Bio zeigt sich selbstbewusst

19.02.2015

© Sabine Rübensaat

Der Biomarkt in Deutschland hat sich 2014 immerhin deutlich ausgeweitet. Erstmals seit einigen Jahren wuchs die Bioackerfläche stärker als das ökologisch bewirtschaftete Grünlandareal.

Qualitativ hochwertige Bioprodukte „Made in Germany“ seien ausgesprochen gefragt, betonte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf der kürzlich zu Ende gegangenen BioFach-Messe in Nürnberg. Doch so sehr recht der Mann damit vielleicht auch hat, die Meinungen zu den Möglichkeiten einer Steigerung der heimischen Bioproduktion und den dazu notwendigen Entwicklungen sind in Politik, Wirtschaft und Verbänden unterschiedlich gelagert. Sehr eindrucksvoll zeigte das ein Messeforum unter dem Motto „Mehr Bio aus Deutschland – mit einer kohärenten Politik für die ökologische Landwirtschaft“ am 11. Februar.

Staat hält sich offenbar bedeckt

Staatssekretär Dr. Robert Kloos vom Bundeslandwirtschaftsministerium sieht den Beitrag des Staates vor allem darin, die Forschungsförderung zu finanzieren. Bereits seit 2002 gebe es die Unterstützung über das Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN). Ferner trage der Bund mit der Gemeinschaftsaufgabe „Förderung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) zur Unterstützung des Biolandbaus bei; der Bund gebe hier den Rahmen vor, und die Länder gestalten diesen über ihre Programme aus. Der Bund habe in der GAK die möglichen Zuschüsse für die Hektarprämien erhöht, doch diese Möglichkeit sei nicht von jedem Bundesland voll ausgeschöpft worden, so Kloos. Insgesamt ist nach Ansicht des Staatssekretärs jedoch vor allem die Wirtschaft gefragt, den heimischen Ökolandbau voranzubringen; hier sei die Bundesregierung zu einem Zusammenwirken bereit.

Eine klare Absage erteilte Kloos in diesem Zusammenhang der Forderung des Anbauverbandes Demeter nach einer Stickstoffsteuer. Dies sei eine Hoffnung, die „nicht realistisch“ und auch „nicht tragfähig“ sei. Vielmehr müsse man auf den Verbraucher zugehen und diesem klarmachen, dass höhere Lebensmittelstandards auch mit mehr Geld bezahlt werden müssten.

Keine Euphorie erzeugen!

Ministerialdirektor Wolfgang Reimer vom baden-württembergischen Landwirtschaftsministerium erläuterte, dass sein Haus bewusst nicht die höchste Umstellungs- und Beibehaltungsquote bei der Ausgestaltung des neuen Förderprogramms für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl (FAKT) gewählt habe. Als Grund führte er an, dass in Bundesländern, in denen man dies angestrebt habe, nach einer zunächst geradezu euphorischen Entwicklung dann ein starker Anteil an Rückumstellungen verzeichnet worden sei. Zudem sei in Baden-Württemberg eine Kombination mit anderen Agrarumweltprogrammen möglich.

Dringenden Nachholbedarf sieht Reimer im Bereich Ausbildung und Berufsbildung bei der Vermittlung des Wissens um den ökologischen Landbau. Zum Thema Forschungsförderung sprach er sich dafür aus, wieder eine stärkere Ausrichtung auf den Ökobereich vorzunehmen. Im Hinblick auf die jüngste Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) plädierte Reimer für einen Midterm-Review 2017, bei dem eine Mittelumschichtung von der Ersten in die Zweite Säule erfolgen sollte. Das müsse ernsthaft überlegt werden, einen radikalen Bruch solle es aber nicht geben.

Sehr überdenkenswerte Worte fand Prof. Dr. Ulrich Hamm von der Universität Kassel  auf der Tagung.

Staat setzte falsche Rahmenbedingungen?

Nach seiner Auffassung ist der Ökolandbau in Deutschland nicht ausreichend wettbewerbsfähig gegenüber der konventionellen Landwirtschaft, aber auch im Vergleich zu Biobetrieben in anderen Ländern. Seine Schlussfolgerung daraus ist, dass die Politik die Rahmenbedingungen falsch gesetzt habe. Der Wissenschaftler verwies mit Blick auf den steigenden Anteil von Vegetariern und Veganern auf Studien, denen zufolge die Verbraucher zunehmend auch die Tierhaltung im Ökolandbau kritisch sähen. Hamm stellte hierzu fest, dass der Ökolandbau nicht funktionieren könne, wenn die Tierhaltung wegbreche. Er forderte in dem Zusammenhang eine konzertierte Kampagne, die verdeutliche, dass hochwertiger Genuss nicht zum Nulltarif zu haben sei. Außerdem müssten Wettbewerbsverzerrungen endlich reduziert, die Umweltleistungen des Ökolandbaus honoriert sowie die Kosten der Umweltnutzung durch den konventionellen Landbau berücksichtigt werden.

Der Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, hob hervor, dass es keine allgemeingültige und generell Erfolg versprechende Maßnahme gebe, um den Ökolandbau voranzubringen. Notwendig sei vielmehr ein vielfältiges System der Förderung und Unterstützung. Löwenstein verwies hierzu auf die Auswirkungen der Pachtpreise und nannte als Beispiel die Region Papenburg, wo aufgrund der hohen Pachtpreise kein Biolandbau möglich sei. Somit sei die Frage der Förderprogramme ein zentraler Aspekt. „Wir müssen die Gelder nehmen und die Bauern für ihre Leistungen bezahlen, die sie über ihre Preise nicht erhalten“, unterstrich der Prinz.

Vielfältige Maßnahmen notwendig

Löwenstein sprach sich zudem dafür aus, andere Politikfelder mit ins Visier zu nehmen. Wenn es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zur Weiterentwicklung des Ökolandbaus gebe, müsse hierzulande Gleiches erfolgen wie in Dänemark. Dort wird laut dem Kopenhagener Landwirtschaftsminister Dan Jørgensen in den Kantinen der Bundeswehr das Essensangebot zu 90 % auf Bio umgestellt. „Es braucht einen klaren politischen Willen dafür“, so der BÖLW-Vorstandsvorsitzende. Staatssekretär Kloos griff hier in die Diskussion ein und plädierte dafür, eher „von unten anzufangen“ und die Standards bei den Ausschreibungen für Kantinen zu überarbeiten. Nach den Worten der Geschäftsführerin der Neumarkter Lammsbräu, Susanne Horn, ist für die Landwirte vor allem das Thema Verlässlichkeit wichtig. Die Bauern stellten nur dann auf Bio um, wenn sie auf Grundlagen setzen könnten, denen sie vertrauten. Auch sei es wichtig, dass die Vermarktungsseite als verlässlicher Partner auftrete. Ferner brauche es zumindest kleine Schritte hin zu fairen Preisen; andernfalls könne man keine neuen Landwirte hinzugewinnen.

In großen Schritten voran?
Der Biomarkt in Deutschland hat sich 2014 immerhin deutlich ausgeweitet. Der Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) geht davon aus, dass der Umsatz mit Biolebensmitteln gegenüber 2013 um 4,8 % auf 7,91 Mrd. € zugelegt hat. Das geht aus der Broschüre „Zahlen, Daten, Fakten. Die Bio-Branche 2015“ hervor, die der BÖLW just am 10. Februar zur BioFach-Messe in Nürnberg vorgelegt hat. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche belief sich laut BÖLW-Schätzung auf 1,089 Mio. ha; das ist gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 2,7 %. Der Anteil des Bioareals an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche (LF) in Deutschland lag bei 6,5 %. Erhöht hat sich auch die Zahl der biologisch wirtschaftenden Betriebe, und zwar um 2,9 % auf 23 937; das sind 8,4 % aller Bauernhöfe im Land. Erstmals seit einigen Jahren wuchs die Bioackerfläche stärker als das ökologisch bewirtschaftete Grünlandareal. Der Anteil des Bioackerlandes der gesamten Ökofläche belief sich im Berichtsjahr auf 43 %; das entspricht rund 455 000 ha, nach 430 000 ha ein Jahr zuvor. Die Grünlandflächen machten laut BÖLW mit etwa 565 000 ha etwa 54 % des Bioareals aus. Bemerkenswert ist auch, dass die deutschen Ökobauern im Jahr 2014 insgesamt 13 % mehr Geflügelfleisch und 16 % mehr Eier produziert haben. Die Biomilchanlieferung ist um 2 % gestiegen, und zwar auf 682 Mio. kg. Die ökologische Schweine- und Rinderproduktion blieb hingegen mit 22 300 t beziehungsweise 38 400 t nahezu stabil.

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