Grüne Woche: Stelldichein unterm Funkturm

08.01.2016

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Wer auf 90 Jahre Geschichte zurückblicken kann und sich in dieser Zeit von einer lokalen Warenbörse zu einer Weltleitmesse entwickelte, hat nicht nur viel richtig gemacht, sondern auch einen riesigen Erfahrungsschatz und die Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Die Wurzeln der Grünen Woche gehen auf die Wintertagungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre Wintertagungen in Berlin abhielt. Ihre langen grünen Lodenmäntel prägten in diesen Tagen das Bild der Stadt. Handwerk und Industrie boten parallel dazu im Tagungsviertel auf offener Straße berufsspezifische Artikel und Verbrauchsgüter an. Der Landwirt Hans-Jürgen von Hake, der Mitarbeiter im Berliner Fremdenverkehrsamt war, kam auf die Idee, die Tagung 1926 erstmals mit einer landwirtschaftlichen Ausstellung am Kaiserdamm zu verknüpfen.

 

Anfänge vor 90 Jahren

 

Reit- und Fahrturniere, Kleintierausstellungen, Saatenmarkt und Jagdschauen, die bis dahin über ganz Berlin verstreut waren, prä-sentierten sich nun erstmals kompakt auf 7 000 Quadratmetern und zählten im Eröffnungsjahr schon mehr als 50 000 Besucher. Die deutsche Reichshauptstadt selbst nutzte damals noch ein Fünftel ihres Territoriums für Landwirtschaft und Gartenbau. Im Stadtgebiet lebten 45 000 Pferde, 25 000 Schweine, 21 000 Milchkühe und mehr als eine halbe Million Stück Geflügel. 200 000 Berliner besaßen einen Kleingarten. Größtes Exponat der ersten Schau war ein eisenbereifter Universalschlepper mit 100 PS. Das vier Meter hohe Ungetüm mit übermannsgroßen Rädern galt als ein Zeichen der beginnenden Mechanisierung in der Landwirtschaft. Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik feierten fortan auf der „Grünen Woche“ ihre Premieren. 1930 sorgte beispielsweise eine riesige Eierfrischhaltemaschine, in der sich 5 000 Eier im Kreis drehten und auf diese Weise über ein Jahr auf „natürlichem Wege“ frisch gehalten werden sollten, für großes Aufsehen. Neuigkeiten wie eine Kannenmelkanlage, ein Raupenschlepper oder leistungsfähigere Getreidesorten bekannter Züchter fanden in den Zwanziger- und Dreißigerjahren immer großen Zuspruch. 1935 wurde das von Wilhelm Hölter entworfene Markenzeichen – die stilisierten gelben Ähren auf grünem Grund – zum Symbol der Grünen Woche. Nach dem Ausfall 1938 infolge der in Deutschland grassierenden Maul- und Klauenseuche öffnete die Landwirtschaftsschau ein Jahr später vorläufig letztmals ihre Tore und wies auf ein noch heute aktuelles Thema hin: Besondere und weithin sichtbare Attraktion war die „Ernährungsuhr“, die auf Kalorienersparnis programmiert war und automatisch Tipps für gesunde Mahlzeiten gab. So empfahl die Ernährungsuhr beispielsweise statt geräucherter Pökelrippe eine leckere Gemüseplatte, deren Zutaten genau aufgeführt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegsjahren mit Hunger und Zerstörung erweckte der Zentralverband der Kleingärtner, Siedler und Boden nutzenden Grundbesitzer mit unglaublicher Zivilcourage im Spätsommer 1948 die „Grüne Woche“ wieder zum Leben. 59 Aussteller präsentierten ihre Exponate dem Berliner Publikum – trotz sowjetischer Blockade aller Land- und Wasserwege. So brachten beispielsweise am Eröffnungstag der „Grünen Woche“ innerhalb von 24 Stunden 250 britische und 357 amerikanische Flugzeuge Versorgungsgüter aller Art in den Westteil der Stadt.

 

Biogasanlage Darmstadt

 

1951 offeriert ein offensichtlich weit vorausschauender Aussteller aus Holland appetitliche Gemüsepyramiden dem staunenden Publikum. Sie lösten auch bei Bundeskanzler Konrad Adenauer Bewunderung aus. Danach nahm die Beteiligung ausländischer Aussteller in den kommenden Jahren kontinuierlich zu. Trendsetter war die Grüne Woche schon immer: Bereits 1953 wurde die Biogasanlage „Darmstadt“ der Fachwelt präsentiert. Der Hersteller warb mit einer täglichen Biogasproduktion von zehn Kubikmetern, die ausreiche, „um im Haus die Brennstellen zum Kochen, zur Heißwasseraufbereitung und zum Kartoffeldämpfen zu versorgen.“ Bis 1961 war die Grüne Woche besonders für die Landwirte in der DDR attraktiv. Zwischen 30 und 50 Prozent der Besucher fanden trotz erheblicher Behinderungen an den Sektorengrenzen immer wieder den Weg zum Berliner Funkturm. 1954 drängten sich erstmals mehr als eine halbe Million Besucher durch die inzwischen neun Hallen. Die erste Ausstellung nach dem Mauerbau am 13. August 1961 war den Veranstaltern ein Ansporn, nach der Abriegelung zum Umland die Lebensfähigkeit der Veranstaltung nun erst recht unter Beweis zu stellen. Sie erhielt erstmals den Namen „Internationale Grüne Woche Berlin‘62“ und stand unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Heinrich Lübke. Von den 669 Ausstellern stammte fast die Hälfte aus dem Ausland. Insgesamt rund 50 Länder, die meisten aus Westeuropa, sowie die USA, Kanada, Israel, Marokko und Libanon hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits einen festen Platz gesichert.

 

Konzept wächst mit

 

Die drei Säulen Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau. Sonderschauen zu aktuellen Themen, Länder-Gemeinschaftsstände sowie Leistungsschauen einzelner Regionen fanden im Weiteren großen Anklang. Wachsendes Interesse erfuhr das fachliche Begleitprogramm mit bis zu 150 Fachveranstaltungen. Der internationale Agrarfilmwettbewerb zählte zum Programm in dieser Zeit. 1971 wurde das Konzept durch Lehrund Sonderschauen wie beispielsweise zu EDV und Fischerei, zu Wald und Landschaft erweitert. Gleichzeitig verstärkte die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft ihre Bemühungen, den Absatz von Agrarprodukten zu fördern. Im engen Kontakt zu den Verbrauchern bot die Grüne Woche durch Fachinformationen und -beiträge Aufklärung über die Produktion und Veredlung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Davon zeugen wechselnde Sonderschauthemen wie „Vom Korn zum Brot“, „Vom Nutzen des Waldes“, „Gerste, Hopfen und Malz“ oder „Käse aus Deutschland“. Mit der Inbetriebnahme des Internationalen Congress Centrums Berlin (ICC Berlin), das durch ein Brückenbauwerk direkt mit dem Berliner Messegelände verbunden ist, stieg die Anzahl der die Messe begleitenden Konferenzen auf über 250 Veranstaltungen. 1981 gab es das erste Internationale Forum Agrarpolitik, 1986 die erste „Bundesschau Fleischrinder“, später gefolgt von „Schafen“ und „Kaltblutpferden“.

 

Nachwende-Blütezeit

 

Im Jahr 1990 begann für die Internationale Grüne Woche Berlin eine neue Blütezeit. Nach der Vereinigung Deutschlands stand sie wieder allen Besuchern aus dem natürlichen Umland sowie aus den benachbarten Staaten Mittelund Osteuropas offen. Neu im Programm sind seitdem auch die Produktmärkte für Bier, Milch, Fleisch/Wurst, Tee/Kräuter/Gewürze und Seafood. Das Rahmenprogramm mit inzwischen rund 300 Vorträ- gen, Seminaren und Symposien, darunter das Internationale Forum Agrarpolitik des Deutschen Bauernverbandes und das OstWest-Agrarforum, das 2008 durch die Internationale Agrarministerkonferenz abgelöst wurde, betonten immer mehr den Dialogcharakter der Grünen Woche. In diesem Jahr wird das nunmehr 8. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) unter dem Leitthema „Wie ernähren wir die Städte? – Landwirtschaft und ländliche Räume in Zeiten von Urbanisierung“ internationale Schlüsselakteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Berlin zusammenbringen. Das Forum, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ausgerichtet wird, hat sich zur weltweit bedeutendsten agrarpolitischen Konferenz entwickelt.

 

Neuigkeiten 2016

 

Vom 15. bis 24. Januar findet die Grüne Woche nun zum 81. Mal in ihrer 90-jährigen Geschichte statt. Über 1 700 Aussteller aus rund 70 Ländern werden dazu in Berlin erwartet. Seitdem es 2005 mit Tschechien erstmals ein „offizielles Partnerland“ gab, steht in diesem Jahr mit Marokko erstmals ein afrikanisches Land im Fokus, das erste außereuropäische Partnerland der Grünen Woche. Neuigkeiten gibt es aber auch bei den nationalen Ausstellern. So wird das Bundesland RheinlandPfalz, das in den vergangenen zwei Jahren nicht mit von der Partie war, wieder in Berlin dabei sein. Winzer und Weinerzeuger – aber keine reinen Händler – werden sich erstmals im WEINWERK, in Nachbarschaft zum Publikumsmagneten Blumenhalle präsentieren. Letztere steht ganz im Zeichen des Karnevals, speziell des Karnevals in Venedig – mit Gondeln, Masken und einer bunten Blütenpracht. Die Brauer und Mälzer feiern derweil mit den Messegästen in Halle 12 das 500. Jubiläum des deutschen Reinheitsgebotes (mehr dazu in unserer Ausgabe 1/2016 ab Seite 48). Und die Tierfreunde bekommen mit der ersten bundesweiten Stammbockschau der Schafe neben der Angus-Jungrinder-Schau und der 5. Bundesschau Fleckvieh-Simmental 2016 auch eine Premiere geboten.

 

Grüne-Woche-Ticket ohne Anstehen Eintrittskarten können bereits jetzt unter www.gruenwoche.de im Ticket-Shop bestellt und zu Hause ausgedruckt werden. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. An einem langen Freitag und zwei langen Samstagen (16., 22., 23. Januar) ist die Messe von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 14 Euro, ermäßigte Karten für Schüler und Studenten zehn Euro, Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt. Von Montag bis Freitag gibt es die Happy-Hour-Karte (ab 14 Uhr) für zehn Euro, die Familienkarte für 29 Euro.

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