Grüne Woche: Interview mit Lars Jaeger

12.01.2015

© Heike Mildner

Lars Jaeger

Herr Jaeger, Sie sind Projektleiter der Internationalen Grünen Woche (IGW). Zum 1. November 2014 sind Sie außerdem zum Geschäftsführer der E.G.E GmbH ernannt worden. Das ist ein Joint Venture zwischen der Messe Berlin und dem Deutschen Bauernverlag GmbH.
■ Das ist richtig, damit folge ich Karel Heijs, der bei der Messe Berlin zusätzliche Aufgaben und Projekte übernimmt. Somit bin ich neben Hans-Dieter Lucas vom Deutschen Bauernverlag GmbH Geschäftsführer der E.G.E. GmbH.

Ändert sich für Sie damit etwas in Bezug auf die IGW?
■ Für mich ändert sich schon etwas, aber an dem hohen Qualitätsniveau der Grünen Woche wird sich nichts ändern. Die zusätzlichen Aufgaben, die auf mich zukommen, werden arbeitsorganisatorische Veränderungen mit sich bringen. Allerdings bewege ich mich bei beiden in einem ähnlichen Umfeld, wodurch sich sicher auch Synergieeffekte nutzen lassen. So kurz nach der Berufung lässt sich das aber noch nicht exakt spezifizieren. Ich sehe diese Zusatzaufgabe aber als sehr reizvoll an und habe auch keine Bedenken, beide Dinge in Einklang zu bringen. Bei der E.G.E GmbH ist, um in der Landwirtschaftssprache zu bleiben, das Feld bestellt, und wir wollen natürlich auch in Zukunft gute Ernten einfahren.

Nach Estland im letzten Jahr ist in diesem Jahr ein weiterer baltischer Staat – Lettland – Partnerland der Grünen Woche. Wonach richtet sich die Auswahl der Partnerländer?
■ Im Falle von Lettland lässt sich hier vielleicht das Außergewöhnliche transportieren. Lettland hatte bereits 2008 angefragt, ob man Partnerland 2015 werden kann. Das ist zugegebenermaßen nicht üblich. Aber ich finde das persönlich so spannend und faszinierend, dass es an dieser Stelle Erwähnung finden darf. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass die Letten zu dem Zeitpunkt wussten, dass sie die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Das heißt, im Falle Lettland kommen mehrere Punkte in der Bewerbung zum Tragen.

Eineinhalb Jahre vor der jeweils anstehenden Grünen Woche wissen wir, wer das Partnerland sein wird. Dem ist wiederum ein Bewerbungszeitraum von einem halben Jahr vorausgegangen. In dieser Zeit sammeln wir die eingehenden Bewerbungen. In der Regel sind es vier bis fünf. Anschließend sortieren wir diese dann in einem Gremium und entscheiden, ähnlich wie beim Olympischen Komitee, wer der Gewinner ist.  In diesem Prozess legt das jeweilige potenzielle Partnerland in einer Kurzbeschreibung dar, wie es sich auf der Grünen Woche präsentieren möchte.

Im Falle Lettland nimmt man aber gerne auch Kopplungen, wie die der EU-Ratspräsidentschaft, zum Anlass. Solche Anlässe gab es bereits in der Vergangenheit. Zufälligerweise wurden in darauffolgenden Jahren zwei baltische Staaten ausgewählt. Das liegt aber daran, dass Estland für 2014 ein sehr schlüssiges Konzept vorgestellt hatte. So kamen wir nicht umhin, die beiden in zwei aufeinander folgenden Jahren zu küren. Natürlich ist das auch ein Kundenwunsch, den wir mitgetragen haben. Wir freuen uns auf unsere Wahl 2015 und sind auch schon durch mit der Wahl für 2016. Aber das verrate ich noch nicht.

Schade, ich hätte jetzt gern gemutmaßt ...
■ Die Entscheidung wird auf der Grünen Woche bekanntgegeben. Am Ende des ersten Messetages wird im kleinen Kreis, ohne viel Aufhebens, der Vertrag mit dem Partnerland des darauffolgenden Jahres unterschrieben. Das passiert natürlich ohne große Feier, denn das aktuelle Partnerland soll nicht beeinträchtigt werden. Damit sich die Partnerländer aber auf die Messe vorbereiten können, ist es wichtig, dass der Vertrag spätestens ein Jahr vor der Messe steht. Für uns ist bedeutsam, dass das Partnerland nicht nur die Eröffnungsfeier veranstaltet, son­dern sich auch die zehn Messetage lang und darüber hinaus als Partnerland präsentieren kann. Daher ist es notwendig, das volle Jahr für die Vorbereitungen nutzen zu können.

Es gibt und gab viel zu feiern, 80 Jahre Grüne Woche und 25 Jahre Mauerfall.
■ Stimmt, wir begehen jetzt die 80. Grüne Woche im 89. Jahr der Messe.

Wie viele Besucher, Aussteller und Teilnehmerländer gab es vor dem Mauerfall? Wie viele sind es heute?
■ Der Mauerfall ist und war politisch, aber auch für mich persönlich ein großartiges Ereignis. Anlässlich des 25. Mauerfall-Jubiläums kam ich nicht umhin, mir als Kind der DDR eine Freudenträne wegzuwischen. Aber auch für die Grüne Woche war dies ein Wendepunkt. 1990 hatte die Grüne Woche das beste Besucherergebnis in der Geschichte – es wurden über 600 000 Besucher gezählt. DDR-Bürger hatten damals mit ihrem Personalausweis kostenlosen Eintritt. Heute haben wir ein deutlich gesünderes Ergebnis mit rund 400 000 Besuchern.  

Natürlich gab es auch Veränderungen bei den Ausstellern. Die ostdeutschen Bundesländer sind seitdem als Aussteller mit ganz hervorragenden Auftritten und als wichtige Partner dabei. Andere Länder hingegen, wie die USA und England, die für den politischen Ansatz in Westberlin zu Zeiten der Mauer standen, sind weggebrochen. Auch sind die ehemaligen Ostblockstaaten mit dazugekommen. Ebenso wie Russland, das mit einer kompletten Halle seit Jahren der größte Aussteller überhaupt ist. Ohne den Mauerfall wäre das alles nicht möglich. Wir reden hier also über eine neue Vielfalt, die so entstehen konnte. Es zeigt sich auch ganz klassisch der Mehrwert einer Messe: Marktplatz und Treffpunkt zu sein: In diesem Falle für den Agrar-, Ernährungs- und Gartenbausektor.

Aber auch das Global Forum for Food and Agriculture, das sich aus dem Ost-West-Dialog heraus entwickelt hat, zeigt eine klare Richtung auf. Wir reden nicht mehr über Ost und West, sondern diskutieren über globale Ansätze.

Im Rahmen der Grünen Woche gibt es auch ein neues Messeformat: die „Allergy & Free From Show“ sowie die „V Delicious Show“.
■ Am letzten Wochenende der Grünen Woche bietet die Messe Berlin einem britischen Gastveranstalter ein Dach für seine Veranstaltung.

Wie kam es dazu?
■ Das war eine klassische Angebot-Nachfrage-Situation, die sich getroffen hat. Der Ansatz, diese Shows hier zu präsentieren, ermöglicht es der Messe Berlin, ihr Portfolio zu erweitern. Eine Messe ist ja schließlich auch dazu da, ein Thema möglichst breit und von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Welche Synergien sehen Sie?
■ Wir als Messe können dem Veranstalter ein breites Publikum garantieren und profitieren von den neuen Inhalten, die wir unseren Besuchern anbieten können.

Anders als der Flughafen BER wurde der CityCube, das neue Kongresszentrum der Messe Berlin, in nur 22 Monaten fertig-gestellt und löst damit jetzt das ICC ab. Was passiert nun mit dem ICC?
■ Das ICC wurde vom Land  Berlin gebaut. Was zukünftig mit ihm passieren wird, kann nur der Senat beantworten. Den
CityCube hingegen hat die Messe Berlin gebaut. Alle Veranstaltungen, die bisher im ICC stattfanden, werden wir nun im CityCube durchführen.

Welche besonderen Möglichkeiten bietet der CityCube?
■ Der CityCube ist ein Multifunktionsgebäude und wird von der Grünen Woche als Kongresszentrum genutzt. Hier wird auch die Eröffnungsfeier der IGW stattfinden. Andere Veranstaltungen auf dem Gelände nutzen den CityCube für Ausstellungen oder für beides zusammen. Durch flexible Trennwände lässt sich das neue Kongresszentrum CityCube vielseitig nutzen. Faszinierend ist auch, dass das Gebäude so konstruiert ist, dass es möglichst wenig „tote Fläche“ aufweist. Das heißt, die Korridore sowie Service- und WC-Räume sind so effizient angeordnet, dass möglichst viel der zur Verfügung stehenden Fläche genutzt werden kann. Hinzu kommt, dass das neue Gebäude noch besser an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden ist. Länder, die in ihren Botschaften während der Grünen Woche eigene Veranstaltungen haben, bitten sogar ihre Gäste, nicht das Taxi, sondern die S-Bahn zu nehmen.

Die Internationale Grüne Woche ist trotz ihrer 80 Jahre eine rüstige alte Dame. Wird das Jubiläum gebührend gefeiert?
■ Wir werden das nicht über Gebühr feiern, denn 2016 wird die Messe auf eine 90-jährige Geschichte zurückblicken. Es ist daher in diesem Jahr nicht vermittelbar, die 80. Grüne Woche zu feiern und im nächsten Jahr 90 Jahre alt zu werden. Es gibt also keine Gleichschaltung zwischen Veranstaltung und Jahreszahl. Natürlich wird es eine Geburtstagstorte geben, und wir werden auch in Zukunft versuchen, mit Engagement und Kreativität, das Leben der rüstigen alten Dame zu verlängern.

Die Fragen stellte Annika Schäfer.

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