Ein ganz "normaler" Demo-Samstag

24.01.2017

© Sabine Rübensaat

Demos am Brandenburger Tor (Bild links) und am Hauptbahnhof (Bild rechts).

Am Morgen um 9 Uhr versammelten sich am Hauptbahnhof 500 bis 700 Landwirte, um für eine sachliche Agrardiskussion einzutreten und Dialogbereitschaft mit der Bevölkerung zu signalisieren. „Redet mit uns, nicht über uns! Wir machen Euch satt!“ war das tragende Motto des Treffens, das seit nunmehr drei Jahren regelmäßig stattfindet und aus der Internetinitiative „Frag’ den Landwirt“ heraus entstanden ist. Auch „Dialog statt Protest“ hatten viele Teilnehmer auf ihre Plakate geschrieben – als Gegenpol zu den Anschuldigungen, die zuweilen gegen die moderne Landwirtschaft vorgebracht
werden.

 


 Demo am Hauptbahnhof

 

 

 

 

 

 

Sattmacher am Morgen


Viele Demonstranten verdeutlichten zudem die Bedeutung der Landwirtschaft für die Ernährung: „Ohne uns werden Sie nicht satt – ein Landwirt ernährt heute 145 Bürger“, war auf einem der 52 Traktoren zu lesen, die die Bauern mitgebracht hatten. „Wir wollen Landwirte, die tagtäglich in den sozialen Netzwerken Antworten auf Fragen zur Landwirtschaft geben, einmal auch in der Wirklichkeit zusammenbringen und ein Zeichen an Politik und Gesellschaft setzen“, so Landwirt Marcus Holtkötter, der aus Nordrhein-Westfalen kommt und neben Tierärztin Nadine Henke aus Niedersachsen und Landwirt Bernhard Barkmann aus dem Emsland Initiator der Aktion ist. „Wir haben das Thema Dialog bewusst gewählt und wollen damit auch einen Gegenpol zu der Demonstration „Wir haben es satt“ setzen, die heute an anderer Stelle stattfindet“, ergänzte Nadine Henke. „Wir möchten auch daran erinnern, dass es unsere vorrangige Aufgabe ist, Lebensmittel in ausreichender Menge und sicherer Qualität ressourcenschonend zu erzeugen. Das wird in den gesellschaftlichen Diskussionen heute leider viel zu häufig vergessen.“

 

Haltung und Ansagen

 

Die Kundgebung nutzten die Landwirte, um sich gegenseitig Mut zu machen. Lars Schmidt, Milchviehhalter aus dem Havelland, machte deutlich, dass klare Haltung und klare Ansagen notwendig seien, wenn die Gesellschaft sich bei der Agrarpolitik nicht entscheiden kann. Auf keinen Fall sollten sich die Bauern weiter entzweien lassen.

 

Felix Müller, Tierhalter aus Niedersachsen, betonte, wie wichtig eine klare Politik gerade für Junglandwirte sei, da diese nur so zukunftsfähige Betriebskonzepte erstellen könnten. Dr. Heike Müller, Betriebsleiterin und LandfrauenVorsitzende aus Mecklenburg-Vorpommern, machte es kurz und bündig: Es sei beängstigend, wie Politiker heute über Landwirtschaft reden. „Rüsten Sie endlich verbal ab!“, so die erfahrene Landwirtin.

 

Christina Schulze-Föcking, Bäuerin auf dem Münsterland und CDU-Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag, sah das ähnlich. Verunglimpfungen könnten zwar mürbe machen, würden aber niemandem weiterhelfen. Landwirtinnen und Landwirte sollten gemeinsam aufstehen, den Kopf heben und für ihre Ziele eintreten. Parallel zur Berliner Kundgebung gab es in diversen Orten parallele Aktionen der Initiative „Frag’ den Landwirt“. Bundesweit unterstützten nach Ende der Satthabe-Demo. Kein Fake, kein Photoshop. ersten Schätzungen mindestens 5 000 weitere Landwirte die Kundgebung „Dialog statt Protest“.

 

Der Deutsche Bauernverband war zwar auf der Veranstaltung in Berlin personell gut vertreten, verzichtete jedoch auf unmittelbare Beteiligung am Geschehen. Interessant war, dass einige Anhänger der Satthabe-Demo das Dialogangebot wörtlich genommen hatten und es am Rand der Kundgebung hier und da zu sehr guten Diskussionen kam. Dass ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Flugblätter verteilte mit der Frage, warum Bauern mit gleichen Interessen in Berlin auf verschiedene Demonstrationen gehen, wurde zwar von den Veranstaltern nicht gutgehei- ßen, dennoch sicherlich von manchem als Denkanstoß gesehen.

 

Satthaber bunt und laut

 

Mit viel Lautsprechergedröhn und Trommelwirbel startete dann am Samstagmittag die siebente „Wir haben Agrarindustrie satt“- Demonstration. Der Zug versammelte sich am Potsdamer Platz und zog nach einer Auftaktkundgebung durch die Innenstadt. Vornweg fuhren rund 130 Traktorenzüge, die zeigen sollten, dass es sich um eine Bauerndemo handelt. Im Demonstrationszug allerdings dominierten wie in früheren Jahren Organisationen des Natur-, Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutzes, politische Parteien (neuerdings neben den Grünen auch die SPD!) sowie professionelle Kampagnenveranstalter. Sichtbar teilgenommen haben an diesem Demonstrationszug 11 000 bis 12 000 Menschen, auf der Abschlusskundgebung sollen laut Veranstaltern bis zu 18 000 Aktivisten gewesen sein.

 



Demo am Potsdamer Platz

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie in den Vorjahren war die Vielfalt der Demonstrationsinhalte sehr groß. Gestimmt wurde für eine „Agrarwende“ hin zu bäuerlich- ökologischer Landwirtschaft, für fairen Handel, gegen Tierquälerei und „Agrarindustrie“ oder auch schlicht für gesundes Essen! Auch gegen Nahrungsmitteldumping, fragwürdige Handelsabkommen wie CETA und TTIP, Höfesterben „Ökozid“ und Bodenversteppung wurde demonstriert. Einige Demonstranten plädierten auch gegen eine Spaltung der Gesellschaft durch Agrarindustrie, Konzerne und Verbände. „Freiheit, Gleichheit, Bäuerlichkeit“ wurde ebenso gefordert wie ein Bündnis zwischen Landwirten und Verbrauchern sowie Mut zum Umsteuern auf bäuerliche Landwirtschaft. Eine „Landwirtschaft ohne Gift“ wurde gefordert und ökologische Welternährung, freie Saatgut-Nachbaurechte für die Bauern, Ernährungssouveränität sowie eine Welt ohne Gentechnik sowie Patente auf Lebewesen. Immer wieder scharf angegriffen wurde die Bundesregierung, die die Industrialisierung der Land- und Lebensmittelwirtschaft vorantreibe. Namentlich Agrarminister Schmidt wurde Untätigkeit vorgeworfen, in einem Lied besang man den Minister, der wie „Bruder Jakob“ noch schlafe und die Agrarwende verpasse.

 

Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, lobte den hohen Anteil jugendlicher Teilnehmer an der Demonstration, die sich für eine Neugestaltung der Agrarpolitik einsetzten. In Richtung der Berufskollegen, die ein paar Kilometer weiter am Morgen demonstriert hatten, sagte er, notwendig sei nicht Dialog statt Protest, sondern Dialog UND Protest. Das klarzumachen seien die Demonstranten am Mittag so zahlreich angetreten. Die Landwirtschaft müsse den besorgten Menschen in der Stadt Partner sein und mit ihnen gemeinam entschlossen gegen die agrarindustrielle Entwicklung vorgehen.

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