Die Warnungen mehren sich

25.03.2013

Montage © Annika Schäfer, Fotos: Sabine Rübensaat

 

Brüssel. Der ehemalige EU-Agrarkommissar Dr. Franz Fischler brachte es auf den Punkt: Er sehe die Gefahr, dass die laufende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) im Nachhinein eher als verpasste Gelegenheit denn als Erfolg gewertet werden könnte, sagte er auf der gemeinsam von der Europäischen Landbesitzervereinigung (ELO) und dem Agrarkonzern Syngenta am 5. März in Brüssel unter dem Motto „Den Herausforderungen einer nachhaltigen Intensivierung der Nahrungsmittelproduktion begegnen“ ausgerichteten Zukunftstagung.

Keine Doppelförderung

Fischlerkritisierte insbesondere die in Rat und Europaparlament diskutierte Idee, Agrarumweltmaßnahmen zu fördern, die nicht über das Greening der Direktzahlungen hinausgehen. Das würde unweigerlich zu Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) führen. Zudem hält es der Österreicher für wenig sinnvoll, den Staaten einen Strauß von Maßnahmen zu gestatten, die auf das Greening angerechnet werden können. Das bringe am Ende nur noch mehr Bürokratie. Eine Überprüfung der Reform zur Mitte der nächsten Haushaltsperiode sei im Fall der nächsten Agrarreform besonders wichtig.

Der Österreicher räumte ein, das Schlagwort „nachhaltige Intensivierung“ sei schwer fassbar. „Jeder weiß, dass die gegenwärtige Landwirtschaft nicht nachhaltig ist“, so der Ex-Kommissar. Die Nahrungsnachfrage könne nur bei Ertragssteigerungen bedient werden. Nötig seien Innovationen zur Steigerung der Ressourceneffizienz und eine bessere Betriebsführung.

Für echtes Greening

EU-Umweltkommissar Dr. JanezPotocnik pochte darauf, das Greening müsse der Artenvielfalt sowie dem Schutz von Wasser, Boden und Klimazugute kommen. Der Slowene kritisierte den bisherigen Verhandlungsverlauf in Rat und Europaparlament und sprach sich dagegen aus, dem Drang nach einer Aufstockung der Direktbeihilfen durch Umschichtung von Mitteln aus der Zweiten Säule nachzugeben. Es stünden große Aufgaben bevor, so etwa die Modernisierung der landwirtschaftlichen Betriebe, der Umweltschutz sowie die Verbesserung des Lebens im ländlichen Raum. Das alles koste Geld. Aber wenn man diesen Weg nicht weiter gehe, spiele man nur denen in die Hände, die die GAP zerstören wollten. Potocnik warnte er davor, die EU-Agrarpolitik als „unreformierbar“ erscheinen zu lassen. Ansonsten würden die Rufe nach mehr Regulierung durch strengere Umweltgesetze lauter. Die Entscheidungsträger sollten sich bewusst sein, was bei der Agrarreform auf dem Spiel stehe.

Zum Themenkomplex „nachhaltige Intensivierung“ kündigte der Umweltkommissar zwei Berichte an – ein Grünbuch zur Phosphorversorgung und eine Mitteilung zum Bodenschutz. Man könne einfach nicht weiterhin jedes Jahr eine Fläche von der Größe Berlins versiegeln.

Reserven schrumpfen

Der ehemalige Weltbank-Präsident RobertZoellick sieht in der Agrar- und Ernährungswirtschaft eine neue Ära anbrechen, deren Chancen man zu wenig würdige. Während nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion stetig gestiegen und die Preise gefallen seien, beobachte man jetzt seit einigen Jahren einen tendenziellen Preisanstieg bei gleichzeitig größer werdenden Schwankungen. Dabei handele es sich jedoch nicht um einen einfachen Preiszyklus, sondern um eine grundlegende Marktänderung.

Der Ex-Politiker, der aktuell als Mitglied der Harvard University auftritt, forderte eine Ausrichtung der Agrarpolitik an wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie die Förderung neuer Technologien und den Einsatz moderner Datenverarbeitung. Die EU-US-Freihandelsgespräche dürften nach Zoellicks Einschätzung schwierig verlaufen. Er verwies auf die unterschiedlichen Überzeugungen bei Themen wie Chlorhähnchen, gentechnisch veränderte Organismen (GVO) oder Masthormonen und warb für ein wissenschaftliches Herangehen.

Mehr Forschung nötig

Der Chief Operating Officer von Syngenta, John Atkin, sieht die europäische Landwirtschaft im internationalen Vergleich zurückfallen. Er rief die EU auf, mehr öffentliche Gelder für die Forschung bereitzustellen.

Atkin monierte, es gebe keine Anzeichen, dass die laufende GAP-Reform spürbar zur Produktivitätsverbesserung beitrage. Dabei seien Innovationen – und dazu zählte er auch die Gentechnik – für Ertragssteigerungen entscheidend. Atkin rechnete vor, dass allein Brasilien 1 Mrd $ (0,77 Mrd. s) jährlich für die Agrarforschung ausgebe. Die EU hingegen bleibe sogar über sieben Jahre weit dahinter zurück. Man müsse sich fragen, ob das angemessen sei. Die Privatwirtschaft investiere zwar ebenfalls, würde jedoch eine lebendigere öffentliche Forschungslandschaft begrüßen.

Der Manager betonte, dass sein Unternehmen das geplanteGreening unterstütze. Politiker sollten jedoch im Blick behalten, wie man den Bürgern die Maßnahmen verdeutlichen könne.Atkin, der selbst einen Betrieb bewirtschaftet, regte die Anlage von Blühstreifen an; solche Flächen fielen unmittelbar ins Auge und trügen gleichzeitig zum Erhalt der Artenvielfalt bei.

AgE

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