Irritationen über Insekten-Studie

27.10.2017

© Sabine Rübensaat

Berlin. Einen massiven Rückgang der Insektenpopulation in deutschen Schutzgebieten meint ein internationales Forschungsteam festgestellt zu haben. Nach Untersuchungen einer aus deutschen, niederländischen und britischen Wissenschaftlern und Ehrenamtlern bestehenden Gruppe, darunter Vertreter des Entomologischen Vereins Krefeld, gab es zwischen 1989 und 2016 in den beprobten Gebieten bei Fluginsekten einen Biomasseverlust zwischen 76 % und 81 %. Die Erhebungen seien dabei über 27 Jahre an 63 Standorten in Schutzgebieten unterschiedlichster Lebensräume vor allem in Nordwestdeutschland erfolgt.



An der Aussagekraft der in der internationalen Online-Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlichten Studie regten sich allerdings umgehend Zweifel. Kritiker der Studie sprachen von Alarmismus und unbegründeter Panikmache. Das Bundeslandwirtschaftsministerium ließ verlauten, dass man aus der Studie keine neue Sachlage ableiten könne. Die Forscher selbst hatten darauf hingewiesen, dass an nur 26 der 63 Erfassungsstandorte mehrjährige Vergleiche vorgenommen worden seien. Zudem könnten die in die Untersuchung eingeflossenen Daten zu klimatischen Veränderungen und Biotopmerkmalen den überwiegenden Teil der Insektenverluste nicht erklären. Auch räumten die Forscher ein, dass mangels verfügbarer Informa­tionen potenzielle landwirtschaftliche Einflussfaktoren, zum Beispiel die Pflanzenschutzmittelbelastung, nicht berücksichtigt werden konnten, weil die Datenlage dazu nicht transparent sei.



Ungeachtet dessen könne die Landwirtschaft nicht nur wegen der zeitlichen Koinzidenz von Intensivierung und Rückgang der Insektenpopulation eine plausible Ursache sein, stellt das Forscherteam fest. So seien die beobachteten Schutzgebiete in 94 % der Fälle von landwirtschaftlichen Nutzflächen umgeben. Man könne daher beispielsweise vermuten, dass die angrenzenden Agrarflächen für die in den Schutzgebieten heimischen Fluginsekten als „ökologische Fallen“ fungierten und den Schutzgebieten dadurch große Mengen an Insekten entzögen.



Für Politiker von Bündnis 90/Die Grünen sowie verschiedene Naturschutzorganisationen liegt sogar ganz klar ein Zusammenhang zwischen dem Artenrückgang und intensiver Agrarwirtschaft nahe. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) stellte in der vergangenen Woche zudem eine Verbindung zwischen dem konventionellen Ackerbau und einem von ihm protokollierten Rückgang der Vogelpopulation in Deutschland her. Von verschiedener Seite kamen daher Forderungen nach weitergehenden Forschungen und einer Neuausrichtung der Agrarpolitik. Der Deutsche Bauernverband (DBV) warnte in diesem Zusammenhang vor voreiligen Schlüssen, sprach sich jedoch ebenfalls für ein repräsentatives Monitoring aus, um belastbare Datenreihen in diesen komplexen Problemlagen zu bekommen. 

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