikte zu lösen. Am Ende geht es um Fakten versus Bauchgefühl, zum Beispiel können Gesundheit und das Wohlbefinden von Tieren digital überwacht werden.“ Um die Digitalisierung in der Landwirtschaft zu fördern, setzt die Ministerin auf drei Maßnahmen:

• erstens Forschung und Entwicklung,
• zweitens nationale und internationale Zusammenarbeit und
• drittens schnelles, flächendeckendes Internet und Mobilfunknetz.

Als Ergänzung erläuterte Klöckner, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium mit 900 Mio. € den viert-größten Haushalt für Forschung und Entwickelung hat und dass davon bis 2022 60 Mio. € in das Bundesprogramm Digitalisierung in der Landwirtschaft fließen. Ein erheblicher Teil davon soll in die Etablierung digitaler Testfelder gesteckt werden. Damit soll herausgefunden werden, wie Digitalisierung in der Landwirtschaft und im ländlichen Umfeld funktionieren kann. Es soll unter anderem eine dezentrale Datenhaltung entwickelt werden, mit der die Landwirte die Datenhoheit behalten und die auch bei einem Internetausfall nicht zusammenbricht. 

Der (Struktur-)Wandel kommt

Prof. Dr. Stefanie Bröring (Foto links) von der Universität Bonn hat über disruptive Technologien, neue Geschäftsmodelle und das AgriFood-System der Zukunft gesprochen. Letzteres stellt aufgrund globaler Herausforderungen höhere Ansprüche an die Nachhaltigkeit und wird durch neue digitale Technolo-gien immer komplexer. Die Branche ist gekennzeichnet durch zunehmende Digitalisierung, Automatisierung und Personalisierung. Technologien anderer Branchen, zum Beispiel aus dem Gesundheitswesen, aber auch künstliche Intelligenz und Big Data werden immer relevanter für das Foodsystem. Ein Ziel ist zum Beispiel die personalisierte Nahrung, die auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen zugeschnitten ist. Wenn aus den einzelnen Technologiesystemen ein System von Systemen wird, kann es zur Verdrängung bestehender Geschäftsmodelle kommen. Das nennt man Disruption. Als Beispiel zeigte sie den Landwirt, der heute noch die Kaufentscheidung über Saatgut, Dünger und Landtechnik selbst trifft. Wenn jedoch eine dominante Handelsplattform mittels künstlicher Intelligenz dem Landwirt diese Kaufentscheidungen abnimmt, sind wir bei der digitalen Landwirtschaft als Service, was zur Disruption des normalen Agrarhandels führen kann. Die Grenzen zwischen den Branchen Lebensmittelerzeugung und Informationstechnik (IT) verschwimmen nach Angaben von Bröring zunehmend. IT-Größen wie Amazon, Google, Microsoft oder der chinesische Konzern Alibaba investieren zunehmend in den AgriFood-Sektor, auch über Start-ups, oder kooperieren mit Firmen aus der Lebensmittelbranche. Letztendlich kam sie dem dem Schluss, dass alles, was digitalisiert werden kann, digitalisiert werden wird. Die Frage sei nur, von wem?

Ohne Bits und Bytes kein Fleisch aus dem Labor 

Das letzte Thema des Tages hatte die Überschrift „Clean Meat“. Wie die Entwicklung dieses „sauberen Fleisches“ bisher verlief, erläuterte zur Einführung Prof. Dr. Hans Wilhelm Windhorst (Foto rechts), Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft der Universität Vechta. Als erstes müsse unterschieden werden zwischen Fleischersatzprodukten auf Pflanzenbasis, die bereits am Markt verfügbar seien, und Fleisch aus Zellkulturen, auch Labor- oder In-Vitro-Fleisch genannt. 

2013 stellte Professor Mark Post in London den ersten Burger aus Zellkulturen vor. Seine Herstellung hat 230.000 € gekostet. Von 2015–2018 gründeten sich zahlreiche Start-ups im Bereich der Erzeugung von Fleisch aus Zellkulturen. Im Jahr 2018 gab Wiesenhof das alleinige Vertriebsrecht für einen fleischlosen Burger in Deutschland bekannt und sicherte sich Beteiligungen an Unternehmen, die Hähnchenfleisch und Fisch aus Zellkulturen herstellen sowie Futter aus Insekten erzeugen. Letzter Höhepunkt war die Präsentation des erstens Steaks aus Zellkulturen durch das israelische Unternehmen Aleph Farms im Dezember 2018. Ihnen ist es gelungen, ein Stück Fleisch in vitro zu erzeugen, nicht nur mit zweidimensionaler, sondern mit dreidimensionaler Struktur.

Didier Toubia (Foto: links), Geschäftsführer und Mitgründer von Aleph Farms, stellte anschließend in seinem Vortrag die verwendete Technologie, die Zeitachse zur Markteinführung und den geplanten Marktpreis vor. Die Technologie zur Erzeugung von Clean Meat stammt aus der Humanmedizin. Das Unternehmen hat Zellen, die dafür verantwortlich sind, dass abgestorbene Zellen im Körper von Tieren, in diesem Fall von Kühen, ständig nachwachsen, isolieren können. Sie haben optimale Bedingungen geschaffen, unter denen diese Zellen auf einem Nährmedium unter kontrollierten Bedingungen zu Muskelgewebe wachsen. Damit können sie komplexe Gewebestrukturen erzeugen, bei denen mehrere Zellarten zusammenwachsen und Strukturen bilden, die echtem Fleisch sehr ähneln.

Nach Angaben von Tobia wird es mindestens zwei weitere Jahre dauern, um die Forschung abzuschließen, ein erstes Produkt zu entwickeln und vielleicht ein bis zwei weitere Jahre, bis die normale Produktion starten kann. 

Natürlich wird das Zellkulturfleisch anfangs teurer sein als konventionelles Fleisch. Mit wachsender Produktion rechnet er aber mit sinkenden Kosten, die irgendwo bei unter 6 $/kg landen. Clean Meat soll kein Ersatz für konventionelles Fleisch sein, sondern den Anfang einer neuen Kategorie von Fleischerzeugnissen bilden. 

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