Deutscher Bauerntag 2018

04.07.2018

© Thomas Tanneberger

Hier Dürre seit April, dort staatlich ermutigte Stalleinbrecher, ein Stück weiter schier unendliches Milchpreistheater und eine pingelige CC-Kontrolle – wenigstens für ein paar Stunden nahmen sich die Delegierten und Gäste des Deutschen Bauerntages 2018 von derlei Dingen eine Auszeit, um über Perspektiven der Agrarentwicklung allgemein und Chancen und Risiken der nächsten EU-Agrar­reform im Besonderen zu beraten.

 

Motto mit Hintergrund


„Zukunft wächst auf dem Land“ – das trug als Leitmotiv so vielseitig wie vielsagend durch die Veranstaltung. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, erläuterte, worum es dabei geht: „70 Prozent von Europa sind ländlicher Raum. Die Landwirtschaft ist dort das Rückgrat. Um dieses stabil zu halten, brauchen wir für ganz Europa eine verlässliche Agrarpolitik und ein starkes EU-Budget.“


Stabilität, so Rukwied, sei schon im vergangenen Jahr beim Bauerntag Thema gewesen. Leider seien seither die Risiken größer statt kleiner geworden, weswegen diese Forderung wiederum die Hauptbotschaft der Veranstaltung darstelle. „Gerade wir Landwirte brauchen Verlässlichkeit in den agrarpolitischen Rahmenbedingungen, damit unsere Betriebe wettbewerbsfähig bleiben. Und ländliche Räume brauchen Zukunftsperspektiven für Handwerk, Dienstleistungsbereich und Start-ups. Gerade für junge Menschen ist das wichtig“, so Rukwied. Umso erschütternder seien die Vorgänge in den USA, die auf einen Verlust von Beständigkeit hindeuten. Aber auch in der politischen Landschaft Deutschlands seien Wandlungen im Gang, die nachdenklich stimmen. Bei den aktuellen Auseinandersetzungen in der Union werde es keine Gewinner geben, so Rukwied. „Streiten Sie intern, aber einigen Sie sich auf einen Weg, der Stabilität für unser Land bringt.“

 

Klaren Kurs erkämpfen


Stabilität erwarte der Berufsstand auch in Bezug auf die Reform der EU-Agrarpolitik. Dabei sei man aktuell in der Entscheidungsphase. Das  Budget liege auf dem Tisch, es sei zu knapp, und deshalb unterstütze der Bauernverband Kommissar Günther Oettinger, der für eine Aufhebung des Budgetdeckels von 1 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) kämpfe. 1,11 bis 1,14 % seines BIP sollte nach Oettingers Berechnungen jedes EU-Land nach Brüssel überweisen, dann wäre die Finanzierung gesichert. Aber das sei leider noch Zukunftsmusik, denn einige Staaten seien noch dagegen. Wichtig ist aus Rukwieds Sicht auch zügiges Handeln, sodass Budget und Politik möglichst noch vor der Europawahl 2019 beschlossen werden – die Ergebnisse dieses Referendums gelten als kaum kalkulierbar. Das Problem dabei sei die Arbeit, die bis dahin noch erledigt werden müsse.

 

Großer Rest an Arbeit


Es gelte, eine agrarpolitische Regelung zu finden, die den unterschiedlichen Strukturen in Europa Rechnung trägt. „Eine Kappung und Degression von Direktzahlungen lehnen wir jedoch weiterhin ab“, sagt der DBV-Präsident. Die Erste Säule müsse ihren einkommenstützenden Charakter behalten und als Ausgleich für den im weltweiten Vergleich hohen europäischen Umwelt- und Qualitätsstandard dienen.


Innerhalb Deutschlands stünden aktuell ganz praktisch die Herkunftshaltungskennzeichnung für tierische Produkte, die Erschließung von Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe  Agrarstruktur und Küstenschutz für die Entwicklung des ländlichen Raums und die dringende Präzisierung der Vorschriften für die Tierhaltung im Zentrum der Arbeit. Insbesondere in der Schweinehaltung sei der Staat gefragt, endlich stabile und klare Vorgaben zur Ferkelkastration und zur Sauenhaltung zu machen. Es sei inakzeptabel, wie lange der Staat die Bauern ohne klare Informationen zur Rechtslage und zu Produktionsalternativen hinhalte.


Kritikwürdig sei auch die Konzentration von 85 % des Lebensmittelmarktes bei vier großen Handelsketten. „Das ist ein enges Oligopol, das geht zulasten der Bauern, das geht so nicht.“


Nur bei Kritik hielt sich Bauernpräsident Rukwied jedoch nicht auf. In seiner Rede lobte er die Ackerbaustrategie, die der Zentralausschuss der deutschen Landwirtschaft im März unter maßgeblicher Beteiligung des Bauernverbandes zusammengestellt hat. „Wir haben gearbeitet, wir haben uns bewegt, wir haben aufgezeigt, wie Nachhaltigkeit geht. Aber eines muss man auch klar sagen: Eine exzellente Qualität der Ernten ist ohne den Einsatz moderner Betriebsmittel nicht möglich. Und dazu zählen nun eben auch Pflanzenschutzmittel.“

 

Nicht leicht gemacht


Eine wissenschaftsbasierte, sachliche Betrachtung wünscht sich Rukwied auch beim Thema „Insektensterben“. „Wir müssen das ernst nehmen. Wir haben das sehr ernst genommen. Und es gibt bereits viele gute Initiativen aus unseren Reihen zum Bienenschutz. Allerdings irritiert uns, dass oft ausschließlich die Landwirtschaft verantwortlich gemacht wird für die Abnahme der Insekten. Verkehrsbau, Zersiedelung, Industrieschmutz, Städtebeleuchtung – es gibt viele Faktoren, die Insekten Probleme bereiten. Wir brauchen anständige Forschung und valide Daten, und im nächsten Schritt Lösungsansätze.“


Letztlich sei er der Hoffnung, dass man hinsichtlich der Haltungskennzeichnung noch eine gemeinsame Linie mit der Bundesregierung findet. Aus Sicht des Bauernverbands sollte man mit dem Standard der Initiative Tierwohl das erste gehobene Niveau kennzeichnen, im Ranking unter dem gesetzlichen Standard aber auch eine Stufe einrichten, die Ware aus dem Nicht-EU-Bereich markiert. Im Landwirtschaftsministerium sieht man im Gegensatz dazu die Basis der Tierwohlkennzeichnung auf einem Niveau „Initiative Tierwohl + X“.


Insgesamt, so Rukwied zusammenfassend, solle der Staat den Rahmen so setzen, dass die Landwirte wettbewerbsfähig sind und dabei Geld verdienen können. „Dann wächst Zukunft wirklich auf dem Land. Ich glaube daran.“

 

 

Neuer Vizepräsident: Schmal folgt auf Hilse                                                                                                                                                                                                                   Überwältigendes Wahlergebnis: Mit 95,3 % der abgegebenen Delegiertenstimmen hat die Mitgliederversammlung des DBV Milchbauernpräsident Karsten Schmal zum neuen Vizepräsidenten gewählt. Der 52-Jährige steht seit Anfang Dezember 2015 als Präsident an der Spitze des Hessischen Bauernverbandes und ist seit 2012 Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Waldeck. Zudem leitet er seit 2016 den DBV-Fachausschuss Milch und berät seit Oktober 2017 als stellvertretender Vorsitzender der „Gruppe für den zivilen Dialog“ die EU-Kommission in milchpolitischen Themen. Gemeinsam mit seiner Familie bewirtschaftet der ausgebildete Agrartechniker und studierte Agraringenieur einen Marktfrucht- und Futterbaubetrieb mit rund 175 Milchkühen im Kreis Waldeck-Frankenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Nachwahl zum Vorstand des DBV wurde notwendig, da DBV-Vizepräsident Werner Hilse im Landvolk Niedersachsen altersbedingt nicht mehr als Präsident zur Verfügung stand. Hilse war seit 2006 Vizepräsident des DBV und von 2003 bis 2017 Präsident des Landvolkes Niedersachsen. DBV-Präsident Joachim Rukwied dankte Hilse für seinen langjährigen unermüdlichen und außerordentlichen Einsatz für die deutschen Bauernfamilien. Hilse ist Landwirtschaftsmeister und bewirtschaftet in Nordostniedersachsen einen Ackerbaubetrieb mit Schweinemast sowie einen weiteren Ackerbaubetrieb in Kooperation. DBV

 

 

Karsten Schmal

 

 

 


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