Grüne Woche: Samstag war Demotag

22.01.2015

© Sabine Rübensaat

Ja, es waren viele Leute auf der Satthabe-Demo am 17. Januar. Aber mit der Angabe von 50 000 Teilnehmern haben die Veranstalter wieder maßlos übertrieben. Polizei und Rundfunk sprachen zu Recht von 20 000−25 000 Menschen. Gutwillige Landwirte laufen bei der Demo zunehmend Gefahr, politisch vereinnahmt zu werden.

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Tausende Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Umweltverbänden, Verbraucherorganisationen, Kampagnebüros, Entwicklungshilfeorganisationen und Agrarwirtschaft haben am vergangenen Samstag im Berliner Stadtzentrum für grundlegende Änderungen in der Agrarpolitik demonstriert. Die Aktivisten forderten von der Bundesregierung eine klare Absage an das EU-USA-Handelsabkommen TTIP, einen wirksamen gesetzlichen Schutz der Land- und Lebensmittelwirtschaft vor der Gentechnik sowie „den sofortigen Stopp des weiteren Ausbaus von Mega-Ställen“. Sie wandten sich gegen  „Agrarindustrie“ und „Tierfabriken“ und traten ein für die Bevorzugung kleinbäuerlicher Wirtschaftsformen.



Diese Forderungen sind nicht neu. Wir haben sie für die Leser der BauernZeitung in den vergangenen Jahren wiederholt beschrieben und analysiert. Erstmals treffen sie in diesem Jahr auf ernsthaften Widerstand seitens des Berufsstandes. Das sichtbarste Zeichen setzte in dieser Hinsicht eine Gruppe Junglandwirte. Sie traf sich, verabredet größtenteils über das Internet, am Hauptbahnhof zu einer mutigen Gegendemonstration (siehe Bildkasten und Kommentar S. 3). Der Bewegung „Wir haben es satt!“ antworteten sie humorvoll-bestimmt „Wir machen Euch satt!“. Interessant an der Aktion, die ohne ernsthafte Pressearbeit in konventionellen Medien auszukommen meinte, ist nicht nur ihre hemdsärmelige Entstehung, sondern auch die Liste derer, die dann irgendwie doch als „Unterstützer“ auftraten. Da waren Vertreter des Deutschen Bauernverbands (DBV), aber auch des Verbandes der Fleischwirtschaft (VdF) und des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) im Boot. „Die Initiatoren der Aktion wollten öffentlich darauf aufmerksam machen, dass die Bauern jeden Tag mit Verantwortung, Können und unternehmerischem Engagement zum Wohl der Gesellschaft beitragen“, erklärte der DBV. Statt dies anzuerkennen, werde die Landwirtschaft immer wieder mit unseriösen sowie fachlich falschen Argumenten angeprangert. „Wir möchten, dass die Arbeit der Landwirte anerkannt wird. Die Bauern machen nicht nur satt, sondern sie machen Genuss, Kulturlandschaft und Tierwohl“, betonte DBV-Präsident Joachim Rukwied, der im Verlauf der Grünen Woche mehrfach über den schroffer ­gewordenen Ton in Teilen von Politik und Öffentlichkeit geklagt und mehr Fairness in der öffentlichen Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft angemahnt hatte.

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt  wandte sich auf der Grünen Woche für seine Verhältnisse ungewöhnlich deutlich gegen pauschale Schuldzuweisungen an die Landwirtschaft sowie gegen überspitzte Parolen. Notwendig sei stattdessen eine sachliche Auseinandersetzung über die Anforderungen an die Landwirtschaft.

Ausgesprochen scharfe Kritik an den Akteuren der Initiative „Wir haben es satt!“ hat der Grain Club geübt. Die aus mehreren Verbänden bestehende Allianz, die die Interessen der deutschen Getreide-, Futtermittel- und Ölsaatenwirtschaft vertritt, beklagte, dass solche Initiativen mit fragwürdigen Aussagen Stimmung gegen die heimische Agrar- und Ernährungswirtschaft machten und dem Ansehen dieses wichtigen Produktionszweiges schadeten. „Unsere hervorragenden landwirtschaftlichen Produkte und Lebensmittel ‚Made in Germany‘ sind im In- und Ausland gefragt und liefern das Fundament für den gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland“, betonte der Geschäftsführer des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), Dr. Hermann-Josef Baaken, für den Grain Club. Das „Agrarbündnis“ strebe eine Landwirtschaft vergangener Jahrhunderte an. Stattdessen sei eine nachhaltigere und effizientere Produktion auf den bestehenden Flächen erforderlich.




Gegendemo zur Gegendemo:
„Wir machen Euch satt!“
In Westen mit der Aufschrift „Frag doch mal den Landwirt“ und mit Transparenten „Wir machen Euch satt!“ demonstrierten am vergangenen Samstag nach Veranstalterangaben knapp 1 000 Landwirte aus dem gesamten Bundesgebiet vor dem Berliner Hauptbahnhof für einen fairen Umgang mit der modernen Landwirtschaft. „Viel zu oft wird über uns, aber nicht mit uns geredet. Wir lassen uns nicht kriminalisieren“, sagte Marcus Holtkötter, Schweinezüchter aus Altenberge im Münsterland und einer der Veranstalter. Auch andere Redner forderten Kritiker zu einem sachlichen und fachlichen Dialog auf. Zu dem spontanen Treffen hatten sich die Landwirte im Internet verabredet, die Idee wurde in sozialen Netzwerken verbreitet.
Gerd Rinas, BauernZeitung

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