Fiasko auf den Inseln

29.06.2016

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Der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union wird nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) negative Folgen für die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft haben. Bereits kurz vor dem Referendum wies der Verband unter Berufung auf Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) darauf hin, dass das Königreich im Agrarhandel zu den wichtigsten Kunden der deutschen Exporteure zählt. Im vergangenen Jahr wurden Güter der Land- und Ernährungswirtschaft im Wert von 4,8 Mrd. Euro auf die Insel geliefert, das entsprach einem Anteil von fast 6 % der gesamten deutschen Ausfuhrerlöse im Agrarhandel. Innerhalb der EU lag das Vereinigte Königreich damit auf Platz vier der wichtigsten Abnehmer.


Die Importe von Agrarrohstoffen und Lebensmitteln von der Insel beliefen sich 2015 auf rund 1,4 Mrd. Euro, wobei Branntwein mit 317 Mio. Euro der wichtigste Einfuhrartikel war. In den vergangenen Jahren ist der Handelssaldo zwischen Exporten und Importen zugunsten der deutschen Seite stetig gewachsen. Der Nettoagrarexport im Warenaustausch mit dem Vereinigten Königreich lag 2015 bei annähernd 3,4 Mrd. Euro und damit so hoch wie bei keinem anderen Land.


Mit dem Brexit drohen der deutschen Land- und Agrarwirtschaft nach Einschätzung des DBV neue Exporthürden und höhere Kosten. Zudem würden die Verhandlungen über die Trennung von der EU mehrere Jahre dauern und in dieser Zeit eine große Verunsicherung im Agrarhandel nach sich ziehen. Die Abwertung des britischen Pfundes und ein möglicher Rückgang der Wirtschaftskraft sowie der Einkommen würden zusätzlich als Einfuhrbremse wirken und den Absatz deutscher Exporteure auf der Insel deutlich erschweren.


Der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU und daraus folgende Handelshemmnisse könnten laut DBV insbesondere den deutschen Fleischexporteuren schaden. Sie führten 2015 mit einem Erlös von 777,4 Mio. € das Ranking der Branchen bei den Lieferungen nach Großbritannien an. Es folgten Backwarenexporte mit 580 Mio. € und Milchprodukte mit 508 Mio. €. Bei diesen drei Produktgruppen alleine belief sich der Handelsüberschuss auf mehr als 1,5 Mrd. €. Auch die Exporterlöse von Obst und Gemüse mit zusammen 358 Mio. € waren von Bedeutung.


Neben verschlechterten Handelsbedingungen durch den Brexit befürchtet der DBV auch negative Folgen für den EU-Haushalt. Mit dem Wegfall der britischen Nettoeinzahlung von jährlich etwa 4,9 Mrd. € würde sich bei einer proportionalen Kürzung der Haushaltskapitel das EU-Agrarbudget um mehr als 2 Mrd. € verringern. Für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) drohten deshalb nach 2020 weitere Einschnitte. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass durch den Austritt ein Fürsprecher für eine marktorientierte Agrarpolitik verloren gehe.

 

Das Vereinigte Königreich sei auch gegenüber neuen Technologien innovativer eingestellt, sodass die Gentechnik, neue Züchtungstechniken oder Pflanzenschutzmittel in Zukunft einen noch schwereren Stand haben dürften. Zudem könnten im Bereich des Tierschutzes die Positionen der süd- und osteuropäischen Mitgliedstaaten stärkeres Gewicht erhalten, die in diesem Bereich weitergehende Regelungen ablehnten.

 

 

Thünen-Institut sieht Brexit entspannter: ● Der Rückgang der deutschen Exporte von Agrar- und Ernährungsgütern in das Vereinigte Königreich wird sich nach dessen Austritt aus der Europäischen Union in Grenzen halten. Zu dieser Einschätzung gelangt zumindest das Thünen-Institut (TI) in einer ersten Modellanalyse. Wie das Institut am vergangenen Freitag mitteilte, wurde in einem Marktmodell ein „Worst-Case-Szenario“ simuliert, in dem der Handel zwischen den Ländern nicht durch Freihandelsabkommen oder innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) begünstigt ist. Stattdessen wurde angenommen, dass der Warenaustausch zu den gegenwärtigen Zollsätzen der Welthandelsorganisation (WTO) stattfinden wird und Großbritannien somit eine Stellung wie derzeit die USA oder China innehabe. ● Den Ergebnissen zufolge wäre der Handel mit unverarbeiteten Agrarprodukten von einem Brexit nur geringfügig betroffen. Für verarbeitete Nahrungsmittel seien hingegen deutlichere Rückgänge zu erwarten. Der Einfuhrwert dieser Produkte dürfte im Vereinigten Königreich um rund 8 Mrd. € sinken, die eigenen Exporterlöse um mehr als 5 Mrd. € fallen. Für Deutschland könnte der Brexit einen Rückgang der Nahrungsmittelexporte auf die Insel von 1,2 Mrd. € oder gut 30 % bedeuten.

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