Grüne-Woche-Skandal

21.01.2013

 

 

Berlin. Der Durchschnittsdeutsche verzehrt im Laufe seines Lebens das Fleisch von insgesamt 1.094 Tieren – darunter vier Rinder, 46 Schweine sowie 945 Hühner – und zahlt dafür gleich dreimal: als Käufer, Steuerzahler und Umweltnutzer. Das steht im frisch veröffentlichten „Fleischatlas“, in dem der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gemeinsam mit der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung und der internationalen Monatszeitung Le Monde Diplomatique Hintergrundwissen zum Fleischkonsum als „politische und ethische Entscheidung“ liefern will. 

 

Deutungen mitgeliefert

 

Der Fleischatlas baut unter Verweis auf unterschiedliche Quellen wie zum Beispiel die EU, die Weltlandwirtschaftsorganisation FAO, die Weltgesundheitsorganisation WHO, den Vegetarierbund oder einzelne, nicht näher erläuterte Zeitschriftenartikel eine äußerst kritische Sicht auf aktuelle Marktstrukturen und Verzehrsgewohnheiten sowie Tier- und Umweltschutzaspekte der Fleischerzeugung auf. Dabei wird immer wieder Kritik an der aktuellen Produktion laut. Ferner werden dem Konsumenten Alternativen zu Produktion und  Verzehr konventionell erzeugten Fleisches nahegelegt. Hierzu zählen die Autoren neben der Bioproduktion insbesondere den Vegetarismus. Dieser ist dem Atlas zufolge in Deutschland vor allem in der jüngeren Bevölkerung „hipp und trendy“. Gleichzeitig lernt der Leser allerdings, dass sich die größten „Fleisch- und Wurstvertilger“ der Bevölkerung unter den jungen Leuten finden.

 

In den Kapiteln zur Fleischproduktion stehen im „Fleischatlas“ unter anderem die aktuellen Haltungsbedingungen unter Beschuss. So könnten Hühner in konventionellen Ställen ihre angeborenen Verhaltensweisen nicht ausleben, da sie eigentlich Waldtiere seien. Außerdem würden „immer wieder Fälle bekannt, in denen mehr Tiere gehalten werden, als gesetzlich erlaubt wäre“. Zu berücksichtigen seien darüber hinaus produktionsbedingte Umweltschäden. Diese führten zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Beispielsweise erhöhe Ammoniak aus der Intensivtierhaltung „das Krebsrisiko und verkürze die Lebensdauer“, heißt es in dem Papier. 


 

Lektionen für die EU 


Kritik gibt es auch für die EU-Agrarbeihilfen. Diese seien immens hoch und an falsche Voraussetzungen gekoppelt. Die anstehende Agrarreform müsse unbedingt ein „Greening“ der Subventionen bringen.  Weitere Abschnitte des Atlas behandeln die Futtermittelversorgung, etwa die im südamerikanischen Regenwaldgebiet erfolgende Sojaproduktion für den deutschen Markt, sowie die globalen Lieferströme an Fleisch. Die diesbezüglichen Texte stehen beispielsweise unter den Überschriften „Exporteure und Protektionisten“ sowie „Westafrikanische Krisen durch Europas Hühnerfleisch-Reste“. Schließlich wird auf „Bewegungen und Kampagnen für eine gute Landwirtschaft“ eingegangen, worunter die Autoren unter anderem den sogenannten „Fleischlosen Montag“ und Proteste auf der Internationalen Grünen Woche (IGW) verstehen. 

 

Während der agrarpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Friedrich Ostendorff, die Publikation begrüßte, wies der Deutsche Bauernverband (DBV) die Darstellungen als „dramatisierend“ zurück. Es handele sich um einen Versuch, den Verbrauchern mittels einseitiger Darstellungen über globale Entwicklungen ein schlechtes Gewissen beim Verzehr von Fleisch einzureden. Fleisch bleibe aber ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung. Von einer großangelegten Subvention der Tierhaltung könne spätestens seit 2005 nicht mehr die Rede sein. AgE/BZ


 

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