Investoren erobern Ostdeutschlands Äcker

23.11.2017

© Sabine Rübensaat

Der Einstieg von überregional aktiven Investoren in die ostdeutsche Landwirtschaft hat mittlerweile ein erhebliches Niveau erreicht. Das geht aus einer neuen Studie des bundeseigenen Thünen-Instituts (TI) über die Entwicklung in ausgewählten Landkreisen in den fünf östlichen Bundesländern hervor.

 

Hunderte Fallstudien


In der Studie wurden 853 Agrarunternehmen verschiedener Rechtsformen – GmbH, GmbH & Co. KG, Genossenschaft, Aktiengesellschaft – in zehn ostdeutschen Landkreisen daraufhin untersucht, wer die aktuellen Kapitaleigentümer sind und welche Veränderungen der Eigentümerstruktur seit 2007 stattgefunden haben. Die Studie knüpft an eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 an. Sie beinhaltet zwei zusätzliche regionale Fallstudien in Brandenburg und stellt auch in den anderen Fallregionen die aktuellen Entwicklungen bis Anfang 2017 dar. Es zeigt sich, dass die Bedeutung überregional aktiver Investoren je nach Bundesländern und zum Teil auch zwischen den Landkreisen eines Bundeslandes sehr unterschiedlich ist. Den Untersuchungen zufolge ist das erstmals einbezogene Brandenburg ein Schwerpunkt von Investorenaktivitäten. So sind im Landkreis Märkisch-Oderland sowohl die Flächenanteile, die von überregional aktiven Investoren bewirtschaftet werden, als auch die Zahl der seit 2007 von Investoren übernommenen Unternehmen ähnlich hoch wie in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Rügen.


Wie die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zeigt, besitzen landwirtschaftsfremde Investoren in rund einem Drittel der untersuchten Agrarunternehmen die Kapitalmehrheit. Die von ortsfremden Kapitaleignern dominierten Betriebe bewirtschaften ein Viertel der von juristischen Personen bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche in den Fallregionen. Jeweils die Hälfte der Fläche entfällt auf landwirtschaftsnahe Investoren sowie auf landwirtschaftsferne Investoren verschiedener Herkünfte.

 

Überregionale Mächte


Konkret sind in den Untersuchungsregionen seit 2007 in 155 Fällen die Kapitalmehrheiten auf neue Eigentümer übergegangen. In nahezu drei Viertel dieser Fälle waren die Käufer überregional aktive Investoren. Die Zahlen der Fallregionen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg liegen deutlich über dem Gesamtdurchschnitt. In einem immer größeren Maß geht mit dem Erwerb von Anteilen auch Eigentumsfläche der Unternehmen auf die neuen Eigentümer über. Laut Thünen-Institut liegt der Anteil der Flächen, die über sogenannte „Share Deals“ den Eigentümer gewechselt haben, bei fast einem Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen, die in den vergangenen zehn Jahren insgesamt in den Untersuchungsregionen verkauft wurden.


Die mit Abstand umfangreichsten Unternehmensübernahmen fanden über alle untersuchten Landkreise hinweg im Jahr 2016 statt. Eine wichtige Rolle spielten dabei laut Thünen-Institut die Unternehmensverkäufe infolge der KTG-Insolvenz. Allein dadurch seien neun Unternehmen mit einer Gesamtfläche von 7 700 ha an Investoren verkauft worden, davon allein sechs Unternehmen an einen Investor. Für die Braunschweiger Wissenschaftler ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass Agrarunternehmen, die einmal in großen, regionsübergreifenden Holdings zusammengefasst sind, bei Anteilsverkäufen „kaum zurück in die Hände Ortsansässiger gelangen, sondern eher in großen Verbünden bleiben werden“. Die KTG-Übernahmen sieht das Thünen-Institut auch als Ursache dafür, dass 2016 die mittels Share Deals übertragene Eigentumsfläche mit einem Anteil von 51 % der auf dem Bodenmarkt gehandelten Flächen einen Spitzenwert erreichte. Trotz dieser Besonderheiten gehen die Forscher davon aus, dass die Bedeutung der Share Deals im Verhältnis zu der auf dem Bodenmarkt gehandelten Fläche steigen wird.

 

Auswirkungen erheblich


Das Bundeslandwirtschaftsministerium bezeichnete Einschätzungen als nicht zutreffend, dass Investoren keine negativen Auswirkungen auf die Agrarstruktur hätten. Sein Haus gehe davon aus, dass durch die zu beobachtende Entwicklung von eigenständigen, ortsansässigen, mittelständischen Landwirtschaftsbetrieben hin zu Filialbetrieben in Konzernstrukturen die ländlichen Regionen wirtschaftlich geschwächt würden, erklärte der zuständige Referatsleiter im Ressort, Jobst Jungehülsing, anlässlich einer aktuellen Diskussion in der landwirtschaftlichen Fachpresse gegenüber Agra-Europe. Wertschöpfung und Steuern flössen aus der Region ab; qualifizierte Arbeitskräfte fänden in der Landwirtschaft regional immer weniger Arbeit. Zudem leide das soziale Leben in den Dörfern erheblich. Damit werde zunehmend das Ziel vieler Agrarsubventionen verfehlt, nämlich regional verankerte, selbstständige Betriebe wettbewerbsfähiger zu machen und auf diese Weise auch strukturschwache Regionen zu stärken.

 

Einfluss wächst


Jungehülsing bestätigte auch den wachsenden Einfluss von Großinvestoren in der Landwirtschaft. In dem vom Thünen-Institut ermittelten Flächenanteil von knapp 20 %, der über Anteilskäufe auf neue Eigentümer übergegangen sei, sei beispielsweise aufgrund fehlender Daten nicht enthalten, wieviel
Agrarflächen über den Kauf von Personengesellschaften von überregionalen Investoren und wieviel Einzelflächen an den Standorten von deren Tochtergesellschaften erworben worden seien.

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