Haltung, Haftung, Hingabe

10.05.2013

Vortragstagung der Agravis Raiffeisen AG © Thomas Tanneberger

 

Wenn sich Deutschland bisher in der Weltwirtschaftskrise wacker geschlagen hat, so liege das vor allem daran, dass die Entscheider zu Schlüsselfragen der Entwicklung eine klare Haltung bezogen haben, so Prof. Schweinsberg, der an verschiedenen Hochschulen Volkswirtschaft lehrt und sich als Gründer des Centrums für Strategie und Höhere Führung in Köln einen Namen gemacht hat. „Alle redeten uns ein, die Servicegesellschaft sei der Heilsbringer in der Ökonomie. Gerettet hat uns das ganze Gegenteil - nämlich unser industrieller Kern und eine funktionierende Agrarindustrie.“ Ebenso habe es sich ausgezahlt, dass Deutschland nicht wie andere Länder die gesamte Kraft auf einige wenige Großunternehmen konzentriert hat, sondern klar auf Mittelstand setzt. Diese Leistungs- und Risikostreuung habe wesentlich zur Stabilität der deutschen Volkswirtschaft beigetragen, so der Professor in seiner freien und mit dezentem Witz gehaltenen Rede. Die Politik lobte er dafür, in der Krise klare Ansagen gegeben zu haben. Das Wort an die Bevölkerung, dass die Einlagen sicher seien, habe Haltung signalisiert und enorme Wirkung gehabt. Das sei in Krisenzeiten wichtiger als vieles andere, und auch Landwirte sollten in ihrer eigenen Sache mehr über Schlüsselsignale an die Bevölkerung nachdenken.

Verantwortung übernehmen!

Ein weiteres Element der Krisenbewältigung sei eine angemessene Haftung, so der Professor weiter. Hier klemme es in der Wirtschaft gewaltig. Während Banken vor 100 Jahren im Mittel noch 40 % Haftungskapital gehabt hätten, seien es heute keine 10 % mehr. Wer die Krise bewältigen will, müsse jedoch bereit sein, für sein wirtschaftliches Handeln Verantwortung zu übernehmen. Prof. Schweinsberg Hier schlug Prof. Schweinsberg den Bogen zu seiner dritten These: Krisenbewältigung braucht Hingabe. Mit Managern, die aus Angst oder Gleichgültigkeit Dienst nach Vorschrift machen, werde man den Konkurrenten nicht Paroli bieten können. Gefragt seien Führungskräfte, die für ihr Unternehmen und dessen Produkte regelrecht glühen. Große Potenziale sieht Schweinsberg in dieser Beziehung im Modell der Genossenschaften, das es weiterzuentwickeln gelte. Schließlich gehört laut Schweinsberg auch Mut zur Krisenbewältigung und das Vermögen, einmal mehr aufzustehen als man hingefallen ist. Goethe habe die Menschen auch ermuntert, aus den in ihrem Weg liegenden Steinen einfach etwas Schönes zu bauen.

Schlagabtausch zur Agrarspekulation

Prof. Dr. Peter Michael SchmitzDie anderen Redner des Tages widmeten sich hingegen stark den aktuell politischen Themen. So stritten sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Prof. Peter Michael Schmitz von der Justus-Liebig-Universität Gießen um Sinn und Unsinn der Agrarspekulation. Während Schmitz auf wissenschaftlicher Grundlage darlegte, dass die Arbeit der Warenterminbörsen nachweislich nicht an den Volatilitäten der internationalen Agrarmärkte schuld sind, behauptete die Ministerin das Gegenteil und zitierte auch die Getreidehändler der Agravis, die sich angeblich über das Nichtfunktionieren der Getreidemärkte beschwert hätten. Deren Generalbevollmächtigter, Jens Ripken, hatte jedoch erst vor einigen Wochen in einem Interview der BauernZeitung ähnlich wie Prof. Schmitz die Warenterminmärkte in Schutz genommen und sich von Regulierungsbestrebungen der Politik klar distanziert (BauernZeitung 15/2013, S. 52–53).

Darüber hinaus wunderten sich manche Zuhörer auch, dass die Ministerin Beschlüsse des europäischen Agrarrates als verbindliche Positionen darzustellen versuchte und daraus Erfolge für ihre Regierung ableitete. Angesichts der Tatsache, dass noch über die Hälfte der Trilogverhandlungen um die endgültige Ausgestaltung der neuen EU-Agrarpolitik ausstehen, komme Aigners Jubel jedoch etwas früh.

Lieferverzicht würde Direktzahlungen kosten

Ministerin Ilse AignerRecht haben dürfte Aigner hingegen mit ihrer Vermutung, dass der vom Europaparlament vorgeschlagene freiwillige, subventionierte Lieferverzicht am Milchmarkt die Allgemeinheit der EU-Landwirte erheblich belasten würde. Überhaupt denke man in Straßburg viel zu viel über alte Instrumente der Marktsteuerung nach, so die Ministerin. Angedacht sei zum Beispiel eine Beibehaltung der staatlichen Intervention und Lagerhaltung. In der Konsequenz stünde wieder das teure System der Marktabschottung, von dem man sich eigentlich gerade befreien wollte. Das Geld, das solche Maßnahmen kosten, würde jedoch dann bei den Direktzahlungen fehlen. Das würde geschichtlich glatt eine Rolle rückwärts bedeuten und Anstrengungen der letzten 20 Jahre konterkarieren.

Dr. Clemens Große Frie Bleibt zu hoffen, dass das eintritt, was Gastgeber Dr. Clemens Große Frie am Beispiel des Aflatoxin-Skandals erläuterte. Es komme in der Politik mehr denn je darauf an, nicht so sehr auf Aktion zu setzen, sondern in Europa auf einheitliche Regeln und deren einheitliche Einhaltung hinzuwirken. Dann seien Ereignisse wie der genannte Futterskandal eigentlich künftig unmöglich.

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