Globales Forum für Ernährung und Landwirtschaft (GFFA)

28.01.2013

 

 

Berlin. Größer konnte der Kontrast nicht sein. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ zogen Tausende Demonstranten am vergangenen Sonnabend vom Berliner Hauptbahnhof zum Kanzleramt, um gegen „Agrarfabriken“ und Massentierhaltung zu protestieren. Zur gleichen Zeit trafen sich die Agrarminister aus mehr als 80 Staaten dieser Welt zu einem Podium im Internationalen Congress-Centrum am Funkturm, um über aktuelle Probleme der Ernährung und Landwirtschaft zu diskutieren. Die Fakten sind mehr als ernüchternd: Weltweit leiden mehr als 870 Millionen Menschen an Hunger, viele sind infolge mangelhafter Ernährung für ihr ganzes Leben geschädigt. Kinder kommen blind auf die Welt, sterben frühzeitig. Gut gemeinte Lebensmittelhilfen haben nicht dazu beigetragen, diese Probleme zu lindern, im Gegenteil: Regierungen afrikanischer Länder  setzten auf derartige Unterstützung statt in die heimische Landwirtschaft zu investieren. Zum Teil fiel diese auf das Niveau der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Die Probleme werden sich angesichts der steigenden Weltbevölkerung noch extrem verschärfen, wenn dem nicht Einhalt geboten wird. Denn im Jahre 2050 werden rund neun Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Um sie ausreichend zu ernähren, müssen nach Schätzungen der FAO jährlich mehr als 80 Milliarden US-Dollar weltweit in Ernährung, Landwirtschaft und ländliche Entwicklung investiert und somit verdoppelt werden. Doch insbesondere die Kleinbauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern haben keinen Zugang zu finanziellen Mitteln. Vielen Ländern gelingt es nicht, das erforderliche Kapital zu mobilisieren. Eine deutliche Steigerung von privaten und öffentlichen  Investitionen in den Agrarsektor der von Hunger und Armut betroffenen Länder ist unabdingbar. Deshalb ging vom diesjährigen Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) der Appell aus, Leitlinien für verantwortungsvolle Agrarinvestitionen zu erarbeiten. Was dabei zu berücksichtigen ist, wurde beim eingangs erwähnten Podiumsgespräch im ICC deutlich.   

 

Wunder Punkt


Mosambik verfügt zwar über eine Fläche von 46 Millionen Hektar, aber nur knapp sechs Prozent davon sind rekultiviert, also landwirtschaftlich nutzbar. Die Nahrungsmittel werden nahezu ausschließlich von Kleinbauern hergestellt, die Produktivität befindet sich auf einem niedrigen Niveau. Wie Landwirtschaftsminister Jose´ Condunga Pacheco berichtete, werden zwar traditionelle Erzeugnisse wie Baumwolle, Tee und Zucker, aber auch Mais, Bananen und Bohnen exportiert. Doch das Land ist weiter auf Importe angewiesen. „Die entscheidenden Aufgaben für uns bestehen darin, die Produktivität zu steigern, sparsamer mit den Naturreichtümern umzugehen und die Ernährung unserer Bevölkerung zu sichern.“ Der Staat verfügt über den Boden, vergibt Konzessionen an Investoren aus dem In- und Ausland, die über fünf beziehungsweise zwei Jahre laufen und erneuert werden, wenn positive Ergebnisse vorliegen. Als problematisch bezeichnete es Pachero, dass bis zu 40 % der Ernte verdirbt, weil es beispielsweise an entsprechenden Lagermöglichkeiten fehlt. „Wir brauchen deshalb vor allem Investitionen in die Infrastruktur.“  Diese aufzubauen beziehungsweise zu modernisieren übersteigt das Potenzial vieler Entwicklungsländer, so Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank AG. „Global wirkende Unternehmen sind dazu in der Lage. Es wird ihnen aber meist nicht gestattet.“ Der Co-Vorsitzende des Vorstands und des Group Executive Committees sprach damit einen wunden Punkt an. Es besteht die Sorge, dass ausländische Investoren mit viel Know-how tradierte Unternehmen im Land zerstören. Überdies richten sich Direktinvestitionen, die in Entwicklungsländer fließen, vor allem auf den Anbau von Energiepflanzen, viel weniger auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln. Der Ausgrenzung von Landwirten und Kleinbauern dort und der damit verbundenen negativen sozialen und ökologischen Folgen muss unbedingt begegnet werden.  Fitschen verteidigte indessen die unternehmerischen Interessen. „Jeder Investor möchte eine anständige Rendite erzielen. Es kommt darauf an, eine Brücke zu bauen und Lösungen zu finden, die beiden Seiten gerecht werden.“  Dem konnte Bärbel Dieckmann, die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe e.V., nur bedingt zustimmen.  „Investitionen sind notwendig, aber sie müssen an Werte gebunden sein und vor allem den Menschen  in den Entwicklungsländern zugute kommen.“ Sehr skeptisch bewertete sie die Forderung, die Produktion  von Lebensmitteln zu verdoppeln, um die steigende Weltbevölkerung zu ernähren. „Unsere Ressourcen sind begrenzt. Viel wichtiger ist es, der Verschwendung von Nahrungsgütern zu begegnen und in Bildung zu investieren.“ Als wichtige Aufgabe bezeichnete es die Präsidentin, nach dem Beispiel Raiffeisens die Bildung von Einkaufs- und Bewirtschaftungsgemeinschaften voranzutreiben. 


Ressourcen knapp


Ist es dennoch möglich, durch Fremdinvestitionen in den Entwicklungsländern eine win-win-Situation für den Kaptalgeber wie für die Landwirte vor Ort zu schaffen? Shenggen Fan, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute, bestätigte dies ausdrücklich. Der Chinese führte als Beispiel seine Region im Süden des Landes an, wo nach vielen Jahren der Landflucht Bauern wieder Einkommen durch den Gemüseanbau erzielen. „Die Bauern brauchen Investoren und ungekehrt.“ Notwendig sei, Zuchtprogramme zu fördern, um die Qualität von Lebensmitteln zu verbessern. „Gefragt sind  vitaminreichere Kartoffel- und Gemüsessorten, aber auch widerstandsfähigere Getreidepflanzen.“ All dies spreche für den verstärkten Einsatz von öffentlichen und privaten Investitionen. „Wir müssen aber Mechanismen entwickeln, um den Effekt nachprüfen zu  können.“ Eine wichtige Rolle spielt die IFCWeltbankgruppe. Wie Jin-Yong Cai, Vorsitzender der Geschäftsführung, erklärte, werden vor allem Kapitalgeber in Schwellenländern aktiviert. Die Weltbank arbeitet mit den einzelnen Landesregierungen zusammen und begleitet Projekte, die sich vor allem mit der Forschung und Entwicklung beschäftigen. „Der Bedarf ist groß, es gibt aber auch viele Risken.“ Zu den Unsicherheiten über die Preisentwicklung gesellen sich die Angst vor Missernten, Mangel an Lagerkapazitäten und fehlender Marktzugang. „Leider ist es oftmals auch die Politik der Landesregierungen, die Investitionen verhindert.“ Diese müssten sich verstärkt auf die Wertschöpfung vor Ort richten, so Cai. 


Teller statt Tank


Zu den Teilnehmern der Runde gehörte auch der Präsident des Verwaltungsrates von Nestle´, Peter Brabeck-Letmathe. Er bezeichnete es als klares Ziel seines Unternehmens, den Umsatz an Kaffee zu verdoppeln. Dies soll aber nicht über den Kauf von neuen Plantagen geschehen, sondern über die engere Zusammenarbeit mit Kleinbauern. Diese erhalten neue, leistungsstärkere Kaffeepflanzen und die Möglichkeit, sich am Unternehmen zu beteiligen. Eine klare Absage erteilte er der Förderung von Energiepflanzen, weil deren Anbau die ohnehin knappe Ressource Wasser aufzehre und damit das Lebensmittelproblem weltweit vergrößere. „Teller statt Tank ist die Devise“, betonte der Präsident. Die Bundesregierung gibt jährlich mehr als 700 Millionen Euro aus, um die Ernährung und ländliche Entwicklung in den Entwicklungsländern zu sichern. Ein Ziel dabei sind nachhaltige Ertragssteigerungen. „Dazu setzen wir zum Beispiel auf Bildung und Ausbildung vor Ort, haben einige wichtige Agrarausbildungsmaßnahmen angestoßen“, betonte  Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner  zum Abschluss.  „Um das Problem Ernährungssicherheit für alle Menschen zu lösen, brauchen wir die Weltgemeinschaft.“   

 

Wolfgang Herklotz, BauernZeitung



 

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